Weltkulturerbe Völklinger Hütte-Chef Grewenig rechnet mit Kritikern ab

Weltkulturerbe Völklinger Hütte : „Wer außer mir hätte es machen können?“

Der scheidende Chef des Weltkulturerbes über 20 Jahre in der Völklinger Hütte, seine Bilanz, seine Kritiker und seine Zukunftspläne.

Vor 20 Jahren holte man Meinrad Maria Grewenig, damals gefeierter Direktor des Historischen Museums der Pfalz in Speyer, nach Völklingen. Dort wurde er Gründungsdirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Über 4,4 Millionen Menschen besuchten in seiner Zeit die Hütte. Große Bereiche der alten Industrieanlage wurden saniert und erschlossen. Der 65-Jährige hatte angeboten, seinen Vertrag zu verlängern. Der Aufsichtsrat mit aktuell Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) an der Spitze lehnte das jedoch ab. Grewenigs Kostenkalkulation, aber auch seine Programmpolitik, heißt es, waren Gründe dafür, warum man einen Neuanfang will.

Herr Grewenig, was werden Sie am 1. Juli am meisten vermissen: den Dienstwagen, den Blick aus diesem wunderbaren Direktorenzimmer...

Ein früher Grewenig: ungewohnt bloß in der zweiten Reihe mit Ministerpräsident Peter Müller 1999 beim Start eines Feuerwerks an der Hütte. Foto: uli barbian

GREWENIG Man sollte sich vielleicht mal diese übertriebene Vorstellung von einem Direktorenzimmer abgewöhnen. Wir sind ja bloß Mieter in diesem Gewerbetechnologiezentrum. Als ich herkam, saß das Team noch in der unteren Etage, und ich hatte mein Büro immer in der Tasche, weil ich zu der Zeit noch zwei Jobs hatte, in Speyer und bereits hier in Völklingen. Zum Teil waren hier die Räumlichkeiten noch vermietet. Immer, wenn was frei wurde, haben wir dies angemietet. Und dieser Bereich, in dem heute mein Dienstzimmer ist, war früher ein Lager. Ich bin dahin, weil ich von hier aus viel überblicken kann.

Aber was wird Ihnen fehlen?

Noch-Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig an einem seiner Lieblingsplätze auf dem riesigen Areal der alten Völklinger Hütte – vor den Kokereiöfen. Die mit Stahlplatten belegte Fläche habe im Sommer etwas von einer italienischen Piazza, schwärmt Grewenig. Foto: Ruppenthal

GREWENIG Den Ausblick habe ich fast 20 Jahre genossen, aber ich sehe die Völklinger Hütte auch von meinem Haus aus. Was ich sicher vermissen werde, ist mein Team. Ich habe schon mit einigen Teams gearbeitet, aber dieses hier ist das beste. Sie sind alle maximal begeistert für diese Hütte. Was mir auch fehlen wird, ist das Gefühl, mit der Hütte ständig umzugehen. Es war zum einen über Jahre ein Krisen- und Gefahrenpotential, zum anderen aber eine große Freude. Immer, wenn ich in diese Hütte gehe, entdecke ich wieder Neues. Ich kenne die Völklinger Hütte sicher gut, aber es gibt dennoch Bereiche, etwa in den Hochöfen, die habe ich zwar gesehen, aber da bin ich nicht in jeden Winkel gekrochen. Das wird mir wohl fehlen, aber ich kaufe mir dann vielleicht eine Dauerkarte.

Eventuell verehrt Ihnen ja der Kulturminister und Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Commerçon eine Dauerkarte zum Abschied...

GREWENIG Sie meinen, mein bester Freund...

Waren Sie nicht überrascht, dass er Sie als „besten Freund“ tituliert hat, obwohl Ihr Angebot, den Vertrag zu verlängern, abgelehnt wurde?

GREWENIG Ich weiß nicht, wie genau er Freundschaft klassifiziert, ich sehe darin eher ein professionelles Arbeitsverhältnis. Ich hätte allerdings erwartet, dass Vertragspartner mich vorher anrufen, um mir persönlich zu sagen, dass man nicht verlängern will, bevor sie an die Medien gehen. Ich habe seinerzeit in meinem Vertrag dem Enddatum zugestimmt. Mein Angebot zu verlängern, hatte persönliche Gründe, weil ich mich gesundheitlich immer noch sehr leistungsfähig fühle, aber auch ökonomische Gründe. Ich hätte fünf Jahre für meine Gesellschaft quasi umsonst gearbeitet. Statt, dass man mir ein Ruhestandsgehalt zahlt, hätte ich für die Völklinger Hütte etwas getan. Zumal man mich in der Öffentlichkeit geprügelt hat – wegen meines angeblich hohen Gehaltes...

