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Wie die Deutsche Radio Philharmonie durch die Corona-Krise kommt

Deutsche Radio Philharmonie : Flötentöne im Orchester nur mit viel Abstand

Viele Musiker können in der Pandemie gar nicht auftreten. Der Deutschen Radio Philharmonie bleibt immerhin noch ihr eigentlicher Auftrag als Programmmacher fürs Radio. Und da legen sich die Rundfunk-Philharmoniker mächtig ins Zeug.

Im Konzertsaal ist es wie auf’m Platz: Ohne Publikum macht’s nur halb so viel Spaß. Das haben Fußballer und Musiker gemeinsam. Nun trifft man in der Heimarena der Deutschen Radio Philharmonie (DRP), vulgo Saarbrücker Congresshalle, zwar nicht auf die Gelbe Wand, sondern auf das grauhaarige Parkett. Aber auch das kann toben. Eines nämlich können Fußball- wie Klassikfans: klatschen, jubeln, anfeuern (gut, Letzteres im Saal vielleicht etwas distinguierter als im Stadion), wenn ihr Team loslegt.

Diesen Rückenwind jedoch spüren die DRP-Musiker seit fast einem Dreiviertel-Jahr bloß noch als gelegentliche Böe. Gewiss, ein paar Konzerte gab’s zu Beginn der laufenden Saison. Mit der Hygieneauflagen wegen allerdings zwangsweise schütter besetzen Reihen. Obwohl das Publikum unbedingt zu seiner DRP wollte. „Wir haben Programme zum Teil vier Mal gespielt“, berichtet Orchestermanagerin Maria Grätzel. Nach der bereits coronös verkorksten letzten Spielzeit war der Andrang immens. Gespannt waren viele wohl auch auf neue Formate wie das Nach-Feierabend-Freitagskonzert „Hin und Hör“ für Kurzentschlossene. „Sofort waren für die erste Ausgabe alle Karten weg“, freut sich Grätzel nachträglich noch. Dann aber schlug die zweite Corona-Welle zu. Unbarmherzig. Und viele der neuen Ideen, mit denen die seit 2019 amtierende Musikmangerin mit dem SR-und-SWR-Rundfunkorchester punkten wollte, liegen vorerst auf Eis.

Auch im Konzertsaal laufen aktuell nur Geisterspiele. Ohne Zuhörer. „Uns fehlt das Publikum. Es spielt sich ja ganz anders, wenn man einen Adressaten für seine Musik hat, die Energie des Publikums spürt“, diagnostiert Grätzel das derzeitige Befinden des DRP-Klangkörpers. Amputiertes Musizieren eben. Und auch die Gäste spüren den Phantomschmerz, wie Grätzel aus Mails und Zuschriften weiß. Dass weit über ein Viertel derer, die sich Karten hätten erstatten lassen können, das nicht getan haben, bezeugt noch mehr die Verbundenheit mit der DRP.

Trotzdem sei man im Vergleich zu anderen fraglos „privilegiert“, betont Grätzel. Weder lasten auf den Musikern in Rundfunkdiensten die finanziellen Sorgen freier Künstler. Und: Die SR- und SWR-Philharmoniker dürfen als Orchester spielen. Denn die DRP widmet sich nun ganz dem Zweck, zu dem sie, beziehungsweise ihre Vorgänger, mal gegründet wurden – als hochkarätiger Programmlieferant fürs Radio und natürlich auch für die Mediatheken der ARD-Sender. Und zwei neue CDs hat man auch noch eingespielt. Maria Grätzel ist zurecht stolz darauf, dass alle Sendeplätze des Orchesters erhalten blieben; die Konzerte also zumindest via Radio und online stattfinden.

Allerdings setzt sich auch auf dem Konzertpodium kaum noch was wie gewohnt. Deutsche oder amerikanische Sitzordnung, ist länger schon nicht mehr die Frage. „Die Abstandsregeln bestimmen heute alles“, sagt die Orchestermanagerin. 1,5 Meter Platz muss zwischen Streichern sein, zwei Metern zwischen Blechbläsern, bei Flöten kommen noch Plexiglasscheiben hinzu. Flötisten nämlich sind bei Virologen als Aerosolschleudern verschrieen; eine neue Studie aus Bayern, so Grätzel, rate sogar, bei Flöten auf drei Meter Abstand zu gehen. Damit bringt man selbst in der Congresshalle bestenfalls 45 Musikerinnen und Musiker unter. Was eben auch das Repertoire diktiert, die großen sinfonischen Brocken sind mit solchen Besetzungen unmöglich, stattdessen sind Bearbeitungen für kleinere Besetzungen just sehr gefragt. „Aber wir wollen ja auch nicht nur noch Bearbeitungen spielen“, meint Grätzel.

Von wohligem Gesamtklang konnte bei einem derart filettierten Orchester auch erstmal nicht die Rede sein. Chefdirigent Pietari Inkinen musste im Saal mit den Musikerinnen und Musikern einiges ausprobieren. „Der Klang war regelrecht skelettiert“, erinnert sich Grätzel. Doch die Profis haben sich natürlich wieder zum Klangkörper gefunden.

Mit wem sie aber spielen, welchem Gast, auch das kann, wenn Corona den Takt vorgibt, zum Roulette werden. „Ich studiere ständig die neuen Hygiene-Verordnungen der Bundesländer“, sagt Grätzel, „das ist ein völlig neuer Beruf geworden.“ Da die DRP von SR und SWR getragen wird, muss sie nur deshalb schon die Regeln im Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im Blick behalten. Dazu kommt, dasss Solisten und Dirigenten, mit denen die DRP konzertiert von Berufs wegen Vielflieger sind, international unterwegs. So konnte Star-Geiger Pinkas Zukerman Anfang Oktober schon nicht mehr aus den USA für das geplante DRP-Gastspiel in Mannheim anreisen. Was Grätzel sehr bedauert. „Ansonsten hatten wir aber noch Glück mit den Solisten.“ Dass es ihr gelang, Sängerin Elisabeth Kulmann „mit Sondergenehmigung“ aus „Wien herauszubekommen“, die in diesem Jahr Artist in Residence des Orchesters ist, freut Grätzel besonders.

Nicht zuletzt, weil damit auch die Silvester- und Neujahrskonzerte der DRP im Radio und als Stream gesichert sind (am 31. Dezember, 17 Uhr, auf SR2 Kulturradio und ab 3. Januar als Stream). Da singt die Mezzosopranistin – irgendwie passend – auch Lieder von Michel Jary wie etwa „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“. In den Kriegsjahren bekamen sie als Durchhaltelieder fragwürdige Popularität. Kulman aber nimmt ihnen den falschen Schmiss, wendet sie ins Gegenteil (bei Youtube kann man schon mal eine wunderbare Kostprobe hören: Vor ein paar Jahren sang die Österreicherin die Lieder bereits in der Semperoper).

Solisten aus Europa werden wohl auch für die nächste DRP-Saison erste Wahl bleiben, sicherheitshalber. Auch wenn Grätzel die nächste Spielzeit „mit voller Überzeugung“ normal plane, „nicht, weil ich vermessen bin oder gar Corona-Leugner, aber das Publikum hat einen Anspruch darauf, dass wir erstmal das bestmögliche Programm anstreben“. Plan B, C und D hat sie natürlich trotzdem in der Schublade. Darin ist die Orchestermanagerin mittlerweile geübt.

www.drp-orchester.de