„Weh dem, der aus der Reihe tanzt. Sulzbach“ in Saarbrücken.

„Weh dem, der aus der Reihe tanzt. Sulzbach“ in der Sparte 4. : „Nix wie hemm!“ und „Heim ins Reich“

Das Stück „Weh dem, der aus der Reihe tanzt. Sulzbach“ nach dem Roman von Ludwig Harig hat am Freitag Premiere gefeiert – in Saarbrückens Sparte 4.

Was für ein packender, kraftvoller Theaterabend – mit einem merkwürdig kraftlos verpuffenden Ende. Bis kurz vor Schluss nehmen uns ein famoser Text von Ludwig Harig, zwei spielfreudige, nuancierte Darsteller und dramaturgisch klug gesetzte, an die Wand der Sparte 4 projizierte Zeitzeugen-Einspieler mit auf eine Reise durch politische und persönliche Historie: von der Zeit der Saarabstimmung 1935 durch den Zweiten Weltkrieg hindurch bis zur Nachkriegszeit.

Doch wenn die Inszenierung am Ende die Verbindung zieht zu unserer Gegenwart des Rechtpopulismus’, wird es etwas didaktisch: mit einem Appell des Adolf-Bender-Zentrums, sich selbst etwa im Streit um die geplante Moschee in Sulzbach nicht dem Populismus zu überlassen. Ehrenwert ist das, nachvollziehbar, aber eher politische Erwachsenenbildung als Theaterkraft.

Aber, wie gesagt, „Weh dem, der aus der Reihe tanzt. Sulzbach“  ist ein sehr lohnender Abend; es ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie des Staatstheaters über das Saarland. Ihren Anfang genommen hatte die im Januar in der Alten Feuerwache mit dem Stück „Mettlach“: Die  Autorinnen Magali Tosato (auch Regie) und Lydia Dimitrow legten eine Hinterwäldler- und Antihelden-Groteske im Dreiländer-Eck vor, die überwiegend witzig gelang, sich allerdings etwas verhob, wenn sie persönliche Schicksalsdramatik anpackte. Des Titels „Mettlach“ zum Trotz ging es weniger um  das Ortsspezifische denn um geradezu mustergültige Probleme wie Generationenkonflikte, Eltern-Kind-Kollisionen und die klassische Frage der Stadtfernen: Gehen oder Bleiben?

„Sulzbach“ ist da zugespitzter, zwingender und ungleich persönlicher – hatte der Sulzbacher Ludwig Harig (1927-2018) doch in seinem 1990 erschienenen Roman „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ von seiner Jugend im „Dritten Reich“ erzählt; nicht als junger Skeptiker im inneren oder offenen Widerstand, sondern als glühender Anhänger der NS-Ideologie, der Uniformen, des Fahnenkults; als Hitlerjunge, als ideologisch missbrauchter, verführter Sulzbacher Bub. Im Roman erzählte er davon auf zwei Ebenen  – aus der Sicht des ideologisch verführten Pimpfs von damals und aus der des Erwachsenen, der sich heute fragt, wie er das Alles damals glauben konnte. Wie er dem Regime ideologisch in die Falle gehen konnte. Und der über diesen Umweg auch die Frage an die später Geborenen weitergibt, wie die sich möglicherweise verhalten hätten.

Diesen Harig spielt/spricht mal Fabian Gröver, mal Silvio Kretschmer – oft ist das ein fliegender Wechsel, der immer nachvollziehnar ist und die beiden Darsteller sich die Bälle zuspielen lässt. Es beginnt mit Harigs Erinnerung an die Sulzbacher Schulzeit und an das kollektive Drangsalieren des neuen Schülers René, den schon sein französischer Name („kein deutscher Name voller Wohllaut“) zum naheliegenden Opfer der Gemeinschaft  macht. Später wird Harig das schlechte Gewissen plagen, doch er macht kräftig mit beim Hänseln und beim Zuschlagen. Später dämmert ihm, dass der scheinbar „überflüssige“ Réne sogar „unentbehrlich“ war – durch ihn haben die anderen Schüler die Drohung des Lehrers, „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“, sofort verstanden. Und wer schlägt, wird selten geschlagen. 

Letzteres wird auch im Abstimmungskampf an der Saar 1934, in dem Harigs Großvater (Gröver), der den Versailler Vertrag als persönliche Demütigung empfindet, sich als perfekten Kunden für Hitlers politische Taktik erweist. Das Motto von „Heim ins Reich“ klingt beim Großvater so saarländisch heimelig, dass man ihn fast verstehen kann: „Nix wie hemm!“

Als der Krieg kommt, steigert sich der Opa in eine militärische Ekstase hinein, umschwirrt und umkreist von einer Figur (Kretschmer) in einem surreal wirkenden Zirkuskostüm – wie eine Mischung aus Einflüsterer, Hitler, dem Teufel und einem Alleinunterhalter aus „Cabaret“. Das sind besonders starke Momente in der lebendigen Inszenierung von Bettina Brunier, die zudem atmosphärisch sehr dicht ist. Die scheinbar karge Bühne (Elisabeth Vogetseder) mit ihren schmucklosen weißen Stelen gewinnt durch das variable Licht (Michael Dankert) sehr unterschiedliche Stimmungen; Samir Taibi unterlegt einige Passage  mit wabernden, beunruhigendem Sounddesign. Das Ganze berührt,  packt und nimmt mit.

Ausschnitte aus der Rede Heinrich Himmlers 1943 über die geplante Vernichtung aller Juden in Europa sind gespenstisch, danach lässt uns die Inszenierung mit knappen Mitteln den kollektiven Zusammenbruch des Landes spüren, während im Hintergrund noch „Unsere Fahne flattert uns voran“ gesungen wird. Harig schont sich oder schönt seine Biografie da nicht: In einer packenden Szene, in der die beiden Darsteller rasend schnell unabhängig voneinander nahezu atemlos deklamieren, wird Willi Graf verhaftet und gefoltert, während Harig in einer NS-Lehranstalt mit gutem Frühstück stoisch auf Befehle wartet.

Begleitet wird diese Selbstbeschreibung Harigs von Zeitzeugen, die die Dramaturgin Simone Kranz befragt hat. Ein älterer Herr erzählt da von einer Saarbrücker Bombennacht, „alles brannte, und es gab kein Wasser“; eine Frau erzählt davon, dass sie als Kind lispelte, was die Mutter bis in den Hass auf die Tochter trieb, passte das für sie doch nicht ins NS-Bild der perfekten arischen Reproduktion. Diese kurzen, prägnanten  Erzählungen werden in der Inszenierung nicht übertrieben eingesetzt, so entfalten sie ihre größte Wirkung. Bei der Premiere am Freitag sind diese Zeitzeugen unter viel Applaus auch noch zur Bühne gekommen – ein berührender Moment. Man wünschte, Ludwig Harig hätte dabei sein können.

Weitere Termine in der Sparte 4:
20. September, 6., 11., 19. und 27. Oktober. Tel. (06 81) 309 24 86 und
www.staatstheater.saarland/sparte4

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