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Blieskasteler Werkstätten fördern seelisch kranke Menschen

Diese besondere Einrichtung in Blieskastel lässt den Besucher staunen : „Menschen fördern, nicht überfordern“

Zu Besuch bei den Blieskasteler Werkstätten. Ein Haus, das auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes agiert.

Shine like the stars - Leuchte wie die Sterne, steht auf ihrem schwarzen T-Shirt. Und Vanessa leuchtet. Besser gesagt: sie strahlt. Acht lange Wochen musste sie zu Hause bleiben, und nun darf sie wieder arbeiten. Wir begleiten die 22-Jährige zu ihrem Arbeitsplatz, den sie offenkundig sehr mag. Dort ist sie zuständig für das Abfüllen von Fischfutter. Für das exakte Portionieren bis hin zum versandfertigen Produkt. Baumärkte unter anderem sind die Abnehmer der in Dosen ruhenden Ware. Nebenbei erfahren wir, dass es viele Fischfutter-Sorten gibt. Manche Kantine kann mit so vielen Speisen nicht dienen, um es mal augenzwinkernd darzustellen.

Wir sind zu Gast bei den Blieskasteler Werkstätten. „Es ist eine Einrichtung der beruflichen Teilhabe von 126 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen unter der Trägerschaft der Ökumenischen Gemeinschaftswerk Pfalz GmbH“ mit Sitz in Landstuhl, erklärt Eva Paulus, die Leiterin der Einrichtung. Dieses ebenso freundliche wie propere Haus haben wir besucht und Erstaunliches erfahren. Im Gespräch mit dabei ist auch der Diplom-Sozialarbeiter Felix Glöckler, Bereichsleitung Soziales und Fachkraft für betriebliche Integration. Ihm obliegt die Aufgabe, die hier tätigen Menschen ab dem Alter von 18 Jahren auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Im Mittelpunkt, so Eva Paulus, steht der Mensch und ein respektvoller Umgang miteinander – auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Männer und Frauen mit Psychosen, mit Depressionen, Anfallsleiden oder auch Schizophrenie – ihren Alltag in den Werkstätten soll dieses Leitmotiv begleiten. Männer und Frauen mit sehr unterschiedlichem Bildungshintergrund, vom Ungelernten bis zum Akademiker: Ihren Fähigkeiten will man gerecht werden, sagt die Chefin des Hauses, ihnen berufliche Teilhabe ermöglichen – personenorientiert, individuell. Welche Tätigkeit, welcher Arbeitsplatz passt zu wem? – diese Frage will beantwortet sein. Die Menschen will man seelisch stabilisieren, ihrem Tagesablauf eine feste Struktur geben. „Fördern, aber nicht überfordern“, das sei die Maxime in Hinblick auf eine gedeihliche berufliche Zukunft, die, wenn es glückt, aus den Blieskasteler Werkstätten hinaus in den ersten Arbeitsmarkt führt, so Paulus.

Man erfährt im Gespräch mit ihr und Felix Glöckler, dass zehn Prozent der Arbeitsplätze ausgelagert sind und von dem Werkstätten-Team begleitet werden. Da gibt es beispielsweise einen Mensch, der als Produktionshelfer in einem Unternehmen arbeitet, ein anderer wiederum ist in einer Tankstelle beschäftigt, dann gibt es noch einen, der bei einem Architekt zugange ist oder in der Verwaltung der Katholischen Erwachsenenbildung. 15 Fachkräfte, zuständig für Arbeits- und Berufsförderung, arbeiten in den Blieskasteler Werkstätten, zehn weitere in Verwaltung, Hauswirtschaft sowie im psychologischen und sozialen Bereich. Eva Paulus betont, dass Berufsbildungs- und Arbeitsförderbereich nach einem integrierten Konzept arbeiten, Dadurch wird das System durchlässig, flexibel und ermöglicht den individuellen Einsatz der Beschäftigten. Es geht darum, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln das individuell beste weil passende Betätigungsfeld für die psychisch beeinträchtigten Menschen zu finden. Um ihnen damit auch ein gutes Stück Zufriedenheit, Selbstbestimmtheit und Lebensqualität zu geben.

Und welche Betätigungsfelder stehen den 126 Menschen zur Verfügung? Da sind einmal die Montagetätigkeiten, beispielsweise für die Autoindustrie. Es geht überdies um Konfektionierung und Verpackung, um das Abfüllen in verschiedenen Gebinden von „rieselfähigem Granulat“, wozu etwa der Kies fürs heimische Aquarium zählt. In den Werkstätten ausgeführt wird professionell auch das Digitalisieren von Archiven, von Firmenunterlagen jeglicher Art oder auch das Digitalisieren naturgemäß großer Architekten-Pläne, es geht um das Scannen von Unterlagen in Echtzeit und um das zuverlässige Vernichten von Akten im großen Stil. Datenschutz steht hier über allem. Oft stecken als Auftraggeber in sämtlichen Bereichen sehr renommierte Firmen dahinter.

Die Blieskasteler Werkstätten mit ihren drei Gebäuden im Industriering sind übrigens in all ihren Kernprozessen (DIN ISO 9001) zertifiziert. Die Urkunden an einer Wand im Besprechungsraum zeugen davon.

Zurück zu Vanessa, diese junge Frau, die sich hier gut aufgehoben fühlt. Viele Kollegen könne sie gut leiden, „und die mich auch. Sie fragen mich immer, wie es mir geht“. Dabei strahlt sie wieder, bringt ihr schönstes Lächeln zum Vorschein. „Wir sind ein gutes Team, auch in der Corona-Zeit“, sagt die 22-Jährige.

Eva Paulus und Felix Glöckler am Eingang zu den Blieskasteler Werkstätten in Trägerschaft der Ökumenischen Gemeinschaftswerk Pfalz GmbH. Foto: BeckerBredel

Wir sagen diesem Team Adieu und finden zu Hause, beim Lesen einer der Broschüren des Ökumenischen Gemeinschaftswerks einen schönen Satz: „Die Würde des Menschen ist unabhängig von seinem Leistungsvermögen.“ Diese Worte bedürfen keines Kommentars.