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Wolfgang Hegewalds denkwürdige Saarbrücker Lesung aus "Lexikon des Lebens"

Festival „erLesen!“ : Hütet Euch vor der Zylinderkopfdichtung!

Das Leben geht nicht auf: Ein Grundparadoxon, für das Wolfgang Hegewald eine kompositorische Antwort gefunden hat. In „Lexikon des Lebens“ spaltet er seine Hauptfigur in genauso viele Figuren auf, wie das Alphabet Buchstaben hat. In einer denkwürdigen Lesung stellte er sein Werk, von Hör-Miniaturen des Liquid Penguin Ensembles begleitet, in Saarbrücken vor.

Zwischen Ah und Weh ist viel Platz fürs Leben. In dem Fall für 103 mal dokumentarische, mal fiktionale, mal essayistische Einträge von Ach bis Zylinderkopfdichtung, die aufgefädelt sind an 26 Figuren von A wie Achim bis Z wie Zacharias, die wiederum nichts anderes sind als Phänotypen des solcherart prismatisch gebrochenen Autors. Wolfgang Hegewalds 2017 erschienenes „Lexikon des Lebens“, aus dem er am Donnerstag bei Ludwig Hofstätter in Saarbrücken las (fraglos einer der Höhepunkte des „erLesen!“-Festivals), ist eine große literarische Wundertüte.

Hegewalds Fabulierereien, jedenfalls die meisten, ergeben stilistisch brillante Prosastücke. Was für Achim, einen von Hegewalds 26 Stellvertretern, das Mietshaus gegenüber ist, das (und noch viel mehr) ist auch das ganze Buch: „ein phantastisches Pano­rama aus Vermutungen, Augenblicken, rätselhaften Details und trivialen Einsichten“. Trivial nur in dem Sinn, dass Hegewalds Zeit- oder Szenenbilder bisweilen auch nur Alltäglichkeiten kondensieren. Etwa unter dem Eintrag „Spinat“ das Kindheitstrauma grünen Breis, der „nach lange nicht gereinigtem Aquarium“ roch. Oder unter „Einschluss“ die Beschreibung einer familiären Sonntagsstummheit: „Eine bösartige, unzerreißbare Zellophanfolie schloss inwendig den gesamten Wortschatz ein und ließ ihn sadistisch zappeln.“ Hegewalds die Unabschließbarkeit des Lebens spiegelndes Lexikon bietet „allen möglichen Textformen ein Asyl“ (Hegewald): Anekdoten & Abrechnungen; Denkbildern & Porträts; Lautbildern & Meditationen.

Dass der blendende Abend in der Buchhandlung St. Johann mehr als nur eine denkwürdige Lesung (und ein launiges Gespräch des Autors mit dem Germanisten Gerd Schäfer) bot, verdankte sich dem Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble, das Hegewalds Text-Kostproben zwischendurch in famose Hörbilder übersetzte. Ohne dass man begriff, wie Katharina Bihler & Stefan Scheib ihren Klangkörpern (darunter Gläser, Kartondeckel und Holzvögel) ein derart ausgeklügeltes Geräuschgemisch zu entlocken wussten. Hegewald haben sie 2014 kennengelernt. Er gehörte damals der Jury an, die ihr Stück „Ickelsamers Alphabet – Dictionarium der zierlichen Wörter“ zum ARD-Hörspiel des Jahres wählte. Und animierte die Pinguine drei Jahre später zu ihrer sprachmusikalischen Performance „Der Fall Sola“ – insoweit war das also ein Abend unter Wahlverwandten. Der endete mit einem der geschliffensten Diamanten in Hegewalds Lexikon-Schmuckstück, dem Eintrag „Zylinderkopfdichtung“. Darin heißt es: „Einige dunkel gekleidete Männer saßen, die Köpfe feierlich mit Zylindern bedeckt, an einem Tisch und schrieben mit so ernsten Mienen Nonsens nieder, als verfassten sie in höherem Auftrag Urkunden zum Totlachen.“

Wolfgang Hegewald: Lexikon des Lebens. Mit 27 Zeichnungen Anke Feuchtenbergers. Matthes & Seitz, 368 S., 28 €.