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Abschied im Von der Leyen-Gymnasium Blieskastel

Wenn Pädagogen „ihre Kinder“ ins Leben entlassen : Erinnerungen: Sie bleiben in Kopf und Herz

Acht Pädagoginnen und Pädagogen verabschieden ihre Abiturienten ins weitere Leben. Was geht ihnen da durch den Kopf?

Besinnlich, wehmütig, hoffnungsfroh: Ganz unterschiedliche Gefühle treten zutage, wenn sich Lehrerinnen und Lehrer von den ihnen über Jahre anvertrauten jungen Menschen verabschieden. Auf Bitten unserer Zeitung haben acht Pädagogen des Von der Leyen-Gymnasiums Blieskastel das niedergeschrieben, was ihnen zum Abschied von ihren Abiturienten einfällt.

Gesa Bastian: Acht Jahre im Leben eines Menschen sind immer eine lange Zeit. Aber wenn wir beobachten, wie sich junge Menschen zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr entwickeln, haben wir am Ende den Eindruck, als seien es viel mehr als acht Jahre gewesen. Sie kommen als Kinder und gehen als Erwachsene, oft wundere ich mich schon nach sechs Wochen Sommerferien, wie sich manche verändert haben.

Und es ist schön, solche Entwicklungen mitzuerleben, die SchülerInnen immer wieder neu, besser und auch anders kennen zu lernen. Es ist spannend zu hören, was sie planen, was sie sich von ihrer Zukunft erträumen und wie sie diese Träume realisieren wollen. Manchmal scheint die Zukunft auch völlig offen, und leider erfahren wir als Pädagogen auch nicht immer, wie es weitergegangen ist, ob die Schüler einen Weg gefunden haben, die Pläne aufgegangen und die Träume wahr geworden sind.

Es ist es ein seltsames Gefühl, die letzte Unterrichtsstunde in einer Klasse zu halten, sich ein letztes Mal zu verabschieden und alles Gute zu wünschen. Man hat sich so gut kennengelernt und weiß doch nicht, wie es weiter geht. Trifft man sich demnächst einmal im Supermarkt oder beim Schulfest? Werde ich erfahren, welche Träume sich erfüllt haben? Für viele SchülerInnen sind wir sicher auch nicht die ersten, die sie in nächster Zeit irgendwo privat treffen wollen. Manchmal braucht es etwas Abstand, um sich dann neu und anders zu sehen. Und dann ist die Veränderung oft genug so groß, dass man zweimal hinschauen muss. Aber das zeigt dann, dass sie sich weiterentwickelt haben, und genau das wünschen wir ihnen ja, wenn wir sie gehen lassen.

Barbara Buhr: Es sind gemischte Gefühle, die mich zur Abiturzeit beschleichen, das berühmte „lachende und weinende Auge“. Dies passiert besonders dann, wenn ich (wie in diesem Jahr) die Abiturientinnen und Abiturienten, die ich als Tutorin in der Oberstufe betreute, teilweise bereits von Klasse 5 bis Klasse 7 als Klassenleiterin unterrichtete. Viele Erinnerungen kommen wieder zurück, wenn man die Abiturienten – dem Anlass gemäß elegant gekleidet – bei der Feier in einem würdigen Rahmen verabschiedet; Erinnerungen an ihren ersten Schultag am Von der Leyen-Gymnasium, an Fahrten mit ihren verschiedenen „Highlights“. Wie zum Beispiel einer Nachtwanderung, bei der die zuvor erzählte Geistergeschichte des Kollegen anscheinend ziemlich deutlich im kollektiven Gedächtnis haften geblieben war, so dass wir quasi als „Menschenkette“ durch den Wald liefen, weil man eben viel mutiger ist, wenn man sich an den Händen hält. An Momente, in denen die Nerven (trotz jahrelanger pädagogischer Schulung) doch arg strapaziert wurden und vieles mehr. Ich versuche im Folgenden, den oben genannten „Gefühlsmischmasch“ etwas detaillierter zu beschreiben:

Zuerst einmal wäre da die Freude über das bestandene Abitur meiner Schülerinnen und Schüler; bei den „Sorgenkindern“ kommt dazu noch ein gehöriger Schuss Erleichterung („Er/Sie hat es geschafft, uff!!“). Darunter mischt sich auch Stolz, wenn der Preis für das beste Abitur an jemanden aus meinem Kurs geht oder wenn eine/r meiner Schüler/innen beschließt, eines meiner Fächer zu studieren. Und auch wenn ich ja eigentlich (dank einiger Jahre Berufserfahrung) ganz genau weiß, wie das „System Schule“ funktioniert, bin ich doch immer wieder erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht („Wie, XY macht schon Abitur?!“); und schließlich – trotz aller Freude – verspüre ich oft bei der Verabschiedung auch eine gewisse Wehmut, da ich weiß: Das war’s jetzt.