Manche sprachen von Luxusbezügen, angeblich 14 500 Euro pro Monat...

GREWENIG Das ist vielleicht die saarländische Perspektive. Wenn man das im europäischen Maßstab sieht, liege ich an der Unterkante.

Gehen Sie mit dem Gefühl, ich habe viel erreicht?

GREWENIG Alles, was wir, mein Team und ich, gemacht haben, haben wir quasi zum ersten Mal gemacht. Das hat vielleicht manche verschreckt. Aber wir leben in einer Zeit, in der die Gattungsgrenzen von Theatern, von Museen, von Denkmälern im Wanken sind. Wir haben diese Grenzen bewusst überschritten. Durch unsere Arbeit mit einem sehr niederschwelligen Kulturzugang haben wir Kulturgattungen neu verknüpft. Mit den großen Kulturausstellungen wurden wir ein Museum und haben das Portal zu den großen Weltkulturen weit geöffnet. Mit den fünf Urban-Art-Biennalen haben wir konzentriert die Kunst des 21. Jahrhunderts in der Welt ins Saarland geholt. Mit dem „Rigoletto“ sind wir auch zum Theater geworden. Und Dagmar Schlingmann hat ihre Berufung nach Braunschweig sicher auch wegen des „Rigoletto“ in der Völklinger Hütte erhalten. Wir hätten statt der maximal 17 Aufführungen, die vom Staatstheater gegeben wurden, doppelt so viele verkaufen können.

Aber warum haben Sie dann nicht mehr davon gemacht?

GREWENIG Gegen das Es-war-immer-schon-so-Prinzip in der Kultur ist leider schwer anzukommen. Der Aufwand ist groß für solche Projekte, aber auch die Angst, dass man damit scheitern kann. Diese Haltung ist bei Partnern schwer zu knacken, aber sicher auch eine Aufgabe für die Zukunft. Frank Nimsgern hat etwa ein Projekt entwickelt, das ich sensationell finde. Man muss sehen, was daraus wird. Uns ist es jedenfalls hier gelungen, bestimmte Projekte über die Bemerkbarkeitsgrenze zu bringen mit regelmäßigen Berichten in den nationalen Nachrichtensendungen in Deutschland, Tagesschau und heute, und in Frankreich, Spanien und Großbritannien. Das kostet Geld, aber nur wenn man diese Grenze überschreitet, kann man eine fast vollständige Refinanzierung solch’ aufwändiger Projekte erreichen. Unterhalb dieser Grenze versenkt man Geld. Wir haben von unserem Gesellschafter in der Regel für die eigentlichen Projekte keine Mittel erhalten, die haben wir uns alles selbst erarbeitet, erkämpft.

Hatte das Einfluss auf die Inhalte?

GREWENIG Keinen, ich mache keine Kulturprojekte, von denen ich nicht überzeugt bin.

Manche halten Ihnen vor, Sie seien ein König Midas, der alles, was er anfasst, in Gold verwandeln will: Inka-Gold, Pharaonen-Gold...

GREWENIG Ich weiß, wie es geht. Die, die mich kritisieren, wissen weder, wie es geht, noch haben sie je ein entsprechendes Projekt gemacht. Die waren nie im Feuer, kein einziger von denen. Die politisch motivierten Vorstellungen, die von unserem Aufsichtsrat kommen, sind maximal minimal. Da wurde mir etwa vorgeworfen, ich gebe mehr für Kommunikation aus als die Staatskanzlei. Dann habe ich geantwortet: „Sie machen auch kein Weltkulturerbe.“ Wir haben das gemacht, wovon wir überzeugt waren.

Haben Sie über den fraglos publikumswirksamen Ausstellungen nicht doch das Kernthema der Hütte, die Industriekultur, vernachlässigt?

GREWENIG Nein! Was ist denn Industriekultur? Bevor wir anfingen, gab es den Begriff und ein paar Initiativen – sonst nichts. Das, was wir vielleicht als erweiterten Begriff der Industriekultur entwickelt haben, dass es Denkmäler sind, in denen Museales, Ausstellungen und Aufführungen von Oper bis zu Festivals möglich sind, gab es vorher nicht. Ja, es gab früher Denkmalpflege, aber keine Industriekultur. Wir haben einen klar transkulturellen Ansatz, der die technische Innovation mit der künstlerischen Kreativität zusammenbringt. 2008 bin ich zum ERIH-Präsidenten (Europäische Route der Industriekultur) gewählt worden. Ich habe mich dafür nicht beworben. Aber gerade die englischen Kollegen haben gesagt: „Du machst das beste Programm in Europa.“ Und alle europäischen Kollegen haben mich voriges Jahr einstimmig wieder gewählt, obwohl nicht klar, ob mein Vertrag verlängert wird. Wir haben über 4,4 Millionen Besucher in den 20 Jahren ins Land geholt, 73 Prozent unserer Besucher kommen von außerhalb, 20 Prozent aus nicht deutschsprachigen Ländern. Die kulturwirtschaftlichen Erträge und die daran hängenden Steuereinnahmen waren deutlich höher als das, was das Saarland für die Sanierung und den Betrieb der Völklinger Hütte aufgewendet hat.

