"World Taxi": eine zündende Doku des Saarbrücker Regisseurs Philipp Majer

Doku aus Saarbrücken : Welt-Spots im Taxi mit Tony, Sergio und Destan

Der Saarbrücker Filmemacher Philipp Majer begleitet in seiner Doku „World Taxi“ Taxifahrer in Bangkok, Dakar, Pristina, El Paso und Berlin.

In seinem letzten Dokumentarfilm „Die Kleinstadt“ porträtierte Philipp Majer (36) die einstmalige Schuhmetropole Pirmasens. In „World Taxi“, seinem jüngsten, sind es gleich fünf Metropolen (Bangkok, Pristina, Dakar, El Paso und Berlin), die er mit besonders ausgefallenen Vertretern ihres Standes im Taxi sowie deren Gästen für eine Zeitspanne von 24 Stunden erkundet. Ungefähr vor fünf Jahren kam ihm auf einer Amerikareise zusammen mit seiner Frau, der Illustratorin Joni Majer, die Idee für seinen „World-Taxi“-Film: Als die beiden in Bronsville beim charismatischen JayJay ins Taxi stiegen, zückte Majer kurzerhand die Kamera und hielt drauf. Aus dem so entstandenen Material bastelte er einen Teaser, schrieb ein Exposé und gewann auch einen Partner – „Doch dummerweise hing erst Jayjay seinen Job an den Nagel und dann klappte es doch nicht mit dem Partner“, erinnert sich Majer.

Doch Majer hielt an seinem Vorhaben fest und konnte die „Saarland Medien“ als Förderer gewinnen. Ohne jegliches Casting, mit winzigem Budget (12 000 Euro) zog er auf eigene Faust los und begleitete die fünf Auserkorenen für jeweils drei Tage bei ihrer Arbeit – Kamera und Schnitt übernahm er selbst. Destan aus Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, kannte Majer bereits von früheren Dreharbeiten zu seinem Film „Smajl“. Der älteste der fünf porträtierten Fahrer eröffnet in der morbiden Post-Sowjetkulisse mit seiner imposanten, silbernen 3-Liter-Mercedes-Limousine, die er nur („Koste es, was es wolle!“) mit Originalersatzteilen repariert, die Runde. Die vorm Dienst von Destan auf dem Dach angeschraubte Halterung für das offizielle Taxi-Zeichen 057 ist zwar keineswegs Original, aber der altgediente Chauffeur ist’s in jeder Hinsicht – so wie auch seine Kollegen, die sich ihr klägliches Einkommen gerne mal mit einem angeblich abgefahrenen Außenspiegel von den vermeintlichen Verursachern aufbessern lassen. Das hat Destan wiederum nicht nötig. Er verarztet nicht nur selbstlos seine Kunden „ohne OP“ mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln zu Gesundheitsfragen, diskutiert mit den Jungen leidenschaftlich über Politik und beklagt die grassierende Korruption, sondern erlässt auch mal den Fahrpreis. Derartige umsichtige Milde ist Mamadou aus Dakar – auf den Majer durch seine Cousine, die zwei Jahre in Togo lebte, aufmerksam wurde – völlig fremd. Der quirlige Senegalese mit Hang zur Parfüm- und Marlboro-geschwängerten Selbstinszenierung feilscht hart mit seinen Gästen um den Fahrpreis. Nicht minder hart ist sein Werben um eine junge Frau, die er sich gut und gerne als seine Zweitfrau vorstellen kann, was diese mit „Ihr Männer mögt alles Neue, nur nicht das Grab“ quittiert, während er über die staubigen Straßen braust.

Auch Bangkok ist ein hartes Pflaster, auf dem sich Tony (eigentlich Attaphon), den Majer über das dortige Goethe-Institut ausfindig machte, bestens zu behaupten weiß. Für Tony ist sein Taxi die zweite Frau und die Prostitution für ihn wie für die Prostituierten ein notwendiges Übel, mit dem er indirekt sein Geld verdient. „They don’t have a choice“, resümiert Tony bei der Fahrt durch Bangkoks Rotlichtviertel, in dem an jeder Ecke dickbäuchige, ältere weiße Männer händchenhaltend mit jungen, dünnen, aufgetakelten Thailänderinnen herumlaufen und Tony mit hektischen „Taxi, Taxi“-Rufen durchs offene Fenster auf Kundenfang ist. Den akustischen Subtext zu derartigen sozialen Schieflagen liefert der Kölner Bassist Tobias Göbel: Die mit Sounddesign aufgepeppten Bassläufe Göbels verstärken die entweder verbal geäußerten oder von Majer gerne in Slowmotion ins Bild gesetzten Probleme vor Ort – auf eine kommentierende Erzählerstimme verzichtet er bewusst. Majers „politische Note“ zeigt sich auch in El Paso. Dort kutschiert der väterliche Sergio mit seinem „Amigo Shuttle“ vornehmlich Amerikaner ins berüchtigte mexikanische Ciudad Juarez, wo sich die junge, adipöse Lisa zu einem Bruchteil der Summe, die sie in den Staaten zahlen müsste, den Magen verkleinern lässt – damit sie, ohne außer Atem zu kommen, mit ihrer Tochter spielen kann.

Außer Atem sind auch viele der hipsteresken, aufgeputschten Partygänger, die Taxifahrerin Bambi la Furiosa in Berlin ins Berghain, ins Sisyphos und davor noch kurz zum Dealer fährt, während man sich im Taxi über „zu chilligen Deephouse“ und die steigenden Mieten und die Gentrifizierung austauscht. Egal in welchem Taxi – Majer zeigt ein feines Gespür für die aktuellen Befindlichkeiten, die er detailversessen und mit sehr gelungenen Match-Cuts (Motiv-Wiederholungen) zu einem offenen Narrativ zusammenwebt, das immer wieder überraschend neue Perspektiven und Einstellungen liefert.

Vor-Premiere von „World Taxi“ am kommenden Freitag jeweils um 18 und um 20 Uhr im Saarbrücker Kino Achteinhalb (danach gibt es jeweils Werkstattgespräch mit Philipp Majer).
Infos: www.worldtaxi-film.com

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