So ist der neue Tatort aus dem Saarland - vom SR für die ARD

Kostenpflichtiger Inhalt: TV-Kritik : Tatort mit neuen Ermittlern aus dem Saarland in Bestform

Lange ließ der neue Saar-„Tatort“ auf sich warten, nachdem Devid Striesow als Kommissar Stellbrink den Dienst quittiert hatte. Nun aber wird man entlohnt. Die Neuen, Schürk und Holzer, sind coole Typen, die endlich mal wieder richtig ermitteln. Ostermontag läuft der beste SR-„Tatort“ seit langem im Ersten.

Der Neue kommt mit dem Bus nach Saarbrücken. Kleine Verbeugung vor dem grünen Zeitgeist? Mag sein. Doch dann führt sich Kommissar Adam Schürk (Daniel Sträßer) mit einem schlagkräftigen Nächstenhieb ein. Knallt einem Unsympath von Vater, der seinen Sohn mitten im Bus runtermacht, ansatzlos die Faust in die Fresse. Jetzt hat der Knabe erst mal Ruh’ vor dem Kotzbrocken. Und wir ahnen: Dieser Schürk hat jede Menge Hass und unbewältigte Vorgeschichte im Gepäck bei seiner Rückkehr in die alte Heimat. Überdies sieht er im regulären Dienstweg wohl bestenfalls eine Option für Weicheier – für einen wie seinen künftigen Partner Leo Hölzer (Vladimir Burlakov), der schon seit Jahren in Saarbrücken ermittelt.

Schon beim Vorspiel kommt der neue SR-„Tatort“ so zum (ersten) Höhepunkt. Ein Auftakt mit Ausrufezeichen für das neue Saarbrücker Team also. Was auch bitter nottat. Lästerte über die verschrobenen Mordsstücke von der Saar doch in den vergangenen Jahren die halbe Republik – trotz respektabler Quoten. Jetzt aber kann man sich auf dem Halberg mal getrost zurücklehnen und der TV-Premiere von „Das fleißige Lieschen“ an Ostermontag entgegensehen. Was am Donnerstagabend nämlich während des Ophüls-Festivals vorab lief, überzeugte – ohne Wenn und höchstens mit ein bisschen Aber.

Der SR erspart uns nun all die bisherige Saar-Tümelei. Es gibt keine aufdringliche Ei-jo-/Ei-nee-Anbiederei mehr, keine Spinner in Haupt- und auch keine Knallchargen in Nebenrollen. Es gilt mal ganz der Geschichte, der Handlung. Was für ein Genuss! Höchstens in der Tourismuszentrale dürfte man Tränchen verdrücken. Als verfilmtes Reiseverkaufsprospekt wie etwa die Münster-„Tatorte“ taugt diese „fleißige Lieschen“ partout nicht. So nüchtern, fast schon unterkühlt haben Regisseur Christian Theede und Simon Smejkal an der Kamera Saarbrücken, Mettlach, Sulzbach und Püttlingen abgelichtet.

Die Qualität zeigt sich nun vor allem bei diesem von Autor Hendrik Hölzemann und SR-Redakteur Christian Bauer klug ersonnenen und dann auch famos gespielten Ermittlerduo: ein Doppel der Kontraste. Was Hölzer an Empfindsamkeit überreich hat, bis hin zur Grenze der Dienstuntauglichkeit, ist bei Schürk Mangelware. Mit stählernem Blick und der Sehnigkeit eines jungen Alain Delon streift Sträßer durch sein neues Saar-Revier. Der gebürtige Völklinger hat sein Bühnen- und Filmglück erst in Österreich und dann in Berlin gemacht. Studium am Salzburger Mozarteum, Burg-Schauspieler in Wien, zwei Nominierungen für den Nestroy-Preis, aber auch gehobene Fernsehware à la „Charité“: chapeau! Kollege Burlakov als Hölzer kann freilich kontern: Falckenberg-Schule, Bayrischer und Deutscher Fernsehpreis. Zwei Könner also und zugleich doch noch unverbrauchte Gesichter hat der SR in Person der beiden Anfang-Dreißiger verpflichtet. Neben dem harten Schürk gibt Burlakov den Zarten. Symptomatisch hat dieser Hölzer ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Amtshilfe am Hals. Weil er nicht geschossen hat, als er hätte schießen sollen. Melancholie umwölkt stets die Züge des Hochsensiblen. Lieber vergräbt es sich in Akten, als – wie Schürk – sein Ding zu machen. Dabei sind Hölzer und Schürk seit Kindertagen emotional verkettet. Der junge Leo wurde von seinem brutalen Vater regelrecht zur Kampfmaschine gedrillt. Bei Schulhof-Kloppereien stand Leo Adam bei, doch auch der Starke brauchte mal die Hilfe des vermeintlich Schwachen.

