Freie Bühne Limathé spielt „Oliver Twist“

Probenwochenende : Pallottischüler sind alles kleine Gauner

Besuch beim Probenwochenende in der Landesmusikakademie Ottweiler. Die Freie Bühne Limathé spielt „Oliver Twist“. Premiere ist in Blieskastel.

„Ich bin ein Arschloch, ich mobbe gern, am liebsten den Oliver.“ Sagt Alpay (14) ungerührt. Neben ihm auf dem Bett sitzen Joshua (14) und Max (zehn) und grinsen. „Ich werde von jedem geschlagen“, erzählt Joshua aufgeräumt. Und Max meint unbekümmert: „Ich bin sehr krank und werde sterben.“ Genaugenommen schon in Szene drei.

Gemein, misshandelt und todkrank sind die drei Pallottischüler natürlich nicht wirklich – sondern ihre Charaktere, die sie in „Oliver Twist“ verkörpern. Gemeinsam mit drei Jugendhilfe-Einrichtungen bringt die 2018 gegründete Freie Bühne Limathé das Stück ab Februar auf die Bühne. Mit im Boot sind das Jugendhilfezentrum Propstey St. Josef in Taben-Rodt, das Pallottihaus Neunkirchen und das Heilpädagogische Zentrum Wadgassen. Angela Heintz von der Freien Bühne Limathé erfüllt sich mit dieser Inszenierung einen Traum – als Geschenk für sich selbst zum runden Geburtstag: „Ich fand den Roman schon als Jugendliche super toll. Überhaupt Dickens, der ist immer faszinierend und aktuell.“ Doch zunächst musste sie eine Bühnenfassung schreiben. „Im Original sind unglaublich viele Figuren drin, da hab ich reduziert oder geändert.“ Nicht ganz einfach sei es auch gewesen, ein Gleichgewicht zu finden: In Dickens Milieustudie wimmelt es von Halunken, Kriminellen, Charakterschweinen. In ihrer Inszenierung sollte sich aber Gut und Böse die Waage halten.

Es ist Samstagnachmittag. „Ich bin unheimlich gern hier“, schwärmt Angela Heintz. Das Wochenende in der Landesakademie für musisch-kulturelle Bildung soll die Mannschaft zusammenschweißen. „Bisher gab es nur Proben einzelner Szenen.“ Das Ensemble kannte sich vorher nicht, doch die neun Kinder und 13 Erwachsene werden schnell miteinander warm.

Während unten ein Chor übt, feilt man im zweiten Stock an der Kidnapping-Szene: Waisenjunge Oliver (Joshua Rößner), der endlich ein liebevolles Zuhause gefunden hat, wird bei einem Botengang von Nancy (Celine Knörr) abgefangen und weggeschleppt. Sie bringt ihn zurück zu Fagin, Chef einer Bande von Kindertaschendieben – herrlich boshaft gespielt von Margret Gampper, deren Enkelin ebenfalls mitwirkt.

„Das Hemd kommt in die Hose“, ermahnt die Theaterpädagogin Joshua. „Das rutscht eh gleich wieder raus“, entgegnet der 14-Jährige. Es ist ein ständiges Pendeln zwischen hier und jetzt und dem London vor 200 Jahren. Passende Kostüme zu kriegen war gar nicht so leicht, „das Staatstheater leiht nichts mehr aus“. Ela Otto aber zum Glück schon. Die Kollegin vom Theater Überzwerg hat einen Fundus aufgekauft und stellt daraus Kleidungsstücke zur Verfügung. Einige Mitspieler kümmerten sich selbst und deckten sich auf Flohmärkten oder im Internet mit Secondhand-Sachen ein. Kaninchenkragen, Kleider und Umhänge, Zylinder und Hosenträger – rein optisch stimmt alles, dafür hängt es beim Text. Viel Zeit bleibt nicht, am Samstag, 1. Februar, feiert das Stück Premiere in Blieskastel.

Wie kommen die Kinder eigentlich mit Dickens sozialkritischer, nicht gerade zimperlichen Erzählung zurecht, der Angela Heintz eine Altersfreigabe von zwölf Jahren attestiert? „Sie bringen zum Teil ihre eigene Geschichte auf die Bühne“, sagt Heintz. Theatererfahren sind sie allesamt, „wir spielen jeden Freitag Theater im Unterricht“, erzählen die Jungs. Für sie ist diese außerschulische Erfahrung „eine Riesenchance“, betont die Regisseurin. Damit die Kinder nicht abheben, spricht sie nicht von Hauptrolle, sondern lieber von Titelrolle und tragenden Rollen. „Manche sind auch froh mit einem kleinen Part“, die Rollenverteilung sei unkompliziert gewesen.

Wie er sich den vielen Text merkt wollen wir vom Oliver-Twist-Darsteller wissen. „Da ist kein Trick dabei, ich spiele das einfach und sag es öfter auf“, verrät Joshua. Spurlos vorbei geht der „Oliver Twist“ jedenfalls nicht an den jungen Darstellern. „Das öffnet einem ein bisschen die Augen“, findet Alpay. Wie man damals gelebt hat und „wie sich die Dinge verändert haben. Früher durften sich die Eltern ausruhen“, während der Nachwuchs arbeitete. Dagegen haben Kinder heute ganz andere Rechte. Ihm selbst brachte das Schauspielern noch einen super Nebeneffekt, verrät der 14-Jährige: „Ich hatte früher immer Probleme, mit Menschen zu reden.“ Das ist jetzt anders, dank Charles Dickens und Angela Heintz.