 Aber erfahrungsgemäß treibt es viele immer wieder zurück an die „alte Wirkungsstätte“, so dass man sich – trotz Entlassung in die „große, weite Welt“ – immer wieder am Schulfest oder am Tag der offenen Tür sieht und weiterhin mitverfolgen kann, was aus unseren (ab sofort) Ehemaligen wird, und darüber freue ich mich immer wieder.

Sarah Ehrhardt: Immer wenn Schüler unsere Schule nach den Abiturprüfungen verlassen, habe ich das Gefühl, als ob schon wieder eine Ära zu Ende gegangen ist und man wird sich bewusst, wie schnell die Jahre vergehen. Man nimmt die Kinder in der 5. Klasse an der Schule und in der Schulgemeinschaft auf, alles ist neu, anders, aufregend und spannend. Dann schleichen sich irgendwann der Alltag und die Routine ein, und jeder geht seines (schulischen) Weges. An unserer kleinen und familiären Schule verliert man sich jedoch zum Glück nie so ganz aus den Augen und man kann dann zumindest aus der Ferne, in den Pausen oder im Vorbeigehen die Entwicklungsschritte der Schüler miterleben.

Immer mehr Personen gehen mit den Schülern auf diesem gemeinsamen Weg zum Abitur, und die Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler ändern sich, reifen im Laufe der Schuljahre. Dann kommt die für die meisten Schüler stressige Zeit der Oberstufe: Kursarbeiten, Tests, Referate, fachpraktische Prüfungen, Hausaufgaben etc., alles muss unter einen Hut gebracht werden. Das verlangt den Schülern viel ab, aber auch die Lehrer müssen hier die Nerven behalten, wenn es auch in Klassenstufe 12 immer noch, oder gar schon wieder, einigen nicht gelingen will, sich auf den Unterricht vorzubereiten oder sogar Lektüren zu lesen. Aber es sitzen schließlich alle in einem Boot mit dem gleichen Ziel im Blick – die allgemeine Hochschulreife.

Wenn endlich alles geschafft, alle Prüfungen geschrieben, korrigiert und bestanden sind, lässt die Anspannung auf beiden Seiten nach. Und Jahre später denke ich immer noch gerne an die Jahrgänge zurück, die ich in ihrer Schulzeit begleiten durfte. Es sind viele kostbare und schöne Erinnerungen dabei, für die ich immer wieder dankbar bin.

Janna Fellinger: Ich unterrichte erst seit zwei Jahren am Von der Leyen-Gymnasium und durfte einige der diesjährigen Abiturienten in den letzten beiden Jahren im Grundkurs Spanisch unterrichten. Es ist für mich auch erst das dritte Mal, dass ich Abiturienten, die ich selbst unterrichtet habe, „Hasta luego!“ sage („Tschüss“; „Anm. der Red.). Dabei begleiten mich immer gemischte Gefühle: Einerseits freut man sich gemeinsam mit den Abiturienten auf das, was vor ihnen liegt. Ich fühle das Glück der Abiturienten, wenn sie mir erzählen, dass sie jetzt erst mal ein paar Wochen überhaupt nichts machen wollen. Das kann ich gut nachvollziehen, nachdem sie in den letzten Wochen und Monaten alle hart auf ihre letzten schulischen Prüfungen hingearbeitet haben. Ich wünsche den ehemaligen Schülern, dass sie einen schönen Sommer verbringen und Zeit finden, Energie zu tanken für das, was danach vor ihnen liegt.

Ich wünsche mir vor allem, dass die Schüler ihre Schulzeit in guter Erinnerung behalten werden und immer wieder gerne an die Schule zurückkommen werden. Ich freue mich schon jetzt darauf, bei solchen Gelegenheiten dann zu erfahren, was sie bisher Schönes erlebt haben.

Als ihre Spanischlehrerin hoffe ich natürlich besonders, etwas von meiner Faszination für die spanischsprachige Welt an die Schüler weitergegeben zu haben. Da sie alle ein beeindruckendes Sprachniveau erreicht haben, hoffe ich, dass sie diese Sprachkenntnisse in der Zukunft möglichst oft anwenden können und nichts davon verlernen.

