Ein abenteuerlustiger Lehrer

Kleinottweiler. In diesen Tagen jährt sich zum 30. Mal die "Nelken-Revolution" im Iran, als aus der Monarchie unter Schah Reza Pahlavi der Gottesstaat des Ayatollah Khomeni wurde. Die Bilder der Ankunft des islamistischen Geistlichen per Flugzeug aus Paris sind ebenso unvergessen wie die des Sturms der US-Botschaft durch die Pasteran, die Revolutionswächter

Kleinottweiler. In diesen Tagen jährt sich zum 30. Mal die "Nelken-Revolution" im Iran, als aus der Monarchie unter Schah Reza Pahlavi der Gottesstaat des Ayatollah Khomeni wurde. Die Bilder der Ankunft des islamistischen Geistlichen per Flugzeug aus Paris sind ebenso unvergessen wie die des Sturms der US-Botschaft durch die Pasteran, die Revolutionswächter. Einer, der die dramatischen Vorgänge 1979 vor Ort hautnah miterlebte, ist der Lehrer Jürgen Bender, der damals an der iranisch-deutschen Schule in der Hauptstadt Teheran als "Allround-Pädagoge" tätig war. Bender, gebürtiger Ulmer, aber längst "waschechter Saarländer" (Bender über Bender) hatte sich damals, "um meine Sprachkenntnisse zur Geltung zu bringen", beim Bundesverwaltungsamt in Köln für einen Auslandseinsatz als Lehrer beworben. Mit 38 Jahren und nach 15 Jahren im deutschen Schuldienst war die erste Auslandsstation des heute 68-Jährigen, der in Kleinottweiler lebt, Teheran. "Die Stelle wurde mir als Fünf-Jahres-Vertrag angeboten und ich habe zugesagt", so Bender, der bei Ehefrau Ingrid, einer passionierten Fotografin, offene Ohren für die Abenteuerlust fand. Ob ihm nicht klar gewesen sei, dass Teheran damals schon ein Pulverfass war? "Ja und nein. Wir haben gedacht, das sei die Hauptstadt Persiens, der Schah hat sicher alles fest im Griff. Auch das Amt hatte keine Bedenken." Also ging's mit Frau und zwei Töchtern nach Teheran an die Schule mit 600 Schülern. Und zwar mit dem legendären VW-Bus, erst bis Izmir, dann 14 Tage weiter auf dem Landweg. "Gleich am ersten Tag in Teheran hat's gekracht", erzählte Bender im Gespräch mit der SZ. Zu der Zeit waren die Aufstände gegen das Schah-Regiment schon in vollem Gange. Bender sah sich selbst eigentlich nie in Gefahr: "Die Pasteran, also die Revolutionswächter, haben schon mal Macht demonstriert und uns das Gewehr an die Schläfe gehalten, aber nur, um zu testen, ob ich mich als Mann zeige oder zitternd die Hände hebe", erzählt Bender. Und betonte gleichzeitig: "Ich hatte als Deutscher nichts zu befürchten, kein einziges Mal habe ich in diesem Land den Hass gespürt." Dann war die Revolution auf dem Gipfel und "eigentlich war kein alltägliches Leben mehr möglich." Benders Schule wurde mehrfach geschlossen, Nahrungsmittel, Benzin und Heizöl wurden knapp. "Damit wir das Schuljahr retten konnten, haben wir den Unterricht als Fernunterricht gestaltet, haben Arbeitsmappen ausgeteilt, diese korrigiert und so das Schuljahr wirklich retten können." Nach Benders Ansicht bestand der Großteil der Bevölkerung damals aus armen, einfachen Leuten. "Der Schah, der sein Land zu schnell reformieren wollte, wollte, dass die Bauern Lesen und Schreiben lernen. Das wollten diese nicht und wurden dabei von den Mullahs unterstützt." Zur Hoch-Zeit der Revolution waren Benders Frau und die Töchter wieder in Deutschland. Die Töchter wurden am Christian-von-Mannlich-Gymnasium in Homburg wieder eingeschult. Der Schulbetrieb in Teheran lief weiter, als die Revolution in trockenen Tüchern war. "Neu war jetzt, dass der Unterricht für Jungen und Mädchen getrennt war und dass die Mädchen ab etwa März 1979 mit Kopftuch in der Schule erscheinen mussten", so Bender. Nachdem "uns die Botschaft regelrecht hat sitzen lassen", glich die Ausreise nach Deutschland in den Ferien eher einer Flucht. "Wir fuhren die Nacht durch ohne Licht, gelangten über Täbris an die türkische Grenze." Dann kam das plötzliche Aus: "Ende des Schuljahrs 1979/80 sind wir in die Ferien gefahren mit der Hoffnung, danach wieder normal Unterricht halten zu können. Während der Ferien wurden wir angerufen vom Kölner Amt, dass die Schule in Teheran für immer geschlossen wird." Außer, dass er sich Vorwürfe wegen seiner Familie gemacht hat, bereut Bender nichts: "Jeder von uns hätte lieber seinen Vertrag in Teheran zu Ende gebracht."

Jürgen Bender.
Jahre vor der Revolution zeigte sich der Schah Mohammed Reza Pahlevi mit seiner deutsch-persischen Frau Soraya - hier beim Staatsbesuch in London. Sie galten Anfang der 50er Jahre als Traumpaar. Später ließen sie sich scheiden. Foto: dpa.

Auf einen BlickJürgen Bender hat über seine Zeit in Teheran ein Buch geschrieben, das 33 Kapitel enthält. Bis zum nächsten Treffen der "Freunde der deutschen Schule Teheran" an Pfingsten kommenden Jahres soll es fertig sein. Bender, der nach dem Teheran-Aufenthalt fünf Jahre an einer Schule in den USA, in El Paso, und auch noch in Abu Dhabi unterrichtete, bezeichnet die Zeit in Teheran als seinen "liebsten Auslands-Aufenthalt". rs

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