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"Venustransit" von Francis Berrar in der Johanneskirche in Saarbrücken

Zeitgenössische Kunst in der Johanneskirche : Als würde man den Mond anschauen

Kirchen können wunderbare Orte für aktuelle Kunst sein. Im Saarland wird nur die Saarbrücker Johanneskirche regelmäßig zur Galerie. Derzeit sieht man „Venustransit“ von Francis Berrar. Funktioniert das gut?

Man unterschätzt die Macht der schieren Größe. Die drei Fenster in der Apsis der Johanneskirche ragen haushoch hinauf. Darunter nehmen sich die drei Kunstwerke zunächst mal sehr schüchtern aus, obwohl sie Großformate sind (2,90 Meter breit, 1,60 Meter hoch). Sie „schrumpfen“ förmlich, erzwingen Nähe für eine Betrachtung. In einem Museum würde man eine solche Trias als  Raum beherrschend erleben.

Speziell für die Johanneskirche geschaffen

In der Saarbrücker Johanneskirche braucht man jedoch eine Weile, um die sehr spezielle Kraft von  Berrars „Venustransit“ zu spüren. Die liegt nicht darin, gegen die immense Farbwucht  anzukämpfen, mit der die Kirchenfenster Lichtstimmung und Atmosphäre beherrschen. Berrars  Gemälde besitzen eine weit subtilere, dezente Farbpracht, trotz „schreiender Töne“. Berrar hat mit Acrylfarbe gearbeitet, wie immer in einem All-over-Painting-Prozess auf dem am Boden liegenden Bildgrund, im Stil des amerikanischen Expressionismus, mit Schüttungen und groben Besen-Strichen.

Bilder wie Aquarelle

  Trotzdem blieb diesmal viel weiße Leinwand stehen, deshalb überführen Pink und Orange und Türkis den massiven Rot- und Grün-Farbklang des Fensterglases ins Aquarellhafte, Luftige. Und die von typischen Berrar-Linien-Gittern gehaltenen wilden Formen setzen einen freieren, tänzerischen Akzent zur klassischen Abstraktion in der Kirchenfenster-Komposition. Wer will, darf in den runden Bällen im mittleren Bild Monde oder Himmelskörper erkennen. Links davon geht es „organisch“-irdisch zu, rechts aggressiv mit spitzen Formen. Der Titel „Venustransit“ beschreibt ein seltenes Phänomen: Die Venus schiebt sich zwischen Erde und Sonne. 

Wie die Betrachtung des Mondes

„Ich wollte auf keinen Fall ein Himmelsphänomen abbilden“, sagt Berrar. Freilich beschäftigt er sich immer wieder mit kosmischen Prozessen, hat etwa einer Bildserie den Titel „mooning“ gegeben - „monden“: „Das beschreibt das Gefühl, das sich bei der Betrachtung des Mondes einstellt“, sagt der Künstler. Und verweist auf eine Ikone der Romantik von Caspar David Friedrich  „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“, deren Transzendenzerfahrung der Maler festhält, in der Hoffnung, eine ähnliche Wirkung durch seine Kunst hervorzurufen. Geht es heutigen Künstlern,   wenn sie in einer Kirche ausstellen, um ähnliche Effekte?  Berrar lässt sich dazu nicht näher aus. Doch er kennt selbstverständlich die besonderen Rezeptionsverhältnisse, die sakrale Räume erzeugen: „Diese Räume haben eine eigene Energie“, sagt er. Sie seien mit Stille, Kontemplation und – für Gläubige – mit Gottesnähe gefüllt. Er selbst bezeichnet sich als religiös, ohne die Begriffe Kirche oder Glauben zu erwähnen.

Vorbild „Kunst-Station“ in Köln

Berrar erwähnt die „Kunst Station“ der Kirche der Jesuiten Sankt Peter in Köln, das bekannteste Beispiel dafür, wie fruchtbar es ist, wenn zeitgenössische Künstler mit Positionen auf einen sakralen Raum reagieren. Berühmte Namen stehen dafür: Anish Kapoor, Eduardo Chillida, Jannis Kounellis.

Im Saarland hat sich die Johanneskirche mit ihrer Ausstellungsreihe auf dieses viel zu selten  betretene Feld vorgewagt: Leslie Huppert, Martin Steinert oder Fred George/Andew Wakeford haben beispielsweise  mit riesigen Raum-Installationen auf den Raum geantwortet. Dagegen nehmen sich Berrars Gemälde unspektakulär aus, „klingen“ umso zarter und feiner.

 „Venustransit“ entstand während des Lockdowns

„Venustransit“ ist  die erste Arbeit, die der auch bundesweit bekannte Künstler für einen Kirchen-Raum schuf. Sie entstand während des Lockdowns. „Das war eine ganz besondere Situation“, sagt Berrar. „Man ist im Atelier immer allein und einsam, aber diesmal war auch die Welt um einen herum still und einsam.“  Er erlebte die Phase als eine der „Selbstbestimmung“ – und stellte fest: „Es ging überraschend flüssig voran, diese Lockerheit spürt man, wie ich meine, auch in den Bildern.“ Ob „Venustransit“ ein „Schlüsselwerk“ für sein Schaffen wird? Zumindest kennt man weit strengere, düsterere Kompositionen von ihm. 

Nach dem Ende der Ausstellung kehrt das Triptychon in Berrars Atelier in Überherrn zurück. Er macht sich keine Illusionen über einen Ankauf, denn die Evangelische Kirchengemeinde möchte mit Spenden erst mal die Arbeit einer anderen, mit der Gemeinde verbundenen, vor einem Jahr verstorbenen Künstlerin ankaufen,  Andrea Neumanns „Der seltsame Gleichmut der Gravitation“. Berrar findet das eine fabelhafte Idee: Die Kirche ist nicht mehr nur Gastgeberin, sie wird zur Mäzenin.

Venustransit. Ein Triptychon für die Johanneskirche, bis 29. August; Johanneskirche, Cecilienstraße 2. Dienstag bis Sonntag, 15 Uhr bis 18 Uhr . Außerdem sind im „Raum der Stille“ (Empore) Tusche-/Kohlezeichnungen aus dem Zyklus „Aloneland“ von Berrar zu sehen.