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Wie Sackarbeit in der Völklinger Hütte ging

Schätze des Saarlandes, Teil 9 : Wenn der Wasserhahn zum Ehering wird

Wie illegale „Sackarbeit“ in der Völklinger Hütte funktionierte und wozu sie diente, erzählt Zeitzeuge und Volkskundler Gunter Altenkirch.

Es ist keine exakte Geschichtsschreibung, die der Rubenheimer Volkskundler und Museumsleiter Gunter Altenkirch betreibt. Er erforscht seit mehr als 50 Jahren die saarländische Alltagsgeschichte und Mentalität, sucht in abertausenden Zeitzeugen-Äußerungen nach Übereinstimmungen und Überlappungen. Und stieß auf einen Begriff, den er selbst nur zu gut kannte, aus seiner Zeit als Lehrling auf der Völklinger Hütte, 1956, als man ihn „Knechtsche“ nannte – und ihm Arbeiten auftrug, die im engeren Sinn gar nichts mit der eigentlichen Ausbildung zum Fernmeldemonteur zu tun hatte. „Guck mo in der Schrottkischd“, hieß es dann vom Gesellen, „Ich hann dir do ebbes uffgezeichnet“. Und dann war für den Lehrling Altenkirch Erfindungsgeist und Geschick gefragt. Für die sogenannte Sackarbeit, die sich auf dem Werksgelände und innerhalb der bezahlten Arbeitszeit abspielte. Deren Ergebnis wurde dann irgendwann im eigenen Schaffsack durchs Werkstor geschmuggelt:   Unkrautmesser, Kerzenständer, Bügeleisen, Kuchenformen, Zigarettenschachteln. Nicht selten dienten die Sackarbeit-Erzeugnisse auch als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke.

An Altenkirchs persönlicher Erinnerung lässt sich Folgendes ablesen: Die illegale  Sackarbeit wurde von manchen Vorgesetzten geduldet, womöglich sogar beauftragt. Und: Sie diente nicht immer nur dem eigenen Nutzen. Vielmehr war sie, so Altenkirchs Erkenntnis aus unzähligen Zeitzeugen-Interviews, ein Teil der Tauschwirtschaft sowie auch die Basis für Kameradschaft und Solidarität. Vielfach wurde „in den eigenen Sack geschafft“ – allerdings nicht ausschließlich, um sich persönlich zu bereichern, sondern um  anderen zu helfen. Auf Grund dieser Beobachtung erklärt Altenkirch die Sackarbeit zum Saarland-Spezifikum, obwohl es das „In-den-eigenen-Sack“-Arbeiten der Handwerker und Malocher überall in Industriebetrieben gab. Doch nur im Saarland entwickelte es sich zu einem sozialen Phänomen, war kein nach außen verheimlichtes individuelles Geschehen. So jedenfalls lautet Altenkirchs These. Tatsächlich taucht der Begriff bei der Internet-Suche  ausschließlich in Zusammenhang mit dem Saarland auf.

Altenkirch: „Viele Arbeiter hatten in ihren Dörfern auch noch Landwirtschaft. Dann hieß es von Seiten der Bauern: Ich helfe dir beim Grumbeereausmache, und du bringst mir dafür dies oder jenes von der Grube oder aus der Hütte mit. Meist ging es um praktische Dinge.“  In der Regel wurden sie aus Abfallmaterialien hergestellt, es musste viel improvisiert werden. So entstanden oft handwerklich wertvolle und technisch innovative Lösungen. In Altenkirchs Zeitzeugen-Protokollen taucht beispielsweise folgende Passage eines Quierschieder Bergmanns auf: „Oft waren es kleine Sachen… das ist dann schnell gegangen, und man hat ja auch wieder was gelernt, hat der Steiger ja auch was von gehabt. Du hast ja gelernt, ein kleines Problem zu lösen, und du hast immer mal mit einem geschwätzt, ob der nicht eine bessere Idee hat.“ Altenkirch hält dies für die Anfänge des betrieblichen Verbesserungsvorschlagswesens.  

Not macht eben erfinderisch. Mehrere hundert Sackarbeit-Stücke hat der Rubenheimer Museumschef in seiner Sammlung, darunter jedoch nur wenige, die eine derart besondere, emotionale Sprache sprechen wie das Spielzeugpferd aus Eisen und   die Eheringe aus Messing, die das Völklinger Team als Schätze in die „Mon Trésor“-Ausstellung aufgenommen haben. Die detaillierte Historie der Exponate ist unbekannt. Das Pferd, das höchst wahrscheinlich 1946 gefertigt wurde, fand Altenkirch  auf einem Sperrmüll-Haufen in der Nähe seines Wohnhauses in Rubenheim. Ob es als „Sackarbeit“ in einer Industriewerkstatt entstand oder aber zuhause angefertigt wurde, ist unklar. Die Familie, die das Pferd entsorgte, konnte darüber nichts mehr erzählen.

Über einen der Eheringe weiß Altenkirch freilich mehr, weil ihm der Enkel eines 1920 geborenen Hüttenarbeiters dazu noch einiges berichten konnte. Der Großvater arbeitete direkt nach dem Krieg im Alten Eisenwerk in Völklingen, verlegte Wasserrohre. Eines Tages sollte er an einem Winderhitzer (Cowper) am Hochofen einen Wasserhahn aus Messing abmontieren. In diesem „Edelschrott“ (Rotguss/Messing) erkannte der Großvater, der nicht genug Geld hatte, um zum Juwelier zu gehen,  seine Chance. Er schnitt heimlich einen Streifen aus dem Hahn heraus, bearbeitete ihn, steckte ihn der Freundin an den Finger, und als der passte, wiederholte er das Ganze mit dem breiteren Einlauf – das wurde sein eigener Ring. In beide Ringe feilte der Mann ein Muster, nachdem er sie mit einem Herdputzmittel poliert hatte – bis sie glänzten wie Gold und aussahen wie veritable Eheringe. Es konnte geheiratet werden. 1947 wurden die Interims-Eheringe dann gegen echte Goldringe getauscht. „Das war kein Einzelfall, sondern typisch für die Arbeiterkultur in Notzeiten“, so Altenkirch. Drei solcher Eheringe sind im Rubenheimer Museums-Bestand. Das Pendant zum Völklinger Wasserhahn-Ehering freilich nicht. Er blieb als Erinnerungsstück in der Familie.