Lesung in Blieskastel Linus Reichlin las in der Pilgerrast

Blieskastel · Der Autor stellt im Biergarten am Blieskasteler Kloster sein aktuelles Werk „Señor Herreras blühende Intuition“ vor.

 Der Schriftsteller Linus Reichlin las am Freitagabend im Biergarten der Blieskasteler Pilgerrast aus seinem neuen Werk „Señor Herreras blühende Intuition“ und wurde anschließend von Buchhändlerin Brigitte Gode interviewt.

Der Schriftsteller Linus Reichlin las am Freitagabend im Biergarten der Blieskasteler Pilgerrast aus seinem neuen Werk „Señor Herreras blühende Intuition“ und wurde anschließend von Buchhändlerin Brigitte Gode interviewt.

Foto: Jörg Martin

Freitagabend im Panorama-Biergarten „Pilgerrast“ hoch über der Blieskasteler Innenstadt. Gäste, die den ersten Tag ohne Corona-Schnelltest in der Außengastronomie des Blieskasteler Klosters genießen wollen und nicht reserviert haben, müssen sich etwas gedulden. Der Biergarten ist ausgebucht. Doch Edina Becker, seit sechs Jahren zusammen mit Elmar Becker Pächter, findet noch einen Platz für ein Paar ohne Reservierung.

Ein Grund für die Nachfrage ist auch, dass im hinteren Teil des Freiluft-Lokals eine Lesung stattfindet. Sie ist wieder möglich, sofern man eine Karte in der Gollenstein-Buchhandlung bei Mitveranstalter Brigitte und Annabelle Gode gekauft und somit einen Sitzplatz gebucht hat. Und dafür bedarf es dann dennoch wieder eines Schnelltests. „Wir wussten vor vier Wochen noch nicht, ob das Festival überhaupt stattfinden kann“, gestand Brigitte Gode in ihrer Begrüßung. Denn der Abend findet im Rahmen des saarländischen Literaturfestivals „erLESEN“ statt, das sich auf der Zielgeraden befindet. „Ich komme eigens aus Mannheim hierher“, meint ein Literatur-Fan. „Endlich wieder Kultur und dann noch eine Lesung im Freien“, gibt sich Horst Woniak aus Saarbrücken erleichtert.

Es dürfte wohl die erste Veranstaltung seit dem letzten Sommer sein. Und Petrus steuerte Temperaturen von kurz unter der 30-Grad-Marke bei, blies ab und an ein leises Lüftchen durch die Reihen. Ja, und dann war da auch noch die Hauptperson des Abends: Linus Reichlin (64). Man ahnt es schon: Der Mann ist Schweizer. Er wohnt mittlerweile seit 15 Jahren in Berlin, von wo aus er auch eigens am Vortag mit dem Pkw angereist war. Und das scheint hinsichtlich der Sozialisation eine Mischung zu sein, die es in sich hat. Reichlins schräger Humor ist erstmal gewöhnungsbedürftig.

Reichlins aktuelles Werk „Señor Herreras blühende Intuition“ passe buchstäblich hierher wie die Faust aufs Auge, meinte Brigitte Gode. Quasi ein spanisches Kloster nach „Kaschdel“ transferiert. Die Kulinarik der Beckers jedenfalls harmonierte schon mal, denn es gab spanischen Sekt und später Tapas für die Bücherfreunde. Für den Schriftsteller war es die erste Lesung dieses Buchs, wenn man einmal von Corona-bedingten Hörfunk-Beiträgen im Bademantel absehe, gestand er. Telefoninterviews gab er beim Wandern im Tessin. Wenn er dann aus seinem Werk vorliest und etwa den Taxifahrer beschreibt, der vorlaut und impulsiv einen Fahrgast in eben ein andalusisches Kloster bringen soll, ahnt man es: Reichlin hat da weitaus mehr Autobiographisches in seinem Buch verarbeitet, als man erwartet. Denn auch sein Protagonist Herrera, Koch und Gästeverwalter des Klosters, ist von der schreibenden Zunft, liebt die Ironie und das Schelmische. Und sein Schöpfer gibt freiweg zu, dass er das Publikum gerne verwirrt. Man spürt, dass Linus Reichlin alleine bei dem Gedanken daran großen Spaß hat. Es geht um die Mafia, Zeugenschutzprogramme und eine Nonne. Der Autor liebt es mit Gegensätzen zu spielen.

Selbstredend, dass weder Spannung noch Unterhaltung zu kurz kommen. Dafür sorgt alleine die Symbiose von Gossensprache und dem edlen Stil eines Lebenskünstlers, eines Bonvivants. „Jeder Beruf verändert die Körperhaltung des Betroffenen“, hat Linus Reichlin festgestellt. Er lacht dabei, das Publikum lacht mit. Man puscht sich gegenseitig hoch und hört dem Autor mehr als gerne zu.

Schriftsteller führten ein ruhiges und ereignisloses Leben, sagt Reichlin. Wäre das anders, könnte man auch nicht schreiben, so der Texter. Der Träger des Deutschen Krimipreises, dessen Werk „Der Assistent der Sterne“ als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ prämiert wurde, hat nämlich auch einen Drang zur Physik und zur Mikrobiologie, entlockte ihm Brigitte Gode im Interview. „Alles, was passieren kann, passiert, wenn genügend Zeit ist“, gab er den Besuchern am Ende mit auf den Weg.

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