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Völklinger Hütte zeigt "Afrika. Im Blick der Fotografen"

Weltkulturerbe-Ausstellung zu Afrika : Schon jetzt in die Völklinger Hütte kommen

Bevor die Afrika-Ausstellung im Völklinger Weltkulturerbe eröffnet, kann man sie digital durchwandern.

Einfach nur die Tore zu und Tee trinken, bis die Politik über die Wiedereröffnung entscheidet? So läuft es nicht in deutschen Museen, viele verwandeln sich derzeit in Internet-Galerien. Schon in Vor-Corona-Tagen war das Völklinger Weltkulturerbe dort unter anderem mit einem virtuellen Rundgang durch das Denkmal bei „Google Arts & Culture“ vertreten. Doch dieser Tage ging der Geschäftsführer Michael Schley, der den Betrieb bis zur Übergabe an den neuen Generaldirektor managt, den nächsten Schritt. Erstmals wird eine Ausstellung sozusagen virtuell eröffnet: „Afrika – Im Blick der Fotografen“.

Anfang April hätte die Vernissage stattfinden sollen, einige Künstler wären angereist. Alles abgesagt, besser gesagt verschoben, womöglich nur noch bis in den Mai, sollten sich Hoffnungen bestätigen, dass auch im Saarland Museen ab 4. Mai wieder öffnen können (die SZ berichtete). Auf diesen kurzfristigen Wiedereröffnungs-Termin wäre das Weltkulturerbe dann bestens vorbereitet, denn die Afrika-Ausstellung in der Möllerhalle ist bereits eingerichtet: 43 Groß-Formate, wie man sie vom Urban-Art-Projekt kennt, ebenfalls kuratiert von Frank Krämer. Warum also die Besucher nicht jetzt schon reinholen?

Entwickelt wurde ein – ausgesprochen gelungener – 3-D-Rundgang (Realisation: Markus Lutz) im Stil von Google Street View. Im Internet surft man durch die Räume, ruft sich an Infopunkten die Begleittexte oder Videobotschaften der Künstler ab, letzteres ein Zusatz-Gewinn, denn diese Filme fehlen vor Ort in der Möllerhalle. Zudem gibt es einen Trailer (Philipp Majer), der die Ausstellung porträtiert, und „Ansprachen“ von Schley und Krämer, ganz nach dem Modell einer üblichen Eröffnungsfeier. „Es geht um einen ersten Eindruck“, sagt Geschäftsführer Schley, „Den Besuch in der Möllerhalle kann das digitale Angebot nicht ersetzen, er soll dazu ermuntern.“ Er möchte die digitalen Angebote ausbauen.

Aber warum zeigt man in Völklingen überhaupt Fotografien aus Afrika? Kurator Krämer sieht das Afrika-Projekt als Programm-Baustein in der popkulturellen Reihe des Weltkulturerbes und als Angebot für alle Urban-Art-Fans, die ja in diesem Jahr auf die Biennale verzichten müssen. „Wo, wenn nicht in einem Weltkulturerbe, hätte man einen besseren Ort, um ein anderes Bild des afrikanischen Kontinents zu vermitteln?“, fragt er. Tatsächlich dominiert immer noch der westliche Reporter-Blick auf den schwarzen, vermeintlich fremden Kontinent: Katastrophen- oder Foklore-fixiert. Die Völklinger Schau zeigt Afrika aus afrikanischer Perspektive: vital, kreativ, selbstbewusst. Allein dies ist ein Gewinn.

Krämer fand, wie er sagt, über die Streetart zur afrikanischen Fotografie. Seine Auswahl folgt vor allem der Idee des „Storytelling“, er suchte Fotografen, die mit ihren Bildern Alltagsgeschichten erzählen – über Bergbau- und Schürf-Arbeiter (Ilan Godfrey) oder Tambour-Mädchen („Drummies“) in Südafrika (Alice Mann), über eine in Staunen gebannte Männergesellschaft in algerischen Stadien (Fethi Sahraoui), über stolze urbane Straßen-Schönheiten aus dem Senegal. Laut Krämer nutzen die Künstler oft Handykameras. „Meisterfotografien“, die in Galerien verkauft werden, seien selten.

Für die Völklinger Ausstellung hat Krämer neun möglichst unterschiedliche Positionen zusammengestellt, unter anderem Straßenfotografie, soziodokumentarische Motive und aufwändig inszenierte Studio-Porträts. Dies in der Hoffnung, für „Überraschungen“ zu sorgen. Und ja, die werden geliefert. Etwa durch den Kenianer Osborne Macharia, der schrill maskierte neue Helden in bonbonfarbenen Welten erschafft – witzig, selbstbewusst und gefährlich kommen sie daher. Auch Fabrice Monteiros‘ Pathos verblüfft. Der Fotograf aus dem Senegal erbaut mythisch-verrätselte Fabelwesen aus Müll, aus dem sie sich erheben wie Ungeziefer oder wie antike Skulpturen. Hängen bleibt auch der originelle Blick von Yorias auf „Casablanca. Not the Movie“: keine Kino-Ikone, sondern eine mitunter surreal aufgeladene Kulisse mit Schimmel unterm Zirkus-Sonnenschirm. Mehr sei nicht verraten. Den Rest erzählt sowieso das Netz.

Doch ob die Konzeption stimmig ist, ob für manches Werk nicht doch ein anderes Format, eine Rahmung oder die Präsentation an einer Museumswand besser gewesen wäre, sprich , ob die großartige Möllerhalle auch der großartige Ausstellungsort just für dieses Thema und diese Künstler ist – um das zu ergründen, muss man vor Ort gehen. Hoffentlich schon bald.

Linda, Daniel, Dumisani und Calvin (von links), Goldgräber in Roodepoort, Johannesburg, Gauteng, 2013. Aus der Serie „Legacy of the Mine“ von Ilan Godfrey. Foto: Ilan Godfrey/Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Ilan Godfrey

Der virtuelle Rundgang findet sich unter www.voelklinger-huette-afrika.org