Streit um Netflix und den Film „The Irishman“

Streit um Netflix und „The Irishman“ : Camera Zwo-Leiter: „Viele Kinobesitzer sind entsetzt“

Der hochgelobte Film „The Irishman“ läuft ab Mittwoch bei Netflix. Der Streaming-Anbieter hat seinen Film auch den Kinos angeboten. Einige spielen ihn, viele aber verweigern sich dem Film – auch Michael Krane und seine Camera Zwo in Saarbrücken. Warum?

Robert De Niro ist unübersehbar. Im Foyer der Camera Zwo hängt er, als großes Motiv aus „Taxi Driver“, einem der legendären gemeinsamen Filme des Schauspielers mit Regisseur Martin Scorsese. Deren jüngstes Gipfeltreffen aber, „The Irishman“, wird in dem Saarbrücker Kino nicht zu sehen sein – auch zum Verdruss von Theaterleiter Michael Krane. Für ihn sind Scorsese und De Niro Kinohelden; ihren Film nicht zu zeigen „ist schwer zu ertragen“, sagt er. Aber ihm geht es ums Prinzip und: „um eine für Kinos existenzbedrohende Entwicklung“.

Um die zu erklären, muss man ein wenig ausholen. „The Irishman“ ist die erste Zusammenarbeit des Duos seit 24 Jahren, das unter anderem mit „Wie ein wilder Stier“ und „Goodfellas“ Filmgeschichte schrieb. Doch „The Irishman“ über die Mafia, einen Berufskiller (De Niro) und die Ermordung des US-Gewerkschafters Jimmy Hoffa (Al Pacino) 1975 wollte kein Filmstudio produzieren; der Streaming-Anbieter Netflix bot sich an und finanzierte den Film, dessen Budget bei enormen 160 Millionen Dollar liegt. Netflix zeigt den Dreieinhalbstunden-Film nun ab diesem Mittwoch und hat ihn zugleich auch  Kinos weltweit über lokale Vertriebe angeboten. Doch die meisten Kinos sind nicht interessiert: In den USA haben mehrere Kinoketten unter Protest abgelehnt,  in England ebenfalls, und in Deutschland verzichten die meisten Filmtheater. Nur knapp 50 Kinos bundesweit zeigen „The Irishman“ (das nächstgelegene ist das Broadway in Trier), im Saarland keines. Warum?

Knackpunkt Exklusivfrist

„Viele Kinobesitzer sind entsetzt“, erklärt Krane seine Ablehnung und die der Kollegen, denn Netflix „ignoriert etwas, was für die Kinos grundlegend ist: die Exklusivfrist, wie es  heute neudeutsch heißt. Früher nannte man das Auswertungsfenster.“ Der Zeitraum also, in dem Kinos exklusiv Filme spielen können, bis sie auf DVD, Blu-Ray, bei Streaming-Diensten oder letztlich im Fernsehen zu sehen sind. Über die Jahre sei dieses Zeitfenster für Kinos immer kleiner geworden. „Wenn heute ein Film an Weihnachten im Kino startet, erscheint er an Ostern auf DVD und läuft im Herbst bei einem Streamingdienst“, sagt Krane. Damit können Kinos leben und kalkulieren, aber „je kürzer diese Frist ist, desto kritischer ist es für die Kinos“.

