Blieskastel: Die Pogromnacht niemals vergessen

Blieskastel : Die Pogromnacht niemals vergessen

Eine nachdenkliche Stadtführung erlebten in Blieskastel gut 70 Teilnehmer. Sie erfuhren vieles über das Schicksal jüdischer Bürger.

Auf großes Interesse stieß in Blieskastel ein Gang auf den Spuren der Blieskasteler Juden zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht. Rund 70 Interessierte, darunter viele Jüngere sowie Bürgermeisterin Annelie Faber-Wegener, MdL Jutta Schmitt-Lang und Pfarrer Mathias App begrüßten Martin Dauber und Jörg A. Künzer zu einer nachdenklichen Stadtführung. „Als gebürtiger Blieskasteler beschäftigte mich das heutige Thema schon als Schüler, wobei ich in einem Referat über die Judenverfolgung in Blieskastel eine starke Spannung zwischen den Generationen spürte. Ich wollte wissen, was damals in unserer Stadt passierte“, so Martin Dauber (57), den das Thema bis heute verfolge. „Einmal aus Mitgefühl mit den Opfern, dann soll nicht in Vergessenheit geraten, welchen Anteil die jüdische Gemeinde in Aufbau und Staat hatte sowie letztlich das Lernen unserer Gesellschaft aus ihren Fehlern.“

Die geschichtliche Zeitreise in der Stadt wurde von Martin Dauber und Jörg A. Künzer, die sich im Vorfeld umfassend in mühevoller Kleinarbeit informierten, abwechselnd an verschiedenen Stationen geschildert. „ Alice Zimpelmann, Jüdin und Ehefrau eines protestantischen Beamten am Blieskasteler Amtsgericht, wohnte im Haus Joseph (heute Foto-Shop Roman Schmidt) und sollte 1944 ermordet werden. Doch deren Hausangestellte Lischen Rothermel aus Alschbach riskierte ihr eigenes Leben und rettete im Untergrund die Frau“, wusste Künzer.

An einem Gasthaus, heute das Hotel zur Post, war ein Schild „Juden unerwünscht“ angebracht, obwohl nebenan ein jüdischer Arzt praktizierte. Halt gemacht wurde in der Schlossbergstraße 15, dort betrieben die Geschwister Rosina und Delphine Isaac ein Lebensmittelgeschäft, ein Kauf dort sei aber ein Wagnis gewesen. „Selbst ein belangloses Schwätzchen vor der Tür mit den betagten Damen führte am gleichen Abend zu einem ermahnendem Besuch eines örtlichen Nazifunktionärs“, hatte Martin Dauer recherchiert. In der Reichspogromnacht demolierten sieben Angehörige der SA und SS die Wohn- und Geschäftsräume der Isaacs, von denen Delphine auf den jüdischen Friedhof beigesetzt wurde. In der Kardinal- Wendel- Straße 58 hatten die Familien Oppenheimer, Levi und Haas ihre Bleibe. Vor dem Haus wurde im Jahre 2009 zum Gedenken an Anna Oppenheimer ein Stolperstein verlegt. „Ihre Familie lässt sich bis ins Jahr 1803 zurückverfolgen, es handelte sich um eine alteingesessene Kaschtler Familie“, so Jörg A. Künzer.

Eine große Familie waren auch die Ullmanns, Tierarzt und Viehhändler von Beruf und teilweise in Auschwitz ums Leben gekommen. Weitere Station war die frühere Judengasse, seit 1955 heißt die Ecke an der Barbara-Apotheke „An der Stadtmauer“. Doch Martin Dauber hat zusammen mit Stadtarchivar Kurt Legrum erreicht, dass unterhalb des Straßenschildes ein kleines Schild an die Judengasse erinnert. Abschluss des zweistündigen Rundgangs war die ehemalige Schule und Synagoge im linken Teil des Anwesens Leyboldt am Luitpoldplatz. „1826 wurde das Haus von der jüdischen Gemeinde erworben. Nachdem die Zahl der Gemeindemitglieder durch Auswanderung stark gesunken war, wurde die Synagoge 1914 geschlossen und an die Stadt verkauft.“ In dem Haus wohnten später die jüdischen Familien Wolf und David, wie die beiden kundigen Erzähler zum Abschluss des Stadtrundgangs unter dem Motto „Gedenken – Warum“ erläuterten.

„Wenn wir nicht wollen, dass sich Geschichte wiederholt, dann dürfen wir keinen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus und ihrer Verbrechen ziehen, denn Zukunft braucht Erinnerung. Mit der Teilnahme an der heutigen Führung haben die Zuhörer nach außen hin Flagge gezeigt, denn Erinnerung ist eine Form der Begegnung.“ An Erzählungen seines Vaters Erwin Herzog wurde beim Rundgang von dessen Sohn Heiner erinnert. „Er kaufte nämlich wie andere auch Vieh bei einem jüdischen Händler, stand mit dem in guter Verbindung.“