Die Saarpfalz in den 1950er und 60er Jahren: Ein Buch erzählt davon

Kostenpflichtiger Inhalt: Ein tolles Buch mit tollen Bildern : Schnurstracks hinein ins Wirtschaftswunder

Die Saarpfalz in den 1950er und 60er Jahren: Ein Buch beschäftigt sich mit dieser atemberaubenden Zeit.

Man schlägt es auf, taucht tief hinab und will gar nicht mehr auftauchen. Erinnerungen an die eigenen Kindheit werden wach beim Betrachten der vielen Fotos, die das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auferstehen lassen. „Die Saarpfalz in den 50er und 60er Jahren“ heißt der Titel des knapp 130 Seiten umfassenden Werkes von Martin Baus und Bernhard Becker, das sich mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit befasst.

Es handelt sich gewissermaßen um ein Gute-Laune-Buch, das reichlich Charme versprüht vom Cremeschnittchen bis zum Lebensmittelladen auf dem Land, der schon deshalb wieder brandaktuell ist, weil er die Waren des täglichen Gebrauchs zumeist in losen Gebinden anbot. Da wurde noch vieles „eingetütet“. Nierentisch und Vespa-Roller, Hula-Hoop und Petticoat, Wiederaufbau und eben das Wirtschaftswunder in der Zeit von Ludwig Erhard mit dem berühmten Slogan „Wohlstand für alle“: All dies findet Beachtung mit historischen Bildern, die auch teils sehr zu Herzen gehen. Weil auch noch Kriegsschäden zu sehen sind, und weil ein Spätheimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft im Jahr 1955 – wenige Tage vor der Volksabstimmung über die politische Zugehörigkeit des Saarlandes – seine greise Mutter in die Arme schließt. Ein schreckliches Unglück bleibt auch nicht unerwähnt: Rohrbacher Spieler und Anhänger wollten im November 1948 auf einem alten Lkw zum Fußballspiel nach Herbitzheim fahren. Vor Breitfurt jedoch stürzte der Lastwagen in die Blies, 20 Menschen starben. Das Foto dazu zeigt die dunklen Särge bei der Trauerfeier, an der auch Ministerpräsident Johannes Hoffmann teilnahm.

Das ist der Autor des Buches, Martin Baus. Foto: Martin Baus. Foto: Saarpfalz-Kreis

Martin Baus hat noch vor wenigen Wochen in Wittersheim einen Vortrag gehalten, in dem alle fünf Kapitel des Bildbandes zur Sprache kamen. Wobei, wie er im Gespräch mit der SZ erklärt, sich die Zuhörer vor allem begeistern für die Themen Mobilität und Straßenbau. Es war eben die Zeit des Aufbruchs mit neuen schicken Autos und neuen Straßen. So stammt unter anderem ein herrliches Bild aus Blickweiler. Es zeigt den Ausbau der Blieskasteler Straße im Jahr 1967, im Vordergrund ein kleiner Junge in kurzen Hosen an einer Walze, die ihn offenbar begeistert.

Und dies ist der Mitautor Bernhard Becker. Foto: Saarpfalz-Kreis

Es gibt unglaublich viel zu entdecken in dem Bildband, der von turbulenten Zeiten erzählt. Als der Benzinpreis noch niemanden aufregte und die D-Mark unsere knallharte Währung war. Und die Menschen noch nicht grußlos aneinander vorbei marschierten. Ein bisschen Wehmut darf sich durchaus breit machen beim Betrachten eines Fotos (auf unserer Seite rechts unten), das fünf betagte Damen auf einer Bank vor der Haustür sitzend zeigt. Zum „maien“, also zum fröhlichen Schwätzchen nach getaner Arbeit haben sie sich zusammengefunden.

Alte Bräuche und neue Kirchen: auch das ist ein Kapitel in dem faszinierenden Buch. Wo heutzutage Gotteshäuser verramscht werden, weil die Zahl der gläubigen Christen sich arg dezimiert hat, wurden in den 50er und 60er Jahren einige Kirchen errichtet. Modernität demonstrierte man etwa mit der Homburger Fronleichnamskirche – ein kuppelförmiger Zentralbau auf einem zwölfeckigen Grundriss. Ein anderes Bild zeigt indes die alte romanische, im Krieg schwer beschädigte Kirche in Böckweiler, ursprünglich eine Klosterkirche der Benediktiner. Schon nach wenigen Jahren, 1949/50, wurde sie neu aufgebaut. Als eindrucksvoller Ort der Spiritualität wird sie viel besucht, schreiben die Autoren Baus und Becker.

Einige Bilder und Texte beschäftigen sich darüber hinaus mit der Landwirtschaft. Die Ernte von Runkelrüben und Kartoffeln war mühselig, und Landwirte waren zum Transport ihrer Produkte aufs liebe Rindvieh angewiesen. So kann man ein wenig gedankenversunken ein Bild betrachten, das ein Bauern-Ehepaar aus Seyweiler zeigt. Die Beiden fahren mit ihrem Kuh-Gespann zur Feldarbeit. All das und noch viel mehr gilt es zu entdecken – beim Eintauchen in eine völlig andere Welt.

„Die Saarpfalz in den 50er und 60er Jahren“, herausgegeben vom Saarpfalz-Kreis im Sutton-Verlag, 19,99 Euro. ISBN: 978-3-95400-011-1