Neues Musical in Neunkirchen: Wie Marie der Oberschicht den Kampf ansagt

Neues Musical in Neunkirchen : Wie Marie der Oberschicht den Kampf ansagt

Premiere in Neunkirchen feierte am Freitag das Musical „Meine Herren und Damen: Marie!“ über die Frauenrechtlerin Marie Juchacz (SPD).

Nicht nur eine glamouröse Präsidentengattin wie Evita Perón oder eine tragische Kaiserin wie Elisabeth, nein, auch eine Frau aus der Arbeiterklasse und Frauenrechtlerin wie Marie Juchacz ist musicaltauglich. Das haben die Neunkircher mit ihrem neuesten Musicalprojekt „Meine Herren und Damen: Marie!“, das Freitag in der Neuen Gebläsehalle Uraufführung feierte, definitiv bewiesen. Mit einem Auftragswerk ging die Hüttenstadt ein zusätzliches Risiko ein. Schließlich konnte man nicht wissen, was herauskommt, wenn die Arbeiterwohlfahrt zum 100-jährigen Bestehen ein Stück über das Leben und Wirken ihrer Gründerin Marie Juchacz (1879 - 1956) bestellt. Musikalisch, textlich hätte vieles daneben gehen oder das Ganze nur mehr ein glattes Jubelstück werden können. Doch diese Klippen haben die Macher, Holger Hauer (Buch und Songtexte) Francesco Cottone und Amby Schillo (Musik) und Matthias Stockinger (Regie) weitgehend umschiffen können. Mit Nina Sepeur fanden sie zudem eine Darstellerin der Marie Juchacz von außerordentlicher Präsenz. Eher mütterlich-warmherzig denn kämpferisch, bis hinein in ihre tolle Stimme, nimmt man dieser Frau ihr unablässiges Engagement für bessere Arbeitsbedingungen, gegen Kinderarbeit und eine gleichberechtigte Stellung der Frau jedoch überzeugend ab. Mit Hannah Neumann als Maries jüngere Schwester Elisabeth, steht Sepeur eine treue Verbündete und Kampfgefährtin zur Seite, die nicht minder stark ist, ohne ihr jedoch die Schau zu stehlen. Und für ein Laienensemble zeigen die Neunkircher insgesamt wieder einmal große Leistung. Das Musical, das sich auf Juchacz’ Wirken von 1918 bis 1919 beschränkt, muss dem Zuschauer einen politisch komplexen historischen Kontext verständlich machen, was natürlich nicht ohne Vereinfachung gelingt.

Den Arbeiterinnen, die sich 14 Stunden täglich in der Nähfabrik mit dem Schneidern von Soldatenuniformen schinden müssen, wird eine in Luxus lebenden Oberschicht gegenübergestellt, die sich auf Swingtanz-Partys mit Champagner vergnügt. Juchacz steht mit ihren Forderungen nach Erleichterungen für die Arbeiterin einem eigentlich gutmeinenden Vorarbeiter Edelmann (Nils Hollendieck), einem prototypischen freikonservativen Politiker Lehmberger (etwas zu heutig-locker: Marc Schweig), Lieblingsspruch: „Das schlimmste Individuum im Staat ist der Sozialdemokrat“, und seiner Gattin als einer kalt abservierenden Fabrikbesitzerin (sehr gut: Solveig Brandner) gegenüber. Mit weißen versus schwarzen Kostümen unterstreicht Kostümbildner Jochen Maas die Klassengegensätze etwas sehr plakativ. Aber auch in der Arbeiterfamilie ist nicht alles warme Solidarität, die Stellung der Frau nicht zum Besten bestellt: Während Juchacz‘ gescheiterte Ehe und Mutterschaft leider ausgespart bleibt, repräsentiert Elisabeths Gatte Karl (Tobias Sascha Schmitt) den rohen Arbeiter, der seine Frau am liebsten nur am Herd sähe, der Schwägerin an die Wäsche will und im Suff aus Frust später eine Prostituierte fast totschlägt.

Im ersten Akt merkte man am Freitag allen Darstellern noch etwas die Nervosität an, da rasten sie noch durch ihre Dialoge, wirkten auch die Massenszenen meist zu hektisch und „verschluckten“ optisch die Hauptfiguren. Im zweiten Akt hatten alle an Sicherheit gewonnen, da stimmte dann der Rhythmus, ließ genug Raum für ruhige Spielszenen. Nicht ganz klar wurde hier Juchacz‘ Aufstieg als Funktionärin und beliebte Vortragsrednerin der Mehrheitssozialdemokraten.

Um so gelungener aber hier ihre Rede, die erste einer Frau in der Weimarer Nationalversammlung, die aus dem Originaltext zitiert. Manchmal geriet das Spiel, aber auch die Sprache („ohne Lesen wäre im Leben außer Spesen nichts gewesen“) im Verlauf des Musicals etwas zu heutig-flapsig. Auch die Songs im historischen Brecht-Weill-Marsch-Rhythmus passten besser als die eher jazzig-poppigen, die in einer ganz aufs Jetzt zugeschmiedeten Hymne „Etwas weniger Ich, dafür mehr Wir“ kulminierten. Sehr clever hingegen Hauers dramaturgischer Kniff, Juchacz und ihre Schwester am Ende ins Heute zu versetzen, um zu konstatieren, dass Armut und schlechtere Bezahlung von Frauen noch immer aktuell sind.

Hier traute man sich, einen Seitenhieb auf den heutigen Zustand der SPD anzubringen – und sorgte für den Lacher des Abends. So schaffte man die richtige Einstimmung für den jubelnden Abschlussapplaus des Uraufführungs-Publikums.

Zeigte als Marie Juchacz außerordentliche Präsenz: Nina Sepeur. Foto: Jörg Jacobi

Nächste Aufführungen: 13. bis 18. August.

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