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Wie die Cancel Culture die Meinungsfreiheit raubt

Debatte um Cancel Culture : Warum mir Dieter Nuhr so wichtig ist

Dieter Nuhr finde ich nicht mehr komisch. Warum ich das schreibe? Weil so ein erster Satz eines Kommentars Leserinnen und Leser auch herausfordern soll. Idealerweise. So habe ich das zumindest mal gelernt.

Aber es ist eben auch meine Meinung. Zugegeben auch ein bisschen polemisch, wie alte weiße Männer das eben so schreiben. Nuhrs Jahresrückblick aber kürzlich in der ARD war definitiv eine der müdesten Satirevorstellungen seit langem. Oft bemüht, selten pointiert. Wie gesagt, meine Meinung. Trotzdem würde ich jederzeit dafür plädieren, dass Dieter Nuhr auftreten darf, ja auftreten soll. Gerade, weil er vieles sagt, was ich nicht teile. Genau darum geht’s nämlich – um den Widerstreit von Meinungen. In der Kultur wie in der Politik, argumentativ, engagiert, pointiert, egal auf welcher Bühne. Aber auch darum, eben das auszuhalten.

Tatsächlich aber sehen viele das mittlerweile anders. Wer nicht der eigenen Meinung ist, wird im Internet mit Schimpf und Schande überzogen. Persönliche Empörung weicht Argumenten, die Sprache, das Denken wird regelrecht durchforstet nach Anlässen, sich aufzuregen. Und wen man nicht auf seiner Seite wähnt, möchte man am liebsten verbieten. Cancel Culture nennt sich das dann. Schon als Begriff ein Unding, weil es genau mit Kultur nichts zu tun hat, anderen das Wort zu nehmen.

Zugleich hat sich – leider auch in vielen Medien – eine Hasenfüßigkeit sondergleichen breit gemacht. Aus Angst vor Shitstorms fürchten offenbar viele anzuecken, wenn sie den „falschen“ Künstler auftreten lassen. Oder nicht jedes Wort mit der Goldwaage abwiegen.  Wie Nachrichtensprecher, die „Zuschauer*innen“ neuerdings mit Kunstpause sprechen. Nichts als Sprachverhunzung letztlich. Denn, wem Gendergerechtigkeit wirklich wichtig ist, sollte auch die Zeit für „Zuschauerinnen und Zuschauer“ haben. Und nicht reden wie mit Schluckauf.

Tatsächlich ist die Meinungsfreiheit in Deutschland und erschütternd wenig weiteren Ländern ein so ungeheures Privileg, dass frau wie man vor Stolz darüber platzen müsste. Diese wunderbare Freiheit steht aber dann auf dem Spiel, wenn wir sie uns nehmen lassen und nicht mehr offen reden. Es ist an uns, sie durch strittige, hitzige Debatten immer wieder neu zu beleben. Und wer glaubt, sie sei bereits perdu, sollte vielleicht mal genauer hinschauen. Und damit sind wir wieder bei Dieter Nuhr. Ist es nicht großartig, dass der eine ARD-Sender, der RBB nämlich, Nuhr auftreten lässt und in einem anderen ARD-Sender ein Kabarettkollege, in diesem Fall Philip Simon beim WDR, in den „Mitternachtsspitzen“ über Dieter Nuhr herzieht. Das ist Meinungsfreiheit.