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Der Bliesgau – ein Paradies für Schmetterlinge

Eine kleine Sensation für unsere Region : Der Bliesgau – ein Paradies für Schmetterlinge

Ein Experte erklärt die exzellenten Bedingungen, die Tagfalter und Widderchen in unserer Region vorfinden.

Nirgendwo in Deutschland beobachten Forscher mehr Tagfalter und Widderchen (eine Schmetterlingsgruppe) als im Saarland (wir berichteten überregional). Dabei nicht zu toppen ist der Bliesgau. Näheres dazu weiß Dr. Steffen Caspari. Er arbeitet mittlerweile für das Rote-Liste-Zentrum des Bundes in Bonn, zuvor war er im Saar-Umweltministerium beschäftigt. Viele Jahre hat er beim Zentrum für Biodokumentation die Erfassung der Tagfalter und Widderchen im Saarland koordiniert. Caspari gehört zu den Herausgebern des Verbreitungsatlas’ besagter Tierchen. Wir haben mit ihm gesprochen und sehr interessante Dinge erfahren.

Frage: Warum ist der Bliesgau ein solch hervorragendes beziehungsweise gedeihliches Gebiet für Tagfalter und Widderchen? Oder: Was hat der Bliesgau, was andere Regionen nicht haben?

Steffen Caspari: Der Bliesgau hat eine deutschlandweit einzigartige Dichte und Qualität naturschutzfachlich hochwertigen Grünlands. Dieser Wert schwankt im Durchschnitt der anderen saarländischen Landschaften zwischen fünf und 15 Prozent des Gesamtgrünlandes, was deutschlandweit überdurchschnittlich ist. Dieser Wert liegt im Bliesgau bei zirka 35 Prozent, was dann nationale Spitzenklasse ist. Es ist ein optimal vernetzter Komplex aus Kalk-Halbtrockenrasen, Salbei-Glatthaferwiesen und sie verbindenden Heckenstrukturen. Innerhalb des „Bliesgaus“, wie er umgangssprachlich zusammengefasst wird, muss man naturräumlich den Saar-Blies-Gau (also den „eigentlichen“ Bliesgau) und den Westrich unterscheiden (die „Parr“, die Region um Altheim und Medelsheim). Der Saar-Blies-Gau ist das oben beschriebene Top-Gebiet; der Westrich orientiert sich eher an den Werten der anderen saarländischen Naturräume. Dennoch muss man auch hier Wasser in den Wein schütten: Wir können auch im Bliesgau die Qualität trotz erheblicher Anstrengungen vieler Akteure nicht ganz halten – allmählich, wenn auch nicht dramatisch – sinkt der Anteil an hochwertigen Flächen auch hier.

Wie viele Arten findet man hier vor?

Im Bliesgau gibt es zurzeit etwa 90 aktuell vorkommende Arten von Tagfaltern und Widderchen. Das ist für eine solch kleine Fläche ein sehr hoher Wert. Auf vergleichbarer Fläche wird diese Zahl nur punktuell, etwa in den Alpen, im unteren Nahegebiet, im Kaiserstuhl, im schwäbisch-fränkischen Jura oder im Thüringer Muschelkalkgebiet erreicht oder übertroffen.

Welche Voraussetzungen muss man schaffen, um eine solche Artenvielfalt zu erhalten? Oder: Welche Voraussetzungen sind hierfür schon vorhanden?

