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Lausch-Systeme von der Saar für die Welt

 Bexbachs Bürgermeister Thomas Leis, Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Syborg-Geschäftsführer Robert Lander (von links). Foto: Wolf
Bexbachs Bürgermeister Thomas Leis, Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Syborg-Geschäftsführer Robert Lander (von links). Foto: Wolf FOTO: Wolf
Die Bexbacher Firma Syborg hat sich auf Überwachungstechnik spezialisiert. Janek Böffel

Der Saarpfalz-Park in Bexbach : Ein Gewerbegebiet wie viele andere in Deutschland . Es gibt eine Autolackiererei, ein Bestattungsunternehmen und irgendwo hat sogar der Bundesverband deutscher Kosmetikerinnen ein Büro. Ganz in der hintersten Ecke, dort wo schon fast die Wildnis des ehemaligen Truppenübungsgeländes der Bundeswehr beginnt, liegt der Sitz von Syborg Informationssysteme . Zwei Häuser, unscheinbar wie alle anderen am Platz. Und doch, laut Firmenwebsite, Sitz des "führenden Anbieters am Markt für fortschrittlichste Überwachungstechnologie".

Mehr als 60 Mitarbeiter bauen und programmieren in saarländischer Abgeschiedenheit Systeme, mit denen Polizei und Sicherheitsbehörden Kriminelle oder "verdächtige Personen" belauschen können. Wo Ermittler früher noch mühselig Telefone und Wohnungen verwanzen mussten, bewirbt Syborg seine Software als Lösung aus einer Hand: "Mit dem Syborg Interception Center können Ermittlungsbehörden Sprache, Daten und andere Internetverkehre in einem einzigen System überwachen und auswerten - unabhängig davon, ob die Daten aus dem Fest-, Mobilfunk- oder Breitbandnetz stammen." Fähigkeiten, die in vielen Ländern (siehe Infokasten), vor allem aber auch in Deutschland geschätzt werden. So kauften laut SZ-Recherchen mindestens sechs Landeskriminalämter (LKA), das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei Lauschsysteme aus Bexbach . Allein das hessische LKA gab 2010 demnach 5,3 Millionen Euro für Überwachungstechnik von Syborg aus.

Doch nicht alle scheinen begeistert von der Technologie "Made in Bexbach ". Bereits 2008 sollen Ermittler des nordrhein-westfälischen LKA Zweifel an der Sicherheit von Syborg-Systemen geäußert haben. Es sei nicht auszuschließen, hieß es, dass es dadurch Zugriffe aus den USA auf deutsche Ermittlungsdaten geben könne. Grund der Skepsis: Seit 2000 gehört Syborg zum amerikanisch-israelischen Aktienunternehmen Verint (damals noch Teil der IT-Firma Comverse). Und das pflegt beste Kontakte zum Geheimdienst NSA (National Security Agency ).

Verint ist Teil einer Branche, die aus der Not der Geheimdienste heraus geboren wurde, erklärt James Bamford. Der US-Journalist beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der NSA und hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben: "Nach dem 11. September 2001 wuchs die NSA sehr schnell - zu schnell für das eigene Leistungsvermögen. Also musste sie sich an private Unternehmen wenden. Diese Firmen machen im Prinzip die gleiche Arbeit, die NSA-Angestellte machen. Von Abhören über Analysen bis zu Cyber-Kriegsführung." Und so sammelt und sortiert Verint aus dem kleinen Städtchen Melville nahe New York für die NSA unter anderem Daten des größten Mobilfunkanbieters der USA, Verizon, sagt Bamford. Die Software suche gezielt nach Namen, Schlagwörtern oder Adressen und markiere sie für weitergehende Analysen durch die NSA. Unternehmen wie Verint hätten mit ihren Diensten erst die Massen-Überwachung ermöglicht, deren Ausmaße Edward Snowden vor einem Jahr öffentlich machte.

Auch personell ist der Mutterkonzern von Syborg bestens in der Welt der Geheimdienste vernetzt. Firmengründer Jakob Alexander diente in der Einheit 8200 der israelischen Streitkräfte. Diese Einheit gilt als Vorreiter digitaler Kriegsführung mit engen Verbindungen zum Mossad . Zwischen 2002 und 2010 saß zudem Kenneth Minihan im Verint-Vorstand. Wenige Jahre zuvor war er noch Chef der NSA.

Von diesen Kontakten profitiert mittlerweile auch Syborg, wie Geschäftsführer Robert Lander vor zwei Jahren im SZ-Gespräch erklärte: "Verint ist weltweit tätig und hat uns das Tor geöffnet, um unsere Produkte weltweit vermarkten zu können." Umgekehrt hat Verint dank Syborg Zugang zum deutschen Markt erhalten - und damit womöglich auch zu deutschen Ermittlungsdaten.

Wie das thüringische Innenministerium bestätigt, sind im "Syborg Interception Center" des Landeskriminalamtes jedenfalls Systembausteine von Verint verbaut. Damit hätte Verint zumindest zu Wartungszwecken Zugriff auf die Systeme und Daten in Deutschland . Aus den befragten Innenministerien heißt es dazu, Wartungszugriffe stünden unter ständiger Überwachung. Die Bundesregierung hat mittlerweile reagiert und die Vergaberichtlinien für IT-Aufträge verschärft. Nunmehr dürfen Firmen, die Software-Systeme für "sicherheitsrelevante Bereiche" liefern, keine Daten mehr an ausländische Geheimdienste weitergeben. Allerdings hat die Neuregelung eine Lücke. Sie gilt nur für neue Aufträge. Bestehende Verträge bleiben trotz aller Vorbehalte unangetastet.

Bei Syborg in Bexbach hielt man sich auf SZ-Anfrage, ob US-Behörden Zugriff auf deutsche Ermittlungsdaten haben, bedeckt. Für Presseanfragen sei der Mutterkonzern im amerikanischen Melville zuständig. Dort heißt es freundlich, aber bestimmt: "Diese Geschäftsbereiche kommentieren wir grundsätzlich nicht." Vor zwei Jahren, also "vor Snowden", hatte Syborg-Geschäftsführer Lander gegenüber der SZ betont, er "gehe davon aus, dass unsere Produkte dem Wohl der Menschen dienen". Gleichwohl könne er natürlich nicht garantieren, dass die Technik von den Kunden stets korrekt eingesetzt werde.


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Auf einen Blick
Syborg Informationssysteme wurde 1991 an der HTW in Saarbrücken gegründet. Seit 1999 hat die Firma ihren Sitz in Bexbach . Der Umsatz liegt im zweistelligen Millionen-Bereich. Die Firma stellt vor allem Systeme her, mit denen Kommunikation jeder Art belauscht und ausgewertet werden kann. Nach SZ-Recherchen liefert Syborg in Europa unter anderem an griechische, schweizerische und rumänische Behörden. In Deutschland belieferte Syborg laut Dokumenten, die dieser Zeitung vorliegen, die Landeskriminalämter in Bayern, Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. 2013 bestätigte die Bundesregierung, dass Syborg und weitere Unternehmen Ausfuhrgenehmigungen für den Export von IMSI-Catchern zur Handy-Überwachung nach Argentinien, Chile, Brasilien, Indien, Indonesien, Kosovo, Kuwait, Malaysia, Mexiko, Russland, Taiwan und die USA bekommen haben. jbö