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Interessante Kapitel in einem neuen Buch im Saarpfalz-Kreis

Ein Buch mit Tiefgang für den Saarpfalz-Kreis : Hexenprozesse und verwüstete Dörfer

„Der Bliesgau. Natur – Menschen – Geschichte“: Ein Buch beleuchtet detailliert auch die Vergangenheit in unserer Region. Teil 2

Die frühe Neuzeit und der Dreißigjährige Krieg: Es ist eines der Kapitel, in denen man keine Tiefkühltruhe öffnen muss, um zu frösteln. Zuweilen grausige wie haarsträubende Ereignisse prägten das Leben hierzulande. Menschen wissen eben, wie man verstümmelt, tötet und alle Habseligkeiten raubt. Beispiel Hexenprozesse, im ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhundert. Frauen wurden denunziert und von Staats wegen verfolgt. Hexenprozesse sind 1570 in Blickweiler, 1593 in Reinheim und 1599 in Blieskastel belegt, wo einige beschuldigte Frauen den gefürchteten Tod im Feuer fanden. All das finden wir in dem neuen Buch „Der Bliesgau: Natur – Menschen – Geschichte“, das mit der derzeitigen Ausstellung im Fürstinnengrab-Gebäude korrespondiert (wir berichteten). Gemeinsam mit einigen Co-Autoren hat Andreas Stinsky, der Museumsleiter des Europäischen Kulturparks in Reinheim, in dem 240 Seiten umfassenden Werk unter anderem die Historie ergründet. Und so erhalten wir regionalen Einblick in den durch religiöse Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten ausgelösten Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Stinsky spricht von einer „Schreckensperiode“, die auch noch von Pestepidemien begleitet war. Durchziehende Truppen plünderten und brandschatzten regelmäßig sämtliche Ortschaften, Höfe, Klöster und landwirtschaftliche Flächen.

Die Einwohnerzahl in den Dörfern ging durch Vertreibung und Ermordung meist auf wenige Familien stark zurück, so dass das wirtschaftliche Gefüge völlig zum Erliegen kam. So gerieten auch fast alle Bliesmühlen außer Nutzung. Wie stark der Krieg die Gegend ausbluten ließ, verdeutlicht insbesondere die Einwohnerzahl der damaligen Doppelstadt Saarbrücken-St. Johann: Zwischen 1628 und 1637 ging diese von 2732 auf 70 zurück. In Blieskastel lebten 1651 nur noch vier Familien. Andreas Stinsky: „Der Dreißigjährige Krieg brachte derart viel Zerstörungen und Leid mit sich und stellte eine so prägnante Zäsur für die Region dar, wie nach ihm nur der Zweite Weltkrieg.“

Dann folgten Einwanderungswellen in die extrem heruntergekommenen Dörfer an der Blies, sie zogen sich bis ins mittlere 18. Jahrhundert. Es kamen religiös Verfolgte wie Mennoniten oder Hugenotten aus der Schweiz, Männer, Frauen und Kinder aus Tirol, Vorarlberg, Bayern, Savoyen und Innerfrankreich.

Wir überspringen nun das Kapitel „100 Jahre Bayern an der Blies“ und halten inne im Wahlkampf zur Saarabstimmung. In deren Vorfeld ging es teils kriminell zu. So wurde etwa in Blieskastel am 30. Dezember 1934 von einem Schlägertrupp der Deutschen Front (DF) eine Versammlung von Status-quo-Befürwortern gestürmt. Teilnehmer wurden mit Stuhlbeinen traktiert, drei Leute durch Revolverschüsse verletzt. In Niederwürzbach wiederum wurden vier Tage vor der Wahl Austräger der linken „Arbeiterzeitung“ mit Äxten und Eisenstangen überfallen, wobei man ihnen auch noch Pfeffer in die Augen streute. Die DF wurde von den Nazis finanziell und logistisch massiv unterstützt. Das Ergebnis der Saarabstimmung ist hinreichend bekannt.