Da der diesjährige Abiball leider abgesagt werden musste, hoffe ich darauf, dass die Schüler Möglichkeiten finden, ihr Abitur dennoch gebührend zu feiern und dass sie ihren Schulabschluss immer in schöner Erinnerung halten werden. Hasta pronto! (,,Bis bald“; Anm. der Red.)

Susanne Gastauer: Neben meinem Unterricht in den Fächern Latein, katholische Religion und Musik leite ich noch den Schulchor, die Leyen-Peppers, des Von der Leyen-Gymnasiums. Gerade in dieser Funktion durfte ich Schüler und Schülerinnen dieses Abiturjahrgangs eine lange Zeit begleiten. Die meisten der insgesamt acht Sänger- und Sängerinnen unter den Abiturienten haben von Klasse 5 an bis zur Schulschließung im Schulchor mitgewirkt. Alte Fotos zeigen sie als Fünftklässler in der ersten Reihe bei ihrem ersten Chorauftritt auf der Bühne des Blieskasteler Weihnachtsmarktes. Viele weitere Auftritte folgten, z.B. bei den Schulgottesdiensten in der Schlosskirche oder beim Schulkonzert in der Bliesgaufesthalle. Nicht zu vergessen sind die Highlights, die gemeinsamen Kirchenkonzerte mit dem Schulorchester und dem Von der Leyen-Chor. Gerade in den letzten Jahren sind sie durch ihre musikalische Erfahrung und durch ihre Zuverlässigkeit zu echten Stützen des Chores geworden. Wenn ich sie in der letzten Reihe stehen sah, wusste ich, dass das Konzert gelingen wird. Ich konnte beobachten, wie sie mit wachsendem Alter immer mehr Verantwortung für den Chor übernommen haben: Nach der Chorprobe verließen sie den Musiksaal nicht, ohne beim Aufräumen zu helfen, sie kümmerten sich um die Chorkleidung und um die Noten. Während der Chorfreizeit in Baerenthal organisierten sie für den Chor den „Bunten Abend“. Sie wurden zu Vorbildern für die Jüngeren. Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, dass sie im kommenden Schuljahr nicht mehr da sein werden. Werden andere ihre Rolle übernehmen können? Mir bleibt nur die Hoffnung, dass sie auch nach dem Abitur weiterhin Freude am Singen haben, vielleicht in einem anderen Chor. Von einigen musikalischen Talenten unter ihnen erwarte ich sogar eine Weiterentwicklung im musikalischen Bereich. Ich werde mich immer wieder gerne an sie erinnern.

Sabine Grittner: Immer wenn ich mich von Schülerinnen und Schülern am Ende ihrer Schulzeit verabschiede, treiben mich sowohl Fragen als auch Wünsche und Hoffnungen um. Hat die Schule ihnen lediglich Wissen vermittelt, haben wir als Lehrer*innen ihnen auch „Handwerkszeug“ mitgegeben, mit dem sie das alltägliche Leben meistern können? Ist es mir im Fach Deutsch gelungen, meiner Begeisterung darüber Ausdruck zu verleihen, dass Literatur nicht in erster Linie ein Objekt der Analyse ist, sondern dass sich in literarischen Texten Sehnsüchte, Erfahrungen, Gefühle widerspiegeln, die Menschen zu allen Zeiten gemacht haben? Und dass so Literatur dazu verhelfen kann, sich selbst besser zu verstehen? Hat mein Ethikunterricht klar gemacht, dass es gut und sinnvoll ist, Argumente kritisch abzuwägen , so dass nicht irgendwelche Stammtischparolen, sondern die Vernunft das Urteilen und Handeln bestimmt? Wesentlich für mein Unterrichten ist mir, dass ich die Schüler*innen als mündige Menschen wahrnehme, sie sollen und dürfen mir mitteilen, welche Erwartungen sie an den Unterricht haben und auf welche Weise sie arbeiten möchten. Ich bin immer sehr zufrieden, wenn dies gelingt und wir gemeinsam in einen Prozess kommen, wenn wir arbeiten, aber auch viel miteinander lachen können und wenn all dies in einer angstfreien und entspannten Atmosphäre geschieht.

