Viele Dirigenten wichtiger Orchester sind Finnen

Warum dirigieren so viel Finnen so gut? : Die Großen aus dem hohen Norden

Viele Dirigenten wichtiger Orchester sind Finnen. Woran liegt das? Ein Buch versucht, es zu erklären.

An diesem Ort kommen wir nicht vorbei. Er ist Sickergrube und Sprungbrett, er filtert, fördert und entlässt in die Welt. Tatsächlich ist Helsinki für den Musikbetrieb ein wichtiger Ort, viele Spitzendirigenten sind Finnen, etwa an Chefpositionen in London, Los Angeles, Tokio, Zürich, Köln, Paris, Birmingham oder Stockholm. Und es muss nicht immer Esa-Pekka Salonen sein, nennen wir nur Oramo, Storgards, Mälkki, Saraste, Franck, Segerstam und viele andere. Und 2020 wird ein Finne in Bayreuth den „Ring“ dirigieren: Pietari Inkinen. Der ist 39, Chefdirigent  der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) in Saarbrücken – und Weltklasse.

Diese Qualität hat gute Tradition, wie ein feines Buch des Journalisten Vesa Sirén darlegt. Das Beste an dem Buch ist, dass es nicht der Legendenbildung verfällt. Der Mythos besagt ja, dass Jorma Panula als Päda­goge an der Sibelius-Akademie der Übervater der finnischen Dirigenten war. Sirén schlüsselt auf, dass Panula einiges gar nicht konnte und dass „Schönheit“ für ihn kaum eine Kategorie war. Möglicherweise war es diese Blindstelle, in die seine Studenten vorsichtig wie in ein Vakuum vorstießen, das sie bei ihrem Lehrer spürten. Das könnte erklären, dass Leute wie Salonen oder Mälkki nur selten kitschig werden. Sie entwickeln Emotion kühl aus dem Moment.

Das Buch ist weit mehr als Heldengeschichtsschreibung, die bei Robert Kajanus beginnt, dem Gründer des Helsinki Philharmonic Orchestra. Der besorgte dem finnischen Musikleben ähnlich wie Sibelius eine nachhaltige Gravur. Typisch, dass in der familiären Nachfolge irgendwann die Gegenbewegung einsetzte: Kajanus‘ Urenkel Georg Kajanus schrieb für die Band Sailor („Girls, Girls, Girls“), Sibelius‘ Urenkel Lauri Porra musiziert in der Power-Metal-Band Stratovarius.

Ein weiterer Vorteil der finnischen Dirigenten: Alle spielen ein Orchesterinstrument, Oramo, Saraste und Storgards waren sogar Konzertmeister großer Orchester, bevor sie zum Taktstock wechselten. Orchester wissen es zu schätzen, wenn am Pult jemand steht, der ihr Innenleben kennt und seine Sprache spricht. Auch Susanna Mälkki geht ihren Weg unaufhaltsam. Sie war Solo-Cellistin in Göteborg, studierte dann bei Panula und Leif Segerstam, mittlerweile steht sie weltweit am Pult. Und zwar nicht, weil sie eine Frau, sondern weil sie sehr, sehr gut ist. Dass sie einen finnischen Pass besitzt, ist fast nicht mehr der Rede wert.

Die Finnin Susanna Mälkki dirigiert international. Foto: picture alliance / dpa/dpa Picture-Alliance / Vesa Moilanen

Vesa Sirén: Finnlands Dirigenten. 
Scoventa Verlag, 992 Seiten, 49,90 Euro.

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