Ein runder Geburtstag : Am Anfang war eine Gartenstadt

Am 1. Juni feiert das Universitätsklinikum seinen 110. Geburtstag. Ein Anlass für eine Rückschau, wie vor genau 100 Jahren alles begann.

Eröffnet wurde das Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg im Jahr 1909 - zunächst als „Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt“ für psychisch kranke Menschen. 1922 wurde es dann zu einem allgemeinen Landeskrankenhaus erweitert, aus welchem die spätere Universitätsklinik hervorging. Die ursprüngliche Anstalt wurde als eine hochmoderne Gesamtanlage konzipiert.

Die Grundidee dieser Anlage wurzelte in der sozialreformerischen Gartenstadtbewegung aus England. Diese fand im deutschen Krankenhausbau darin ihren Ausdruck, dass die einzelnen Fachkliniken als Pavillonbauten in eine weiträumige Natur- Wald- und Gartenlandschaft eingebettet wurden. Dieses innovative Gartenstadtkonzept wurde von dem Architekten Heinrich Ullmann für Homburg übernommen und in einer künstlerisch außergewöhnlich kreativen Version des damaligen Heimat- und Jugendstils umgesetzt.

Die Krankenpavillons sollten an englische Landhäuser erinnern. Sie wurden abseits von den Hauptverkehrswegen in sonniger Lage errichtet und mit Veranden, Gartenanlagen, Springbrunnen und Gartenlauben versehen. Dahinter steckte ein besonderes medizinisches Heilkonzept, welches die Wirkung der Natur zentral in den Genesungsprozess integrierte und welches eine Unterstützung dieses Prozesses durch die Einbettung der Patienten in harmonische Naturräume vorsah.

Dass man für die Kranken in einer möglichst schönen Umgebung sorgen wollte, sah man als einen Akt der Humanität, aber nicht nur das: Man erwartete, dass die Menschen in einer solch schönen und ruhigen Umgebung Erholung, Trost und Freude finden und sich dies positiv auf ihre Genesung auswirken möge.

Dass solche Vorstellungen keine längst überholten Ideen von Medizinern der Vergangenheit sind, sondern dass sie außerordentlich wirkungsträchtig und gerade heute wieder hochmodern sind, zeigen auch  neuere wissenschaftliche Studien, die die Zusammenhänge zwischen Naturnähe und Genesungsfortschritt nachweisen - so auch eine 2018 mit einem Forschungspreis ausgezeichnete Studie einer Doktorandin des Homburger Uniklinikums, welche bestätigt, wie wirksam die innovativen Ideen der Gründerzeit bleiben (Elisabeth Boßlet: „Natur als Ressource für psychosomatische Rehabilitation“).

Architektonisch wurden die Gebäude an die naturräumlichen Gegebenheiten angepasst. Dadurch entstand der Gesamteindruck einer sich organisch in die Landschaft hineinschmiegenden Gebäudeanlage. Manche dieser Häuser wirken sogar ein wenig verwunschen, so auch das ehemalige Beamtenwohnhaus, heute eine Übergangsklinik für psychisch kranke Menschen. Es ist dieses so liebevoll gestaltete Umfeld, welches dafür sorgt, dass sich der Mensch, der sich hier aufhält, geborgen fühlt. Ein Festsaal, in dem musiziert und Theater gespielt wurde,  sowie eine Kegelbahnbau gehörten neben den medizinischen Funktionsbauten ebenfalls zu dem Heilkonzept, das die Pflege der Gesundheit auch als Pflege eines freudigen Miteinanders betrachtete: „Auch die unheilbar Kranken sollten ein menschenwürdiges, zufriedenes Leben führen, zu dem […] auch der Müßiggang und das Freizeitvergnügen gehörte“ – so die Architektin Marlen Dittman.

Schließlich gehörten zu diesem Konzept auch eine Simultankirche und ein Leichenhaus. Diese Gebäude sind ganz besonders freundlich ausgestaltet. Allen Menschen, die im Krankenhaus mit Leid und Tod konfrontiert werden, bieten sie einen geschützten Raum, in dem auch die seelischen Nöte, welche solche Erfahrungen mit sich bringen, eine besondere Zuwendung erfahren.

Neben der Eingangshalle des Leichenhauses, welche zum Friedhof führt, wacht eine Sandsteinskulptur: Es ist der „gute Hirte“, der ein hilfloses Lamm liebevoll im Arm hält  Es berührt den Betrachter, wie einfühlsam der Architekt diesen Ort gestaltete, um den Toten eine letzte Ruhestätte und den Lebenden einen Ort zu schaffen, an dem sie ihre Seelen aufrichten und inneren Frieden finden können.

Viele der schönen Gebäude und Anlagen der ursprünglichen Zeit sind heute verschwunden. Viele weitere sollen noch abgerissen werden. Manche, eigentlich denkmalgeschützte Gebäude wie das Leichenhaus sind in einem bedenklichen Zustand: Es drohen Wasserschäden oder sind bereits eingetreten. Die Öffnung des Campusgeländes für den Besucherverkehr sorgt für Lärm und Luftverschmutzung in unmittelbarer Nähe der Kliniken. Wald- und Grünflächen rund um einzelne Kliniken (z.B. HNO-Klinik) werden zunehmend dezimiert und z.B. durch Parkplätze ersetzt. Damit sind auch die natürlichen Erholungsräume der Patienten rund um die Kliniken bedroht.

Die historischen Bauten des Klinikums mit ihren naturräumlichen Anlagen sind der Spiegel eines zutiefst humanen und ganzheitlichen medizinischen Heilkonzeptes, welches heute noch immer hochmodern ist. Dieser Umstand macht die Gebäude und ihre naturräumliche Umgebung besonders wertvoll und schützenswert. Damit das besondere Konzept der ursprünglichen Gesamtanlage auch der modernen Generation von Patienten, Ärzten, Studenten, Pflegern, Besuchern und  Bürgern zugänglich bleibt, wäre es wünschenswert, wenn die wenigen noch verbliebenen Gebäude nach Möglichkeit erhalten, saniert und, wo noch nicht geschehen, unter Denkmalschutz gestellt würden - und wenn auch die Naturräume besser erhalten und gepflegt würden. Für beide Bereiche stehen die gesellschaftliche Öffentlichkeit und das Land als Eigentümer in der moralischen Verantwortung, für entsprechende Maßnahmen zu sorgen.

Das ehemalige Beamtenwohnhaus, heute Übergangsklinik, wirkt regelrecht verwunschen.  Foto: Astrid Diener

Gekürzte Version eines Artikels, der in „Saarpfalz – Blätter für Geschichte und Volkskunde“, Nr. 140, (1) 2019, S. 39-45, erschienen ist.