Manche Schüler*innen kenne ich schon viele Jahre, andere begleite ich in den letzten beiden Jahren ihrer Schulzeit. Und immer ist interessant und spannend zu sehen, wenn sie die Möglichkeiten, die in ihnen sind, ergreifen. Wenn sie vor allem Vertrauen zu sich selbst haben. Im Grunde ist es das, was ich ihnen, wenn sie gehen, am meisten wünsche: keine Angst zu haben, sich niemals selbst aufzugeben, sondern sich selbst vertrauen zu können. Und andere Menschen, die ihnen vertrauen, nicht im Stich zu lassen. Vielleicht wagen sie es dann auch, sich im weiteren Leben nicht anzupassen, sondern dort, wo das Leben sie hinführt, manches zum Positiven hin zu verändern.

Schulleiter Christoph Kohl: Das Abitur ist das wichtigste Ziel unserer Schüler*innen, auf das das gesamte schulische Leben ausgerichtet ist und das den Höhepunkt der Schullaufbahn bildet. Im Vorfeld genießen die Abiturient*innen gewisse Privilegien, wie die Benutzung des „Blue Saloons“ und dessen „feierliche“ Übergabe an den nachfolgenden Jahrgang, die Mottowochen und am letzten Schultag die ausgelassenen Spiele und Feiern mit den übrigen Schüler*innen und Lehrer*innen. Für das Kollegium sind der Abiturgottesdienst, die Abiturfeier und der durch die Abiturient*innen ausgerichtete Abiturball normalerweise die letzte Möglichkeit, sich von jungen Erwachsenen zu verabschieden, die man als Kinder kennengelernt und durch die Pubertät begleitet hat und jetzt mit dem Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife verabschiedet.

Leider waren viele der liebgewonnenen traditionellen Routinen aufgrund der Schulschließungen ab dem 16. März nicht durchführbar. Schön war es, dass die Schüler*innen Gelegenheit hatten, trotzdem die Abiturprüfungen abzulegen, zeigen konnten, was sie zu leisten in der Lage sind und sich somit in Zukunft nicht mit einem sogenannten Durchschnittsabitur begnügen müssen. Und natürlich bin ich sehr froh, dass wir die Abiturient*innen am Ende Ihrer Schulzeit angemessen im Rahmen eines feierlichen Abiturgottesdienstes mit Überreichung der Abiturzeugnisse und Abiturpreise verabschieden können.

Silke Schmeiser: Über Jahre begleiten wir sie, sehen sie größer werden, sich verändern. Wir staunen darüber, wie sie ihre Individualität ausprägen, Verantwortung übernehmen, persönliche Reife erlangen – bis zum Abiturzeugnis. Dann verlassen sie uns. Sie wenden sich neuen Orten, Menschen und Aufgaben zu. Wir bleiben, beobachten gespannt aus der Entfernung, wohin sie ihre Begabungen richten, welche ihrer Interessen wir zuvor ausbilden und stützen konnten.

Es ist für mich eine immer wieder berührende Erfahrung, wenn die Abiturienten und Abiturientinnen Abschied vom Von der Leyen-Gymnasium nehmen. Ich kenne sie – vielleicht schon lange – aus meinem Unterricht in Deutsch oder Geschichte, wo wir unterhaltsame und auch anstrengende Stunden verbracht, gute und sicher auch schwierige Erfahrungen miteinander geteilt haben. Oder aus der Theater-AG, wo ich oft ganz andere Seiten an ihnen entdecken konnte, wo die im Unterricht Zurückhaltende als Furie über die Bühne tobt und der alberne Dauerquassler als jugendlicher Held die Herzen des Publikums gewinnt. Wo die SchauspielerInnen Ideen für Regie, Maske, Kulissen, Requisiten und Kostüme entwickeln und wir mit viel Spaß an der Sache ein ums andere Jahr unsere Projekte auf die Bühne gebracht haben. Einige kenne ich nur vom Sehen oder von Unternehmungen in der Jahrgangsstufe, auch dann verbinden uns gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse.

Gesa Bastian. Foto: privat
Sarah Ehrhardt. Foto: privat/Privat
Janna Fellinger. Foto: privat
Susanne Gastauer. Foto: privat
Sabine Grittner. Foto: privat
Christoph Kohl. Foto: privat
Silke Schmeiser. Foto: privat

Viele solcher Erinnerungen können wir festhalten in Berichten, Fotos und Filmen, andere bleiben im Kopf und im Herz. Eine große Freude ist es deshalb immer, wenn unsere Ehemaligen bei Schulfesten, Theater-, Musik- und Präsentationsveranstaltungen wieder den Weg zum Blieskasteler Schlossberg finden und uns besuchen – und das tun sie hoffentlich auch in Zukunft zahlreich und regelmäßig.