Star-Regisseur Vasily Barkhatov inszeniert Oper "Faust" in Saarbrücken.

Opern-Premiere am Staatstheater : Faust als Vergewaltiger, Mephisto als Rächer

Geisel- und Familiendrama zugleich: Star-Regisseur Vasily Barkhatov hat Gounods Oper „Faust“ radikal brutal auf die Bühne des Saar-Staatstheaters gebracht.

Dr. Heinrich Faust hat Familie! Ehefrau Marthe, Tochter Margarethe, Sohn Valentin. Das hat sich Starregisseur Vasily Barkhatov für seine „Faust“-Inszenierung am Saarbrücker Staatstheater ausgedacht. Die Musik ist die Gewohnte, die von Charles Gounod. Eine Saarbrücker Fassung also.

Gewalt ist ein Grundgedanke der Regie: Gewalt hat Faust Margarethe und anderen Frauen angetan. Jetzt kommt Gewalt über ihn: Geiselnehmer setzen ihn und seine Sippschaft bei seiner feucht-fröhlichen Geburtstagsfeier fest. In Nonnentracht schwenken sie ihre Waffen, ihren Anführer (Mephistopheles) hat Faust nach Gotteslästerung selbst gerufen. Des Lebens überdrüssig, verschachert er seine Seele an den Vertreter des Bösen, um wieder Jugend zu erlangen. Die Regie löst das genial: Der „alte“ Faust muss nun zusehen, wie sein „junges“ Alter Ego gleich ihm um Margarethe wirbt, mit Hilfe des Bösen ihr verführerisch Schmuck schenkt, Liebesversprechungen macht. Die Gesellschaft tanzt ums goldene Kalb, huldigt dem Mammon.

Dabei ist der Böse gar nicht so unsympathisch. Markus Jaursch mit beweglichem Bass-Bariton ist zwar ein hinterlistiger, scheinheiliger Rocker mit Baseballschläger, versteht es aber auch, einschmeichelnd zu manipulieren. Ein wahrer (Volks-) Verführer. Anders Sohn Valentin (sympathisch Salomón Zulic del Canto), der im geistlichen Gewand immer wieder hilflos das Gute einfordert. Mephistopheles wirft sich auch schon mal in die Kutte, um zu intrigieren. Die Unterbühne, als Tiefgarage mit schickem Sportwagen gestylt, symbolisiert hier das Unterbewusstsein, in dem sich Konfrontationen, positive und negative Begegnungen und Seelisch-Gedankliches abspielen. Und Siebel aus der teuflischen Geiselnehmer-Bande geistert, mit dem toten Baby Margarethes um den Leib geschnallt und mit einer Bombe versehen, durch die Szene. Der Zeitzünder tickt, eine ständige Bedrohung durch Schuld, die Margarethe auf sich geladen hat.

Valda Wilson (Sopran) gibt ihr keusch-dramatisches Profil in ihrer Wandlung von der Vater-Tochter zur Wissenden seiner Untaten. Sie glaubt, seine Schuld durch ihren Opfertod sühnen zu können. Die Bombe geht hoch, Margarethe stürzt sich in die Tiefe, der Schauplatz ist wie leergefegt. Ein Engelschor widerlegt das „Gerichtet“ des Teufels mit „Gerettet“. Das Ende eines Thrillers der seelischen Verletzungen, den die Regie philosophisch-psychogrammatisch durchdringt. Ist Religion eine Möglichkeit, Gut und Böse zu katalogisieren? Ist nicht jeder Mensch verführbar, wenn das Angebot stimmt? Hat nicht jeder eine dunkle, verletzliche Seite?

Gounod hat dazu eine psychologisierende, raffiniert instrumentierte Musik geschrieben. Sébastien Rouland hat sie mit dem Staatsorchester im Sinne eines „romantisme réaliste“ vorzüglich in Szene gesetzt. Samtweich und doch brillant strömen die Violinen aus dem Graben, satt und warm grundiert von den tiefen Streichern. Fein abgestimmt und ausgeglichen führen, wenn nötig, die Holzbläser, färben den runden Gesamtklang. Das Blech sorgt für Fülle und in Szenen wie etwa der Walpurgisnacht auch charaktervolle Härte. Rouland gelingt die perfekte Balance zwischen dramatischen Höhepunkten und lyrischen Passagen, den tänzerischen und rhythmisch markanten Szenen. Man spürt, dass diese Musik seinem Herzen nahe ist.

Bühnenbildner Zinovy Margolin hat ein üppig ausgestattetes Restaurant gebaut, das vom ständig präsenten Chor stimmgewaltig und schauspielerisch aktiv bevölkert wird. Dem alten Faust verleiht Algirdas Drevinskas seinen substanzvollen Tenor, Fausts Alter Ego gewinnt mit dem druckvollen Tenor Sung Min Songs Statur. In den kleineren Rollen bewährten sich Judith Braun, Carmen Seibel und Hiroshi Matsui. Die vorzügliche Balance zwischen Bühne und Graben und ein Verzicht auf allzu lyrisch-sentimentale Momente war purer Hörgenuss.

Diese „Faust“-Oper ist eine Regiearbeit, die mit viel Symbolik und drastischen Bildern den Dualismus im Menschen offenlegt, den Widerstreit von Gut und Böse, im und zwischen den Menschen. Schuld und Sühne, eine Unlösbarkeit?

Termine am 8./15./23./25./30. Juni: Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.

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