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Zum Auftakt einer neuen Reihe im Saar-Landtag ging es um Kultur und Europa

Diskussion im Saar-Landtag : Soll Europa mit angezogener Handbremse weiterfahren?

Eine Diskussionsrunde im saarländischen Landtag mit Ophüls-Leiterin Svenja Böttger und den Journalisten Nils Minkmar („Spiegel“) und Robin Alexander („Welt“).

Auf manche Fragen kann es keine seriöse Antwort geben. Dass die neue Veranstaltungsreihe „Landtag – spannender Ort“ (eine kühne Behauptung) ihre Auftaktdiskussion am Montag ausgerechnet mit einer dieser unbeantwortbaren Fragen gängelte, erwies sich als ein zweistündiges Hemmnis. „Kann Kultur Europa retten?“ lautete die Frage. Wie ließe sich darauf sinnvoll, sprich phrasenfrei, antworten?

Auch wenn Michael Thieser (SR) als Moderator sein Möglichstes gab, um der Diskussion mit Ophüls-Chefin Svenja Böttger, „Spiegel“-Autor Nils Minkmar und „Welt“-Politikchef Robin Alexander auf die Sprünge zu helfen: Im Funzellicht der deplatzierten Grundfrage blieb vieles eben doch ein Fischen im Trüben. Erschwerend kam hinzu, dass das Podium unglücklich besetzt war: Svenja Böttger etwa bekannte eingangs gleich, sich profund nur zum Thema Film äußern zu können. Weil überdies der alte Saarländer Minkmar (er stammt aus Dudweiler) argumentativ nicht gerade seinen besten Tag erwischt hatte, plätscherte der Abend zumeist dröge dahin. Dass man innerlich nicht abschaltete, war vor allem Robin Alexander zu verdanken, der den common sense gern mal herausfordert (und im TV genau deshalb Talkshow-Dauergast ist).

Die Runde saß noch kaum, da hatte Alexander schon eingeworfen, man zeichne generell „ein zu helles Bild von der kulturellen Identität Europas“. Hehre Ideale seien das eine. Tatsächlich aber entstehe Identität durch Abgrenzung. Statt Alexanders Vorlage aufzugreifen und den Sonntagsredenschleier vom großen Unschärfekomplex „Kultur und Europa“ einzukassieren, drehte man die übliche tour d’horizon, die mit Blick auf die „europäische Lerngemeinschaft“ (Thieser) von der Aufklärung über Nationalismus und Kolonialismus bis nach Auschwitz führte, um nach 1945 in der europäischen Einigungsbewegung wieder ein neues Ideal zu finden und zu leben. Minkmar gab mit Blick auf das kollektive europäische Entsetzen über die brennende Pariser Notre Dame zu bedenken, dass wir oft erst „in der Bedrohung den Verlust erkennen“, und umschrieb ein andermal das EU-Zustandsbild als ein „Europa mit angezogener Handbremse“. Eine Antwort, wie man diese lösen könnte, blieb der Abend schuldig.

Dabei hatte Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) als Gastgeber in seiner Vorrede aus guten Gründen an ein Bonmot des früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors’ erinnert: „Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt.“ Mit Blick auf das kulturelle Erbe meinte Toscani, „dass von Europa eine soft power ausgehen“ könne. Was davon nach der Europawahl in gut 14 Tagen noch übrig sein wird, bleibt abzuwarten. „Welt“-Journalist Alexander fürchtet, dass der aufgrund zu erwartender unklarer Mehrheitsverhältnisse dann einsetzende Parteienpoker schnell „zu einem großen Kater in Europa führen wird“. Und der Brexit nicht das letzte Ausstiegsmodell sein wird. Nils Minkmar wiederum meinte, der EU-Wahlzirkus zeuge auch von Heuchelei. Würden tatsächlich 90 Prozent der Wähler votieren, passte uns das auch nicht. Weil womöglich nationalistische oder eurozentristische Tendenzen (oder die laut Minkmar von dem französischen Philosophen Roland Barthes seinerzeit hoffähig gemachte Islamophobie) mehrheitsfähig wären.

Zurecht insistierte Michael Thieser, die Kulturschaffenden in Europa fänden keine gemeinsame Sprache. Svenja Böttger mutmaßte, dies könne mit Ohnmachtsgefühlen zu tun haben. Robin Alexander mahnte, es gelte, sich den Mühen der Ebene zu stellen – sprich die Praktikabilität von Europa im Einzelfall kontrovers und vorbehaltlos zu diskutieren statt nur blumige Reden zu halten oder die Gegenseite „nur als defizitär zu beschreiben“. Der frankophile Nils Minkmar wiederum formulierte als Auftrag an Europa, Frankreichs Kulturpolitik zu adaptieren und, wie dort, Kultur „durch ein ganzes Arsenal an Gesetzen zu schützen“. 

Der vielleicht interessanteste Wortbeitrag kam gegen Ende aus den bei weitem nicht gefüllten Publikumsreihen. Im Januar sei Thomas Gaehtgens Buch „Die brennende Kathedrale“ erschienen – drei Monate vor der brennenden Notre Dame, holte der Saarbrücker Romanist Gregor Halmes aus. Gaehtgens arbeite vielmehr die Zerstörungsgeschichte der im September 1914 von den Deutschen in Brand gesetzten Kathedrale von Reims auf. Deutsche und Franzosen hätten, resümierte Halmes, doch viel erreicht in den 105 Jahren seither. Wer wollte ihm da widersprechen? Genug zu tun gibt es dennoch immer noch. Insoweit wird man sehen, ob Gastgeber Toscani mehr als nur eine Worthülse losließ, als er meinte, das Saarland müsse seinen „europäischen Auftrag noch stärker aufgreifen“.