Immer wieder kreuzt in diesem „Tatort“ Geschichte die Gegenwart, verschränken sich Erzählebenen. Was auch für die Haupthandlung gilt. Bernhard Hofer (großartig, der 93-jährige Dieter Schaad), Patriarch einer Industriellen-Dynastie, die erst mit Uniformen, dann mit Rüstungsgütern in der NS-Zeit zu Wohlstand kam (man mag da entfernt an die Röchlings denken), will sein Geschäft an die Enkelgeneration abgeben. Doch nicht der eigentlich vorgesehene Konrad (Moritz Führmann) tritt die Nachfolge an. Seinem herrischen Großvater, der noch ein Rommel-Porträt auf der Anrichte stehen hat, ist der zu weich. Erik (Gabriel Raab) wird’s, in puncto Kaltherzigkeit das Abbild des Alten.

 Bloß einen Tag nach der Inthronisierung als Firmenchef aber findet man Erik – tot. Hundebisse und 60 Stockschläge, stellt Pathologin Henny Wenzel fest. Mit Brille auf der Nasenspitze und kesser Lippe bringt Anna Böttcher als Einzige etwas Schrulligkeit in den sonst ohne Mätzchen erzählten Film. Eriks Tod gleicht einer brutalen Hinrichtung. Und führt die Kommissare zurück in die Zeit, als die Hofers Zwangsarbeiter bis aufs Blut ausbeuteten. So läuft da vieles, manchmal auch etwas aufdringlich, parallel: (Groß-)Vater-Sohn Konflikte etwa und das Ringen der Gefühlsmenschen mit den kalten Machern.

Festzuhalten ist aber auch: Es ist ein Männer-„Tatort“. Zwar sind mit den Kommissarinnen Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) auch zwei Frauen im neuen Saar-Ermittler-Quartett. Doch bleiben sie erstmal am Rand und kommentieren süffisant das Spiel der großen Jungs. Doch so viel Prophetie sei gewagt: Die beiden dürften künftig noch richtig mitmischen.

Ein Jahr exakt ist es her, dass letztmals ein frisch produzierter SR-„Tatort“ im Fernsehen lief, der Abschied von Devid Striesow als Kommissar Stellbrink. Und schon fast ein weiteres Jahr zuvor hatte Striesow gesagt: Ich bin dann mal weg. Striesow, einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler, brauchte den „Tatort“ nicht mehr. Zu gefragt ist er im Kino wie im Fernsehen, um sich weiter in ein Serienkorsett zwängen zu lassen – auch wenn er im Saar-„Tatort“ nicht brillierte. Da war er oft nur ein Schatten seiner selbst, ein traumtänzelnder Sonderling, sichtbar unterfordert von mäßigen Drehbüchern, Regie-Routiniers und auch von manchen Kollegen, die bestenfalls als Stichwortgeber fungierten.

 Doch das ist ja passé, ebenso wie Max Palü, der bislang originellste Saar-Ermittler, dem Jochen Senf als eine Art Schimanski-Antithese genussbäuchig und rotweinliebend einen Platz in der 50-jährigen „Tatort“-Historie verschaffte. Jetzt aber hat der SR fünf Neue. Und die sind richtig gut so.

Sitzung des neuen Ermittler-Teams: Die Kommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov),  Adam Schürk (Daniel Sträßer) und die Kommissarinnen Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) und Esther Baumann (Brigitte Urhausen, v.l.). Foto: SR/Manuela Meyer
Regisseur Christian Theede beim Dreh. Der neue „Tatort“ ist sein zweiter für den SR. Foto: Oliver Dietze

SR-„Tatort“ „Das fleißige Lieschen“: Ostermontag, 13. April, 20.15 Uhr im Ersten.