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Bayern an der Blies: Eine spannende Lektüre

Bayern an der Blies: Eine spannende Lektüre : Architektonische Reise mit dem Fotoapparat

Bayern an der Blies: Ein gehaltvolles Buch beleuchtet auch – aber nicht nur – die steinernen Relikte einer ereignisreichen Zeit.

Trunkenheit am Arbeitsplatz? Da findet man, ganz tief in der Heimathistorie vergraben, das unmissverständliche Statement des ersten St. Ingberter Vikars Heinrich Heinz. Er kritisierte 1853 – in seinem Kirchenbuch-Bericht – den leichtfertigen Umgang der proletarischen Männer mit dem Alkohol: „Die Arbeiter in den Fabriken haben (...) einen starken Hang zu Liederlichkeit und Wirtschaftsleben (...). Unter ihnen finden sich etliche Familienväter, die dem Trunke stark ergeben sind und sich mitsamt ihren Familien ins Verderben stürzen.“

Solche und andere Zeilen aus längst vergangener Zeit findet man in einem sehr interessanten Buch, das einen bestimmten Zeitraum in unserer Region beleuchtet. Es trägt den Titel „Bayern an der Blies“ – 100 Jahre bayerische Saarpfalz (1816-1919). Da geht es unter andrem um Schlaglichter auf Alltag und Brauchtum an der Blies im 19. Jahrhundert, man erfährt viel seinerzeit über Familie und Frauenleben im Wandel, zwischen Existenzsicherung und Emotionalisierung in Bezug auf eheliche Bindung, es geht des Weiteren um die religiös-kirchlichen Verhältnisse. Und um eine architektonische Reise mit dem Fotoapparat in der bayerischen Saarpfalz. Und genau in diesem letztgenannten Kapitel sind wir mit den Augen lange hängengeblieben. Was auf dieser Seite unserer Zeitung auch dokumentiert ist. Die Bilder stammen von Martin Baus, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Siebenpfeiffer-Stiftung, die Texte von Jutta Schwan, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs Kultur und Heimatpflege des Saarpfalz-Kreises.

Das umfangreiche Kapitel der Architektur basiert auf der Ausstellung „100 Jahre bayerische Saarpfalz – Eine fotografische Zeitreise“, die vor drei Jahren erstmals gezeigt wurde. Die im Buch abgebildeten Bauten und Denkmäler der pfalz-bayerischen Zeit erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie stellen, wie es auch im Vorwort des besagten Abschnitts heißt, eine subjektive Auswahl dar, die sich Architekturen und Zeugnissen mit Beispielcharakter, örtlichen Besonderheiten oder auch Alleinstellungsmerkmalen widmet. Außerdem sollen sie die Neugier wecken, diese und andere Exempel pfalz-bayerischer Spuren in unserer Region aufzusuchen und sich mit ihnen näher zu befassen.

Die Texte sind informativ, aber nicht schwer verdaulich, man blickt Seite für Seite hinter so manches Mauerwerk und geht ihm dadurch auf den Grund. Betrachten ist das eine, sehr viel mehr erfahren über das, was hinter den Steinen sich verbirgt und vor allem verbarg, ist das andere.

Da lesen wir etwa, dass sich der Neubau der katholischen Kirche „Maria Heimsuchung“ in Ommersheim (Mai 1828 bis Herbst 1829) um fast die Hälfte gegenüber dem Voranschlag verteuerte und am Ende 12 000 Gulden kostete. Also ist dieses Thema auch nicht gerade brandneu zu nennen.

Ein schönes, aufschlussreiches Kapitel ist auch dem Kirchheimer Hof in Breitfurt gewidmet. Unter der Rubrik „Besonderheiten“ erfährt man, dass ihn Baron Benoit de Malespine 1829 erwarb und ihn zum schönsten Hof zwischen Nahe und Vogesen wie einen Herrschaftssitz ausbauen ließ. Einiges erfährt man auch über die jüdischen Friedhöfe in Blieskastel und Homburg. Die Homburger Synagoge wurde innerhalb des Pogroms vom 9. auf den 10. November 1938 demoliert und im Innern in Brand gesetzt. Heute Ruine, seit 2003 ist sie Gedenkstätte. Der St. Ingberter und der Blieskasteler Friedhof wurden in der NS-Zeit geschändet beziehungsweise verwüstet und nach dem Krieg wieder hergerichtet.

Es sind viele geschichtliche Details, die das Interesse des Lesers wecken, ohne ihn mit allzu tiefgründigen Betrachtungen zu malträtieren. Das Buch möchte wohl eher eine heimatkundliche Rundreise sein, die viele bemerkenswerte Kapitel hervorholt. Im Bewusstsein der Nachkommen jedenfalls soll die beschriebene Epoche erhalten bleiben.

Ein Blick auf den Jüdischen Friedhof in Blieskastel. Foto: Martin Baus
Von den Baulichkeiten der Brauerei Walsheim ist einzig ein Teil des Gewölbekellers erhalten. Foto: Martin Baus
Das Amtsgericht in St. Ingbert.   Foto: Martin Baus
Der Bahnhof Gersheim-Walsheim. Foto: Martin Baus
Das Königlich-bayerische Rentamt in Blieskastel. Foto: Martin Baus
Das ist die Kapelle St. Josef in Erfweiler-Ehlingen. Foto: Martin Baus

„Bayern an der Blies“ ISBN 978-3-95602-185-5; Conte-Verlag, Hardcover, 24,90 Euro.