Ohne Kino-Auswertung keine Oscar-Qualifizierung

Bei Netflix liegt der Fall so: Der Streaming-Anbieter ist kein Filmverleih, fühlt sich nicht an die klassischen Auswertungsfristen gebunden. „Es ist ihr Film, den können sie auf ihrer Plattform zeigen, wann sie wollen, das ist ja legitim“, sagt Krane. Das Angebot aber an die Kinos, den prestigeträchtigen „Irishman“ (und aktuell auch das Ehedrama „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson) zeigen zu können, liegt für Krane allerdings weder an einer Liebe von Netflix zum Kino noch am Wunsch, beim Kinoeinsatz viel Geld zu verdienen, „denn das Eintrittsgeld muss Netflix ja mit den Kino teilen, anders als auf ihrer Plattform“. Es gehe dem Anbieter einfach darum, Regularien für Filmpreise, darunter den Oscar, zu erfüllen, nach denen Filme eine bestimmte Zeitlang im Kino laufen müssen. „Sonst würde Netflix die Filme gar nicht freigeben.“ Im Falle von Alfonso Cuaróns „Roma“ etwa zeigte Netflix den Film auch vereinzelt vorab, damit er sich für die Oscars qualifizieren konnte – er erhielt im Februar 2019 dann drei Oscars, ein großer Prestigegewinn für Netflix und eine enorme Werbung, wie sie sich jetzt auch durch die „Irishman“-Debatte einstellt.

Wäre es dennoch nicht ein schöner Coup gewesen, „The Irishman“ auf der großen Leinwand zu zeigen, für die Kinofilme gemacht werden? „Nein“, sagt Krane, der privat durchaus bei Streaming-Anbietern hereinschaut, „denn wenn die Kinos sich darauf einlassen, kommen irgendwann die Filmverleiher und sagen, dass diese Exklusivfrist sie auch nicht mehr interessiert“. Mit der Heimkino-Auswertung verdienten Filmverleiher, sagt Krane, mittlerweile ohnehin mehr Geld als mit der Vermietung an Kinos. Seine Befürchtung: „Gibst Du Netflix den kleinen Finger, greifen alle Anderen nach der ganzen Hand.“  Und dann „gnade uns Gott“, sagt Krane und lacht, aber nicht gerade fröhlich. „Wenn ein Film quasi zeitgleich im Kino und vor dem heimischen Sofa zu sehen ist, wird das Kino diesen Wettbewerb verlieren.“

„Naiv, wenn einen die Thematik drumherum nicht interessiert“

Zusätzlich ärgerlich ist für Krane, dass „dir als Kino die Schuld in die Schuhe geschoben wird,  wenn Du den Film nichts spielst“. Filmfans, die „The Irishman“ unbedingt im Kino sehen wollen, versteht er ja, „aber ich finde es naiv, wenn einen die Thematik drumherum nicht interessiert“. Ein kleiner Hoffungsschimmer wäre da der Fall, „dass sich die Streaming-Geschichten wieder  beruhigen“, wofür es auch Anzeichen gäbe – Netflix schreibe immer noch keine schwarze Zahlen, und „2020 wird es richtig spannend, wenn nach AppleTV+ auch Disney mit eigenem Streaming-Angeboten kommt. Vielleicht graben die sich gegenseitig das Wasser ab.“ Andererseits: „Wenn zum Bespiel Disney merkt, dass Streaming für den Konzern lukrativer ist als die Kino-Auswertung, könnte er ja irgendwann den neuesten ‚Star Wars‘-Film zum Kinostart auch zeitgleich streamen. Dann kann man sich ausmalen, was passiert.“ Eine Fraktion der treuen Kinofans werde es zwar immer geben – aber eben auch die derer, die lieber zuhause auf dem Sofa bleibt. „Da verliert das Kino.“

Hat der Boykott eine Wirkung?

Joe Pesci (links) und Robert De Niro in „The Irishman“. Foto: dpa/-

Ob der Boykott des „Irishman“ nun eine Wirkung hat?  „Die ist nicht absehbar, und das ist frustrierend“, sagt Krane. „Aber den Film spielen, nur damit ich sonntagabends genug Geld unterm Kopfkissen habe, und dabei die Mehrheit der Kinos hintergehen,  das ist nicht mein Ding.“ Die Furcht vor kollabierenden Fristen der Filmverleiher und vor marktbeherrschenden  Streaming-Diensten wächst. „Ich glaube nicht, dass dieser Spuk an uns vorbei geht.“