Es gibt im Bliesgau das Biosphärenreservat und den Zweckverband des Großschutzgebietes „Saar-Blies-Gau – Auf der Lohe“. Dort arbeiten Akteure, die um die Wertigkeit der Flächen wissen und zugleich verantwortungsbewusst versuchen, mit den verfügbaren Förderinstrumentarien einen optimalen Ausgleich zwischen den wirtschaftlichen Interessen und den Naturschutzinteressen hinzubekommen. Die Naturlandstiftung Saar hat viele Flächen im Eigentum und entsendet im Rahmen der hauptamtlichen Naturwacht einen im Haus Lochfeld stationierten Ranger, der sehr viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit leistet, aber auch „nach dem Rechten“ sieht. Viele hochwertige Flächen sind zugleich Landschafts- und Naturschutzgebiete, basierend auf den Vorgaben der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der EU. Das schafft zum einen Verpflichtungen, zum anderen wiederum Fördermöglichkeiten, etwa im Ausgleich von naturschutzrechtlich begründeten Bewirtschaftungserschwernissen oder im Rahmen des Vertragsnaturschutzes. Die Gemeinden wissen zunehmend um den naturkundlichen Schatz, der ihnen dort anvertraut ist. Die Naturschutzverbände weisen unermüdlich auf die hohe Bedeutung des Bliesgaus hin und begleiten die handelnden Akteure kritisch, sobald es erforderlich ist. Die Expert*innen der Delattinia (Naturforschende Gesellschaft des Saarlandes) sowie das Land durch seine amtliche Biotopkartierung erfassen die Daten, sodass man hochwertige Vorkommen kennt und schützen kann und zugleich Informationen über die Entwicklungstrends erhält, sodass bei negativen Entwicklungen möglichst früh gegengesteuert werden kann. Ich kenne auch viele Landwirte, die um den Wert ihrer Flächen wissen, sie verantwortungsbewusst bewirtschaften und auch stolz auf das sind, was ihre Vorfahren geschaffen haben und sie nun erhalten. Und nicht zuletzt Sie arbeiten mit an der Bewusstseinsbildung, mit Hilfe derer auch eine Wertschätzung der ortsansässigen Bevölkerung gestärkt wird.

Auf was müssen die Entscheidungsträger hier achten, um die Vielfalt zu erhalten. Oder: Was darf keineswegs geschehen, will man den jetzigen erfreulichen Zustand erhalten, bzw. noch verbessern?

Aus meiner persönlichen Sicht könnte die Naturwacht Verstärkung gebrauchen; die Mittelausstattung der landwirtschaftlichen Förderung und die Personalisierung der Naturschutzbehörden dürfte gerne besser sein und das Geld mit deutlich weniger Verwaltungsaufwand als bisher ausgezahlt werden dürfen. Vieles hängt von der weiteren Entwicklung der GAP, der Gemeinsamen Agrar-Politik der EU ab, wo derzeit, nicht zuletzt bedingt durch beharrliche Lobbyarbeit der Landwirtschafts-Klientel, die kurz- und mittelfristigen Planungen aus Naturschutzsicht eher in die falsche Richtung gehen. Auch Brexit und Corona sind Themen, die Aufmerksamkeit und Mittel vom Naturschutz abziehen. Man braucht dringend einen eigenständigen EU-Fördertopf der Naturschutzverwaltung, da bisher alles an den Landwirtschaftsbehörden hängt und man allzu sehr auf deren guten Willen angewiesen ist und bei den Planungen nicht früh und nicht entscheidend genug mitreden kann. Wenn man hier keinen Durchbruch erzielt, wird es auch im Bliesgau trotz aller Anstrengungen schwer, den aktuellen hochwertigen Zustand dauerhaft zu erhalten. Die in der Landwirtschaft Tätigen sollten den oft vorgebrachten Widerstand gegen eine anteilsmäßig hohe Finanzierung durch Landschaftspflege- und Naturschutzleistungen aufgeben. Daran ist nichts Ehrenrühriges und das ist kein schlechteres Geld, als wenn es aus der landwirtschaftlichen Produktion stammt (die ja oft genug zu einem hohen Anteil eine Subvention ist).

In Hinblick auf den Klimawandel: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Steffen Caspari präsentiert hier den „Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands“, der vor allem den Gegebenheiten im Bliesgau ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Foto: Günter Matzke-Hajek

Für das Saarland und den Bliesgau sehe ich das eher entspannt. Die bisherige Entwicklung zeigt keine dauerhaften Rückgänge der Niederschläge, allenfalls eine für die Grundwasserneubildung ungünstigere Verteilung auf die Jahreszeiten und eine stärkere Neigung zu Starkregenereignissen. Die Biodiversität des Bliesgaus ist vorrangig mit trockeneren Lebensräumen verknüpft und die könnten ihr Profil durch eine moderate weitere Erwärmung eher noch schärfen. Leiden werden als erstes die Quellen und Quellbäche, sowie die Sümpfe und Moore und die daran angepasste Lebewelt; das ist aber kein Thema, welches die Tagfalter und Widderchen betrifft.