Ein Haus mit Überraschungen

Mimbach

Mimbach. "Ich muss in stetiger Angst und Schrecken leben, weil hart wider meiner Türschwelle vorbei und über dieselbe alles Vieh des ganzen Dorfes vorbei getrieben wird, fast stündlich ganze Trupp Pferde in vollem Jagen von den Fuhrbuben vorbei gesprengt werden, so dass man kein Kind allein vor die Tür schicken kann, zu geschweigen des großen Kots und Unflats so dadurch verursachet wird. Sonderlich beim Regenwetter und zur Winterszeit, da man bis an die halbe Kniebein im Kot herumwandeln muss, wann man nur vor die Tür tritt, welches dann nicht nur Schuh und Strümpfe merklich verbraucht und mit stetigen Abwaschen und Säuberung viel zu tun gibt, sondern auch Gestank und Krankheit, deren ich und die Meinigen schon viel ausstehen müssen, verursacht.": Wahrlich stinkesauer war seinerzeit Johann Christian Wernigk, der protestantische Pfarrer von Mimbach, über die Verhältnisse vor seiner Haustür. Deswegen wandte er sich mit einem Schreiben, das sich gewaschen hatte, an seine Vorgesetzten in Zweibrücken und mahnte zudem an, dass er dringend ein neues Pfarrhaus brauche. Das sei für die Kirchengemeinde Mimbach alles andere als ein Luxus, vielmehr seien seine "Schäfchen" wohl begütert und durchaus in der Lage, das neue Domizil zu finanzieren. Pfarrer Wernigk, dessen Großvater drei Jahrzehnte zuvor noch ein hoher Beamter am Zweibrücker Hof in Diensten des Herzogs war, hatte Erfolg mit seiner Eingabe aus dem Jahr 1708. Ein Jahr später stand das neue Pfarrhaus, und bis heute hat es sich an jener Stelle erhalten, in der die Breitfurter Straße die ganz scharfe Kurve macht. Eigentümer und Bewohner des damit genau 300 Jahre alten Bauwerks sind heute Joachim Götz und seine Familie. Diesen nicht alltäglichen "Geburtstag" eines Hauses vor Augen, hat er sich in der letzten Zeit verstärkt auf Spurensuche zur Geschichte seines Anwesens begeben. "Dabei sind wir auf viele wirklich interessante Informationen gestoßen, vor allem das Archiv der Herzog-Wolfgang-Stiftung in Zweibrücken war eine Fundgrube", berichtet Götz. Dass das Gebäude ursprünglich das Mimbacher Pfarrhaus war, war ihm beispielsweise völlig unbekannt. Aber damit lasse sich vieles erklären, beispielsweise die Inschrift über der einstigen, inzwischen vermauerten Eingangstür zur Straße hin. "ICW 1709 AM" ist auf dem Türsturz eingraviert. "Das sind die Initialen für Johann Christian Wernigk und seiner Frau Anna Margaretha (geb. Sparr), deren stattlicher Grabstein an der Außenfassade der Kirche eingemauert ist. Und die Jahreszahl steht für den Neubau", skizziert der Physiker die Ergebnisse seiner Recherchen.Rätsel geklärtEinige andere, bisher offene Rätsel, die mit der zum Hof gehörenden, imposanten Scheune verbunden sind, konnten geklärt werden. "Wir haben uns die ganze Zeit darüber Gedanken gemacht, was es mit der grob gehauenen Lutherrose über dem Scheunentor auf sich hat". Die Mutmaßungen gingen dahin, dass die späteren Bewohner der Försterfamilie Lindemann dieses Symbol angebracht haben, weil sie ja in direkter Nachkommenschaft der Großeltern von Martin Luther standen. "Nun aber hat sich herausgestellt, dass in jenen Zeiten, in denen die Mimbacher Kirche wegen Baufälligkeit geschlossen war, die Gottesdienste in der Pfarrscheuer abgehalten wurden. Und so lassen sich auch die Wetzrillen am Torgewände erklären, denn dieses Phänomen findet sich in der Regel eigentlich nur an sakralen und nicht an landwirtschaftlichen Gebäuden." Als Joachim Götz das Mimbacher Haus 1981 erwarb , kaufte der quasi "die Katze im Sack" - das Gebäude war komplett mit Eternitplatten verkleidet. Um so größer war die Überraschung, als er diese entfernte - lupenreines Fachwerk kam zum Vorschein. Aber für Überraschungen war und ist das einst Wernigksche Pfarrhaus immer noch gut. Skurril sind beispielsweise der später angebaute "Kloturm" oder das Fachwerkbalkönchen zur Hofseite hin. Einige der ganz alten Fenster waren zuerst noch im Stil der Renaissance gearbeitet worden, wurden dann aber der Mode der Zeit "barock umgestylt". Bei der Dacherneuerung des Gesindehauses (für Mägde und Knechte) kamen schmucke Feierabendziegeln zum Vorschein. Demnächst unter die Lupe nehmen will Götz den Untergrund, denn er vermutet unter dem Hof Kellergewölbe und Brunnen, nach denen er graben möchte. Götz' Fazit: "Wenn man in und mit so einem alten Haus lebt, dann muss man mit allerhand Unwägbarkeiten rechnen, Abstriche machen und Geduld haben. Aber dafür sind das Flair und die Atmosphäre eines Bauwerks mit so viel lebendiger Geschichte durch nichts zu ersetzen."

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