Und nun zum Zweiten Weltkrieg im Bliesgau. Im September 1939 wurden die Jahrhunderte alten und malerisch schönen Bliesbrücken von Reinheim, Gersheim, Herbitzheim und Bliesdalheim im unteren Bliesgau sowie auch die Saarbrücke in Sarreguemines gesprengt, um französischen Streitkräften den Vormarsch zu erschweren. Das gleiche Schicksal erlitt der 26 Meter hohe Alexanderturm, der 1893 auf dem Gipfel des Kahlenberges zwischen Breitfurt und Böckweiler errichtet worden war. Und es ging dem vor rund 4000 Jahren aufgestellten Gollenstein an den Kragen. Der größte Menhir Mitteleuropas wurde umgelegt und zerbrach in mehrere Teile. Diese Zerstörungen erfolgten in der Sorge, die weithin sichtbaren Kulturdenkmäler könnten als Richtpunkte der feindlichen Artillerie dienen. Dies stellte sich im weiteren Verlauf der Kampfhandlungen als unnötig heraus. Und noch ein Kapitel unsäglicher Taten: Zwischen Sommer 1940 und Frühjahr 1941 gingen Vertreter der Nazi-Organisation Todt (OT) durch die Dörfer im Bliesgau und dokumentierten die Kriegsschäden an den Gebäuden. Bis Kriegsende wurden daraufhin vielfach selbst nur leicht beschädigte, Jahrhunderte alte und schmuckvolle Anwesen abgerissen, da Hitlers Helfer die zerstörten Grenzdörfer in nationalsozialistische Musterorte verwandeln wollten. Und Neubauten versprachen, die niemals realisiert wurden. Diese Eingriffe in historisch gewachsene Ortsstrukturen waren immens. So wurden in Altheim, Böckweiler, Herbitzheim und Bliesdalheim bis Kriegsende zwei Drittel der bestehenden Bebauung abgerissen. In Bliesdalheim waren es 75(!) von 115 Anwesen.

Die Organisation Todt dokumentierte 1940/41 die Kriegsschäden in den Orten, da das NS-Regime die Grenzdörfer in nationalsozialistische Musterorte verwandeln wollte. Und Unterstützung für Neubauten versprach, zu denen es jedoch nicht mehr kam. Abgebildet ist hier der Abriss eines Wohnhauses in Habkirchen. Foto: Gilbert Schetting
Hier sehen wir eine Fähre über die Blies zwischen Blies-Schweyen und Bliesmengen-Bolchen. Die Aufnahme entstand um das Jahr 1900. Foto: Nicole Roth
So sah er einmal aus, der Kirchheimer Hof bei Breitfurt im Jahr 1919. Ihn umgab ein Englischer Landschaftspark. Foto: Repro: Andreas Stinsky
Das Bild dieses Wohn- und Geschäftshauses in Herbitzheim dokumentiert das Ausmaß der Zerstörungen des durch die Nationalsozialisten angestifteten Zweiten Weltkrieges. Foto: Ortsrat Herbitzheim
Und von allen geschichtlichen Geschehnissen unbekümmert fließt die Blies dahin. Foto: Peter Gaschott
Heuernte Anfang des 20. Jahrhunderts in der Bliesaue bei Breitfurt. Foto: Ortsrat Breitfurt

Die schlimmsten Kapitel der Vergangenheit in unserer Region – sie sind nur ein Teil des neuen Bliesgau-Buchs. Denn auch erbauliche Dinge nehmen hier viel Platz ein. Da geht es etwa um den vielfältigen Wirtschaftsraum, um die Lebensbedingungen in den Bliesgaudörfern im frühen 20. Jahrhundert, um Sehenswürdigkeiten, Ausflugsziele, um die Siedlungsnamen und was sie verraten, um Natur und Baukultur als identitätsstiftendes Element. Und um den Strukturwandel als die große Herausforderung. Kurzum: eine Rundum-Betrachtung des menschlichen Daseins, die auch den Blick in die Zukunft richtet.