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Uraufführung von Jakob Noltes Schauspiel

„Gespräch mit einer Stripperin“ in der Sparte 4 : „Die Welt ist schön und grausam und banal“

Die Uraufführung von „Gespräch mit einer Stripperin“ in der Sparte 4 bot einen Theaterabend mit absurdem Witz, guten Darstellern – und auch Gemüse.

Es ist ein Abend der Verrätselungen, der gezielten Verunsicherungen, der verbalen Täuschungen und Maskierungen – aber eines steht fest: Für Fabian Gröver ist es eine gesunde Premiere. Er muss auf der Bühne mit großer Hungergeste den Großteil eines Riesenrettichs zerkauen, und dieses Gemüse aus der Familie der Kreuzblütengewächse strotzt vor Vitaminen.

Wie hoch ist der weitere Nährwert der Uraufführung von „Gespräch mit einer Stripperin“? Miriam Lustig hat Jakob Noltes Schauspiel in die Sparte 4 gebracht, das von einem merk- und denkwürdigen Treffen erzählt, das man auch Kollision nennen könnte. Helene Tulpig (Christiane Motter) geht in den Zoo, auf die briefliche Bitte eines Tierpflegers hin, dessen Name schon stutzig werden lässt, klingt er doch weniger nach realem Leben denn nach hingescherztem Osteuropa-Klischee: Ivan Trinko, der Jüngere (gespielt von Fabian Gröver, mit einer Perücke, die an Dieter Bohlen in den späten 1980ern denken lässt). Tulpig, von Beruf Stripperin, ist neugierig; doch ganz reibungslos ist dieses Treffen an den Vogelkäfigen nicht. Er versteht einen Witz von ihr nicht, da sein Humor begrenzt ist, sie kontert seine mäßig glaubhafte Familiengeschichte (jeder heißt da Ivan Trinko) mit der verbalen Aufbrezelung ihres Namens zu Helena Rose. Es folgt ein großes verbales Umkreisen, Tricksen, Andeuten, Phantasieren, Lügen.

Diesen Figuren ist nur bedingt zu trauen – nicht erst, als Trinko seine Bekannte in einen Käfig sperrt, um sie ungestört in ein großes Gespräch zu verwickeln; in dem reiben sich das Kleinklein der Banalität an den ganz großen Themen – vom Leben ohne Parfüm (falls möglich) geht es zu der Frage, ob man das Leben, das Universum an sich überhaupt begreifen kann. Helene/a glaubt immerhin an „so etwas wie ein flüchtiges Begreifen der Welt. An ein Aufflackern, einen Moment der Klarheit“. Ivan ist begrenzt überzeugt. „Okay. Ja. Nee.“ Immer wieder reden die beiden aneinander vorbei, kommen sich näher, um sich wieder voneinander zu entfernen. Sie tischen sich, von Vogelgeräuschen umzwitschert, absurde Geschichten auf wie diese: Da hat Ivan Trinko seinen Brüdern einen garstigen Scherz gespielt, nämlich „in eine Flasche mit slowenischem Schwarzburgunder aus dem Jahr 2005 italienischen Schwarzburgunder aus der Spätlese 2004 getan“. (Ein Gag, den man sich für den nächsten Sommelier-Kongress merken sollte). Die Stripperin erzählt dagegen von ihrer Tochter, die sich mit fünf Jahren erhängt hat, weil sie das Leben als „zu langsam“ empfand, die Liebe zu ihren Eltern als unspektakulär.

Da mündet absurder Witz in Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit, auch um Krebs geht es, um Prostitution und Einsamkeit – passend zu Ivans Satz „Die Welt ist schön und grausam und banal“. Nur einmal funken die Erzählungen der beiden auf einer Wellenlänge, wenn sie gleichzeitig ihren größten Wunsch aussprechen: „Unsterblichkeit.“ Das Leben ist schon schwer genug – muss es auch noch endlich sein?

Es ist eine Freude, den Darstellern bei diesem verbalen Umkreisen zuzuschauen – Motter mal kokett, mal gereizt, mal verzweifelt (und auch mal schwäbelnd und singend). Gröver mal charmant, mal etwas einfältig, mal bedrohlich, auch wenn er es so böse gar nicht meint.

Inszeniert hat das Miriam Lustig mit leichter Hand und wenig Kulissen-Aufwand (Bühnenbild und Kostüme von Katja Kammann) – ein Kontrast zur Sparte-Premiere „Die Politiker“ vor zwei Wochen. Eine Jalousienwand und ein paar Metallständer reichen, um Zookäfige und eine Art von Peepshow-Kabinen zu evozieren; die heruntergenommene Perücke bei Christiane Motter und das Finale des Stückes in Nachthemden suggerieren, dass sich die Figuren sozusagen entblättert haben  – und zuvor ohnehin abseits der Textvorlage das Lotterbett geteilt haben, inklusive postkoitaler Zigarette. Oder sind es zwischendurch andere Figuren? Oder eigene Fantasien der Figuren? Oder die Vergangenheit? Einen roten Faden, an dem man sich als Zuschauer entlanghangeln könnte, hat das Stück nicht vorgesehen.

Näher gekommen sind sich die beiden Figuren zumindest kurzfristig – aber was heißt das schon auf lange Sicht? In einem kleinen Schlussmonolog, da ist Tulpig weg, dreht Trinko sich schon wieder um sich selbst und die Frage, ob er sich Reis kochen sollte oder doch lieber Nudeln. Das Leben besteht eben nicht immer nur aus den ganz großen Fragen. Zur Not hat er noch die Rettich-Reste.

Termine: 7., 10., 18., 24. und 25. Oktober. 5., 7. und 28. November. 4. und 19. Dezember. www.sparte4.de