Wie geht Leseförderung heute? Saarbrücker Arbeitstagung der Bödecker-Kreise

Leseförderung : Unmittelbarkeit schlägt Vermittlung in der Leseförderung

Der Friedrich-Bödecker-Kreis verschreibt sich seit Jahrzehnten der Förderung der Lesekompetenz. Eine Saarbrücker Arbeitstagung trägt dem Rechnung.

Ein Reformpädagoge aus dem Niedersächsischen war Friedrich Bödecker (1896-1954), als er in den 20ern dort eine Schulbücherei aufbaute und sich in Jugendbuchausschüssen des Lehrerverbandes engagierte. Nach 1945, Bödecker war 1933 aus dem NS-Lehrerbund ausgetreten, machte er sich dann als Niedersachsens Jugendbuchratgeber weithin einen Namen, woraufhin die von ihm geleitete „Arbeitsgemeinschaft Buch, Film und Fernsehen“ am 1. September 1954 nach Bödeckers Tod in „Friedrich-Bödecker-Kreis e.V.“ (FBK) umbenannt wurde.

Knapp 65 Jahre nach dieser Geburtsstunde des bis heute als Inbegriff einer breiten Leseförderung in Deutschland geltenden Bödecker-Kreises kommen dessen 16 Landesverbände an diesem Wochenende in Saarbrücken zu ihrer alle zwei Jahre stattfindenden Arbeitstagung zusammen. Ihr spiritus rector, Friedrich Bödecker, erprobte in den 20ern bereits das, was den Bödecker-Kreis bis heute auszeichnet und dessen Kerngeschäft ist: nämlich Kinder- und Jugendbuchautoren in Kitas und Schulen zu holen, um dort einen unmittelbaren Zugang zur Literatur zu ermöglichen.

Autorenlesungen gelten seit Jahrzehnten als Allheilmittel in Sachen Leseförderung. Was im Primarbereich meist wunderbar klappt, gestaltet sich in Sekundarschulen bisweilen schwieriger. Genau deshalb laufen die meisten Lesungen des saarländischen Bödecker-Verbandes auch in Grundschulen. „Je höher die Klassenstufe ist, umso schwieriger ist die Einbindung der Schüler“, meint denn auch Ruth Rousellange vom Landesverband. Umso sinnvoller ist es, alternative Vermittlungswege zu suchen. In dieser Hinsicht leistet der saarländische Bödecker-Kreis viel: Seit Jahren pflegt man mit „Erlebnis Lyrik“ in Zusammenarbeit mit Schauspielern des Saarbrücker Kinder- und Jugendtheaters Überzwerg ein Format, das ohne didaktischen Zeigefinger auskommt und gerade deshalb ganz gut zu zünden scheint. Überzwergin Eva Coenen, die es seit Jahren mit betreibt, erzählt, dass „die meisten sehr dankbar sind, ein Gedicht mal nicht gleich analysieren zu müssen“. Sowohl die ausgewählten Exil-Gedichte, die Coenen und ihr Schauspielerkollege Nicolas Bertholet in den Oberstufenunterricht mitbringen, als auch die von einem zweiten Überzwerg-Duo betreute politische Lyrik in Mittelstufen, beziehen sich zwar auf den jeweiligen Lehrplan. Dennoch fallen die jährlich 20 bis 25 Auftritte der Schauspieler aus dem üblichen Unterrichtsmuster völlig heraus. Weil es kein Abfragen gibt, kommt es eher mal zu Nachfragen.

Weil sich heute viele Leseförderung auf die Fahne schreiben, hat der Bödecker-Kreis sie als kleines Einmaleins kultureller Bildung nicht mehr für sich alleine gepachtet. Eine Art Alleinstellungsmerkmal hat er noch bei seinen (vom Bund finanzierten) Schreibwerkstätten. Diese mal dreitägigen, mal halb- oder ganzjährigen Autorenpatenschaften (Letzteres umfasst 16 Begegnungen à fünf Stunden) legen nicht nur Produktionsmechanismen von Literatur offen, sondern führen Kinder und Jugendliche zugleich selbst ans Schreiben heran.

Wenn am Montag die Arbeitstagung vorüber ist, reisen wieder die nächsten Autoren ins Saarland, um dort mehrere Tage lang für den Bödecker-Kreis in Schulen zu lesen. Vom 20. bis 24. Mai liest der Berliner Fantasy-Autor Boris Koch und am 22. und 23. Mai ist der Liedermacher Fredrik Vahle – seit „Anne Kaffeekanne“ eine feste Größe im Kinderzimmer – zu Gast.

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