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Sabine Göttel liest im Garten des Saarlandmuseums.

Sabine Göttel liest am Sonntag in Saarbrücken : „im zarten frühling pflanze ich den eigensinn“

Die Autorin Sabine Göttel hat mit „Geister“ einen faszinierenden und berührenden Lyrikband vorgelegt. Am Sonntag liest sie in Saarbrücken.

Dem eigenen Werk ein Zitat von Rilke voranzustellen – das muss man sich erstmal trauen, hängt das doch sozusagen die lyrische Latte hoch. Sabine Göttel tut dies in ihrem Gedichtband „Geister“, der im St. Ingberter Röhrig Verlag erschienen ist – so wie vor 33 Jahren ihre erste Lyriksammlung „Fische Fluten“. „Geister“ ist keine Sammlung einzelner Gedichte, denn die über 60 Texte hängen miteinander zusammen und erzählen, soweit darf man spekulieren, eine oder mehrere Lebensgeschichten. Möglicherweise die von Göttel selbst (oder ihrer Familie), die 1961 in Homburg zur Welt kam, in der Pfalz aufwuchs, in Saarbrücken Deutsche und Französische Literatur studierte, heute als Autorin und Dramaturgin in Hannover lebt? Vielleicht schon, vielleicht nicht. Man darf mutmaßen (und kann dabei als Rezensent ordentlich daneben liegen).

In jedem Fall ist das Buch „Geister“ nicht weniger als faszinierend in seinem großen Erzählbogen und in seiner Sprache, die kunstvoll ist, aber nicht prätentiös, voller eindringlicher Bilder (sehr oft aus der Natur), aber nicht überladen. In fünf Blöcke hat Göttel die Gedichte gegliedert; im ersten, „an der hand“ – die Texte verzichten auf Kommata wie auf Großbuchstaben – geht es um Kindheit, um einen abwesenden Vater, eine (zu) junge Mutter, um den „kleinen karl“ und den „großen fritz“, der im „großen Treck“ an der „spitze sein muss“. Ein Gedicht bezieht sich auf die Glocke der protestantischen Kirche in Gries in der Westpfalz, die deutsche Auswanderer auf der Flucht aus Rumänien während des Zweiten Weltkriegs mit zurück gebracht haben. Von Flucht erzählen die Texte, von Land, von Äckern, Verlust und Angst – „und laufe neben meinem Schmerz / und preis ihn in den höchsten tönen“ heißt es da.

Danach gleiten die Texte in die Nachkriegszeit, die Amerikaner sind da, und ein Großvater stirbt, vom lyrischen Ich voller Erinnerungen betrauert: „fährt mich im kinderwagen spazieren / lässt mich tiefgemauert in der erden singen / setzt mich auf warme pferderücken / ich bin sein blaues loch im Fuß“. Die Erzählerin erinnert sich auch an Momente Ende der 1960er, als Achtjährige, mit Schwester und Eltern an einem See. Woodstock ist weit weg, der Mond, der erstmals betreten wird, noch weiter weg, und Rudi Dutschke ebenso, weil die Eltern „die Empörung ihrer Generation nicht teilten“.

"Geister" von Sabine Göttel Foto: Röhrig Verlag

Das folgende Kapitel „im schatten“ beschreibt ein Leben im „sonnigen pfälzer wald“ zwischen „streuobst und kälbern“, wo die die Natur „explodiert“ und „der baum in der Kirchenruine glüht“. Hier schleicht sich auch ein warmer Humor in die Texte ein, etwa mittels bizarrer Botschaften auf dem Anrufbeantworter, deren Urheber offensichtlich eine falsche Nummer gewählt haben. Um einen Abschied geht es unter anderem im Abschnitt „geister“, wobei die Idee des Alleinseins etwas Verlockendes hat: „ich kanns nicht fassen dass ich endlich einsam bin / die welt gefällt mir jetzt schon ohne dich / das abenteuer wartet dieses mal auf mich / im zarten frühling pflanze ich den eigensinn“.

Die Texte im Abschnitt „granatwald. fünfzehn verirrungen“, nicht in Verse gesetzt, sondern als fließender Text, sind Impressionen voller Naturbilder und Gefühls-Innenansichten – atmosphärische Seelenbilder. „wo ich jetzt bin“ ist das letzte Kapitel des Bandes überschrieben, es geht über die Grenze ins französische Meisenthal, wo die Erzählerin einen Bienenstock pflegt („solange die sonne scheint / führ ich die bienen zum brunnen“) und auch in Mundart dichtet, was eine gewisse wohlige sprachliche Gemütlichkeit mit sich bringt, wobei die Texte oft melancholisch grundiert bleiben, etwa im charmanten „in de wann“, der das wonnige Vollbad beschreibt, aber doch bittersüß endet: „scheen wär wenn ich / heer dääd wie / jemmand de schlissel / ins schloss steggd / un häämkummt / wie du domols / wupp wär ich draus“. Das Buch, das mit seiner Sprachschönheit zum wiederholten Lesen einlädt, schließt mit Sätzen, die andeuten, dass die Erzählerin so etwas wie Frieden und Klarheit gefunden hat: „wo ich jetzt bin ist / die erde eine schüssel / zu füllen mit schlag und takt / weites herzgefäß / tiefes versprechen“.

Sabine Göttel: Geister. Knischetzky im Röhrig Verlag, 84 Seiten, 16 Euro.