Wie Orchestermanager Benedikt Fohr aus Saarbrücken in Hongkong auf Corona-Virus reagiert

Kostenpflichtiger Inhalt: Saar-Orchestermanager in Hongkong : „Die Regierung hat alle Konzertsäle geschlossen“

Der frühere Saarbrücker Orchestermanager verantwortet das Hong Kong Philharmonic – in einer Metropole zwischen Protesten und Coronavirus.

Seit April 2019 ist Benedikt Fohr Chief Executive des Hong Kong Philharmonic Orchestra und damit als Geschäftsführer für eines der bedeutendsten philharmonischen Orchester Asiens verantwortlich. Zuvor war der Diplom-Kaufmann und passionierte Musiker zwölf Jahre lang Orchestermanager der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) mit Sitz in Saarbrücken und Kaiserslautern. Das erste Dreivierteljahr in Hongkong brachte dem 56-Jährigen nicht nur die Annäherung an ein neues Orchester und das Leben in einer Millionenmetropole in einem anderen Kulturraum, sondern auch die Bürgerproteste und jetzt der Coronavirus, der das Leben in China massiv verändert hat.

Als Sie nach Hongkong gegangen sind, um Geschäftsführer des Hong Kong Philharmonic Orchestra zu werden, war das zunächst mal ein riesiger Karrieresprung für Sie. Über Monate aber wird das Leben in Hongkong jetzt bestimmt durch die Bürgerproteste. Zudem gab es vor wenigen Tagen auch den ersten Todesfall durch das Coronavirus in Hongkong und Meldungen, dass bestimmte Versorgungsgüter in Folge der Verordnungen bereits knapp werden. Wie ist Ihre persönliche Situation derzeit?

FOHR Eigentlich bin ich sehr positiv eingestellt, ich arbeite für ein wirklich hervorragendes Orchester und Hongkong ist eine unglaublich vielfältige Weltstadt. Aber seit Juni mussten wir mit unserem Team tatsächlich auf die unterschiedlichen Herausforderungen reagieren. Im Nachhinein waren die Proteste etwas besser zu handeln, da es jeweils lokal und zeitlich begrenzte Aktionen waren. Wir konnten dann kurzfristig entscheiden, ob das Konzert oder die Probe verschoben, gekürzt oder ganz abgesagt wird. Die Auswirkungen des Coronavirus sind für uns aber überhaupt nicht abzuschätzen, niemand weiß, wie lange der derzeitige Zustand der akuten Gefährdung tatsächlich andauern wird. Und die Entscheidungen in diesem Zusammenhang liegen zunächst auch nicht bei uns, das heißt, Fluggesellschaften stellen Linien ein, Ländergrenzen werden dicht gemacht und Konzertsäle, Museen, Schwimmbäder, Schulen und Universitäten werden von der Regierung geschlossen.

Wie muss man sich das Alltagsleben in Hongkong aktuell vorstellen?

FOHR Das Alltagsleben ist insofern derzeit sehr eingeschränkt. Die staatlichen Institutionen und viele private Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter, soweit es geht, von Zuhause aus arbeiten. Zwischenmenschliche Kontakte in größeren Gruppen sollen vermieden werden, um der Verbreitung des Virus entgegen zu wirken. Die Hotels, Restaurants und Geschäfte werden wenig besucht, vor allem weil die chinesischen Touristen und Geschäftsleute fehlen, für die Hongkong mit seinen Luxus-Shoppingmails natürlich ein Paradies ist. Die Straßen sind sehr leer, und wer nicht umhin kommt, sich per Metro oder zu Fuß fort zu bewegen, verbirgt sein Gesicht hinter der Maske. Das ist schon ein etwas trostloser Anblick in dieser sonst so lebhaften Sieben-Millionen-Metropole. Man kann sich aber frei bewegen, es gibt eigentlich alles zu kaufen, vielleicht bis auf die Masken, und die Natur bietet gerade bei den derzeitigen Temperaturen herrliche Ausflugsmöglichkeiten.

Läuft der Konzertbetrieb eigentlich noch regulär?