Dass Sie die Hütte zum Besuchermagneten gemacht haben, hat nie jemand abgestritten. Aber wenn man an die Ferrari-Schau denkt oder die Queen-Ausstellung mit Teetassen zu diversen Krönungsjubiläen, wo bitte war da der Bezug zur Hütte?

GREWENIG Unser Auftrag durch unseren Gesellschaftervertrag ist, das Denkmal zu sanieren, einen Kulturort des 21. Jahrhunderts zu kreieren und für Besucher zu erschließen. Und das haben wir gemacht. Wir haben auch alle die widerlegt, die behauptet haben, das sei nicht zu beherrschen, man müsse Teile kontrolliert verfallen lassen. Es gibt keinen vergleichbaren Ort, der so weit erschlossen ist wie die Völklinger Hütte, trotz der Tasche, dass das Saarland angeblich sehr arm ist, und trotz der Tatsache, dass hier im Land sonst in allen Bereichen der Industriekultur mit Ausnahme der Völklinger Hütte nur Ladehemmung herrscht. Der Entscheidungswille für Industriekultur in diesem Land geht eher gegen Null.

Möglicherweise haben Sie auch mit dem Schlachtschiff Welterbe alles dominiert. Auch Ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft wurde oft beklagt.

GREWENIG Das war auch ein Thema in meiner letzten Aufsichtsratssitzung. Aber ich frage Sie, wie muss ein Mensch aussehen, der so ein Ungeheuer wie die Völklinger Hütte bändigt? Ich kenne niemand sonst außer mir, der das hätte machen können. Punkt. Wieso ist aus dem Schatten der Kritiker keiner herausgetreten? Wenn ich was vom Kuchen will, dann versuche ich das zu erreichen.

Sie haben oft deutlich gemacht, dass es lediglich Geld für die Sanierung und den Erhalt des Industriedenkmals gab, über 20 Jahre rund 160 Millionen Euro (50 Prozent vom Bund, je 25 Pronent von der EU und vom Land), aber kaum Mittel für die Veranstaltungen. Lag es nur am Geld oder fehlte auch das Verständnis in der Politik für die Dimension Weltkulturerbe?

GREWENIG Wir sind wohlgelitten, weil wir große Erfolge haben, aber das war’s.

Sind Sie in die Suche nach einem Nachfolge eingebunden worden?

GREWENIG Nein, es gibt bisher keine Ausschreibung, ich weiß nicht mal, ob es eine konsequente Nachfolgesuche gibt. Wir haben 2018 eine Ringvorlesung gemacht, bei der die Spitzen der Industriekultur in Europa im Saarland waren. Wenn eine Berufungskommission sich die Arbeit hätte leicht machen wollen, hätte sie nur darauf schauen müssen.

Was passiert, falls es keine direkte Nachfolgerin oder Nachfolger gibt?

GREWENIG Wir haben hier erst mal ein exzellentes Team. Aber an der Spitze, dort wo die Endverantwortung liegt, muss man Denkmal können, muss man Ausstellung und Aufführung können, Kommunikation, man muss auch Bilanzen lesen können und Mitarbeiter motivieren. Mir fällt niemand ein, der all das kann. Das war auch die Motivation zu meinem Angebot, weiterzumachen und jemanden hier dazu zu qualifizieren.

Aber welche Folgen könnte eine Interimszeit haben?

GREWENIG Wenn man nicht dranbleibt, ist der Erfolg nach einem Jahr verraucht. Die Besuchergruppen fahren, und wenn man nichts hat, dann kommen sie nicht mehr. Nur alle zwei Jahre etwas anzubieten, ist eine Denkfalle. Wir sind nicht in der Situation, dass wir Menschen nur mit Industriekultur mobilisieren können.

Wie weit ist das Programm disponiert?

GREWENIG Noch für dieses Jahr, eventuell gibt es noch Verlängerungsoptionen.

Was machen Sie nach dem 30. Juni; Sie hatten angedeutet, es warten andere Aufgaben?

GREWENIG Erstmal bin ich froh, wieder mehr selbst bestimmte Zeit zu haben, mit meiner Frau wieder mehr unternehmen zu können. Und ich bleibe ja auch ERIH-Präsident, dem größten Kulturnetzwerk der Welt.

Das Gespräch führte
Oliver Schwambach

Mehr von Saarbrücker Zeitung