St. Ingberter Pfanne: Der dritte Tag des Kleinkunst-Wettbewerbs.

St. Ingberter Pfanne : Handwerker-Witze, flirtende Flöten und ein Stand-up-Feminist

Der zweite Tag des Kleinkunstwettbewerbs St. Ingberter Pfanne: Musikalisch Virtuoses, „Mensch ärger mich!“ und schwäbische Eigenheiten.

Gäbe es bei der Pfanne außer den beiden Hauptpreisen, dem Publikumspreis und dem Jugendjury-Preis des Kultusministers außerdem einen Feminismus-Preis, er hätte ihn sicher: Jean-Philippe Kindler. Der nordrhein-westfälische Meister im Poetry-Slam legte am zweiten Wettbewerbsabend zwar einen kontrovers aufgenommenen Auftritt hin, holte sich aber zum Schluss enthusiastischen Beifall mit seiner Entrüstung über die männliche Dominanz im diesjährigen Wettbewerb. Seine Kritik am Veranstalter (und damit an der Vorauswahl der Jury) sorgte für einen kleinen Eklat: „Weibliche Stimmen fehlen! Auch auf dieser Bühne!“, polterte der 23-Jährige am Sonntag in der St. Ingberter Stadthalle. „Wir bilden immer nur die männliche Sicht ab, das muss aufhören!“ Auch zuvor machte Kindler kein Hehl daraus, dass er es nicht darauf anlegte, zu gefallen: „Mensch ärgere Dich“ heißt sein Programm, für das man ihm sogar eigens eine große Leinwand herein rollte, auf die er ein selbst entwickeltes Gesellschaftsspiel mit zynischen Ereignisfeldern projizierte. Hier segelte jemand offensiv auf Provokationskurs: „Ich sehe viele Leute, die geärgert sind von mir. Das ist das Ziel!“, feixte Kindler. Dabei legte er mit seinem Spott über Beziehungsratgeber, Sensationsgier privater Fernsehsender, Politheuchelei und soziale Ungerechtigkeit den Finger in die richtigen Gesellschaftswunden. Doch mangelte es seiner kritischen Standup-Nummer an Durchzugskraft.

Wie befreit lachte das Publikum dagegen über die intellektuelle Handwerker-Comedy von Jakob Friedrich, der mit „I schaff mehr wie Du!“ ein frappierend souveränes Solo-Debüt abliefert. Friedrich kommt als Waldorf-geschulter Mechatroniker im Blaumann daher, der mit analytischem Mutterwitz die schwäbische Mentalität ergründelt und technische Abläufe und den alltäglichen Irrsinn in seiner Firma als Brennglas für das große gesellschaftliche und politische Ganze benutzt. Dabei punktet Friedrich mit dem begnadeten Talent, komplexe Zusammenhänge einfach zu erklären – und ad absurdum zu führen. Ein luzides Typenkabarett, bei dem Friedrich bravourös verschiedene Dia- und Soziolekte einsetzt und mit einem Gespür für perfektes Timing und sauber gesetzte Pointen trumpft. Herrlich!

Dazwischen: noch ein Mann. Aber endlich mal keiner, der uns die Welt erklären will: Gabor Vosteen möchte vielmehr der Welt (fast völlig nonverbal) die Flötentöne beibringen. Und dadurch, dass er zum gemeinsamen Musizieren hier gleich mehrere Zuschauerinnen einspannte, sorgte Vosteen obendrein für eine anständige Frauenquote auf der Bühne. Dass die Mädels dort freilich nix zu sagen hatten, sondern nach seiner Pfeife flöten mussten – pffft! Auf jeden Fall erspielte sich Vosteen verdient den ersten Stakkato-Applaus des laufenden Festivals: Der Flötist kombiniert musikalische Virtuosität, pantomimische Komik, bizarre Outfits und eine frappierende Meisterschaft in wortloser Animation zu einer sensationellen Performance. Vosteen unterläuft Erwartungshaltungen, flirtet, verführt, beherrscht Oralpercussion, akrobatischen Slapstick und alberne Situationskomik – und er pustet in bis zu fünf Blockflöten gleichzeitig, indem er die Holzbläser außerdem mit den Nasenlöchern beatmet. Ehrensache, dass der „Flötenmann“ auch mit technischen Tricks wie etwa Loop-Effekten scheinbar mühelos jongliert. Das Publikum verfiel ihm schockverliebt.

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