FOHR Leider nein, seit dem chinesischen Neujahr, Ende Januar, finden keine kulturellen Veranstaltungen statt. Die Regierung, die die meisten Konzertsäle hier verwaltet, hat alle zunächst bis zum 17. Februar geschlossen. Wir warten nun dringend auf Nachrichten, wie es danach weitergehen soll. Nicht nur wir haben natürlich wöchentlich Konzerte geplant, die nun nicht stattfinden können. Es gibt auch das HK Balett, die HK Sinfonietta, die HK Opera und vor allem das berühmte HK Arts Festival, das sein gesamtes Festival für dieses Jahr absagen musste. Das betrifft nun Ensembles wie Boston Symphony, die Bayerische Staatsoper und das Freiburger Barockorchester. Außerdem wurden zwei große Kunstmessen im März, die Art Basel Hong Kong und die Art Central gestrichen.

Rechnen Sie mit Absagen von Solisten und Dirigenten aus dem Ausland wegen der Epidemie?

FOHR Eigentlich wurden wir sowohl während der Proteste, als auch in der Zeit des Coronoravirus von Absagen verschont. Es gibt verständlicherweise besorgte Nachfragen, aber abgesagt wurde seitens der Künstler nicht. Hingegen sind alle Künstler verständnisvoll, wenn wir unsere Konzerte nun aufgrund der geschlossenen Spielstätten absagen beziehungsweise verschieben müssen.

Unabhängig von den aktuellen äußeren Einflüssen: Was unterscheidet das Programm-Machen in einer Millionenmetropole im Vergleich zum Saarland?

FOHR Einerseits würde man denken, eine Stadt mit sieben Millionen Einwohnern sollte das Potenzial haben, einen Konzertsaal mit 2 000 Plätzen zwei Mal in der Woche zu füllen. Das ist aber leider nicht so, noch nicht. Hier merkt man schon den Unterschied zu Europa mit seiner langen Musiktradition, die einige Jahrhunderte zurück reicht. Das Hong Kong Philharmonic Orchestra wurde 1974 professionell und ist das einzige Symphonieorchester vor Ort. Wir sind deshalb sehr engagiert dabei, unser Publikum aufzubauen, das sehr viel jünger ist als in Europa. Hierin sehe ich eine Chance, diese vielen jungen Menschen, die als Schulkinder mindestens eines, wenn nicht gar zwei Instrumente erlernen, für die klassische Musik zu begeistern. Es gibt daher ein vielfältiges Angebot an Vermittlungsprojekten und Familienkonzerten. Neben unsere symphonischen Konzertreihen realisieren wir interessante Kooperationen mit verschiedenen örtlichen Kulturinstitutionen und können so auch andere Publikumsschichten ansprechen. Diese programmatische Vielfalt ist vielleicht, neben der größeren Zahl an Veranstaltungen, der wesentliche Unterschied beim Gestalten des Spielplans.

Was schätzt das asiatische Publikum, wo muss man andere Akzente als in Deutschland setzen?

FOHR Den Publikumsgeschmack in Hongkong schätze ich eher als konservativ ein, zeitgenössische Musik stößt auf weniger Neugier und Interesse, als wir dies in Deutschland kennen. Ansonsten aber sind die Vorlieben hinsichtlich des großen symphonischen Repertoires grundsätzlich gleich: Gustav Mahler, Peter Tschaikowsky, Dmitri Schostakovitch, Anton Bruckner, Johannes Brahms und natürlich Ludwig van Beethoven.

Welchen Eindruck macht das HK Philharmonic als Orchester auf Sie; hat es einen typischen Sound?

Benedikt Fohr in Hongkong mit der internationalen Auszeichnung „Orchestra of the Year“ – für sein neues Orchester. Foto: HK Philharmonic

FOHR Jaap van Zweden, unser Chefdirigent, hat das Orchester in den vergangenen acht Jahren wirklich hervorragend aufgestellt. Für den mit ihm eingespielten „Ring“ von Richard Wagner hat das Orchester im vergangenen Oktober den Gramophone Award „Orchestra of the Year“ erhalten, als erstes asiatisches Orchester. Die Stärke des Orchesters und der typische Sound liegt meines Erachtens in der Perfektion und in der Flexibilität des Streicher-
apparates, der im Zusammenspiel mit den Bläsern diesen wunderbar homogenen Orchesterklang bildet.