Saarlouiser Galerie Ludwig zeigt Schau zu inszenierter Fotografie.

Fotografie : Wie es Euch gefällt, aber eben alles Fake

Die Saarlouiser Galerie Ludwig führt in einer famosen Ausstellung in die Welt der inszenierten Fotografie ein.

Eine an Caspar David Friedrichs „Eismeer“ angelehnte arktische Landschaft, bei der man nicht sieht, dass alles aus Holz und Papier ist. Eine Ansicht des Yosemite National Parks, dessen wuchtige Felsen tatsächlich bloß aus Mehl und Feuerlöschmittel geformt sind. Großformatige Fotos von Gletscherlandschaften, die realiter nur ein paar Zentimeter groß sind. Oder Mauer­vorsprünge vor kahlem Geäst und Parkplätzen, die einen typischen, aber konstruierten Un-Ort markieren. Die betreffenden Arbeiten von James Casebere („Sea of Ice“), Mathew Albanese („The Valley“), Sonja Braas („Forces“) und Oliver Boberg („Alte Mauer“) sind Teil einer famosen Schau in der Saarlouiser Ludwig Galerie, die unter dem Titel „Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“ Konstruktionen von Landschaften und Stadträumen zeigt, die zwar mehr oder minder alle wie täuschend echte fotografische Ablichtungen wirken, tatsächlich aber nur Fotografien von filigranen Modellen sind.

Was wir in Saarlouis zu Gesicht bekommen, das ist – salopp gesagt – gewissermaßen eine hochprofessionelle und künstlerische Spielart dessen, was man als Panoramen ausgetüftelter Modelleisenbahnwelten kennt. Während in deutschen Märklin-Wohnstuben bis heute ausgiebig dem Idyll gehuldigt wird, betreiben die hier versammelten Modulationskünstler eine raffiniertere, vielfach gebrochene Art der Naturnachahmung.

Mit allergrößtem Aufwand simulieren sie Realität eher mit dem Ziel, Wirklichkeit zu verunklären und die Lust am Schein zu feiern und zu perfektionieren. Nicht selten funktioniert diese Täuschung derart gut, dass man lange damit beschäftigt ist, Indizien für das „Fakehafte“ ihrer künstlerischen Unternehmungen zu finden. Oliver Bobergs Modellbauten von banalen Stadträumen beispielsweise sind, eine Hausfassade mit Baumschatten oder eine Wiesenböschung zeigend, als solche selbst im Wissen um ihre Konstruiertheit kaum zu enttarnen. Wer käme auch auf die Idee, dass Boberg Grashalm für Grashalm eine x-beliebige Landschaft nachbaut, um am Ende dann diesen pinzettenhaft erzeugten Illusionsraum fotografisch festzuhalten?

In ihrer Serie „The Passage“ fügt die in New York lebende deutsche Künstlerin Sonja Braas 52 Aufnahmen der offenen See bei wechselndem Licht aneinander und suggeriert damit, ein Stück Meer in ein und derselben Einstellung 52 Wochen lang zu unterschiedlichen Tageszeiten festgehalten zu haben. Tatsächlich aber liefert die Bildabfolge, wie Braas im Katalog zitiert wird, nur die „Bühne für eine fiktive Reise durch eine fiktive Zeit und einen fiktiven Raum“. Denn nicht eines der 52 Fotos bildet ein Stück reales Meer ab. Mit noch reduzierteren Mitteln gelingt der finnischen Fotografin Maija Savolainen ein ganz ähnlicher Effekt. Was man für opake Ansichten von Meereshorizonten im Abendlicht hält, entstand dadurch, dass Savolainen ein gefaltetes Stück weißes Papier vor die Kameralinse hielt und damit direkt ins Sonnenlicht fotografierte.

Die von der Berliner Alfred-Erhardt-Stiftung kuratierte Ausstellung ist in vier Abteilungen gegliedert. Neben „sublimen“ begegnen wir etwa „surrealen“ Landschaften wie den beiden Tankstellen, die David LaChapelle in „Gas Chevon“ und „Gas Shell“ in eine nächtliche Urwaldszenerie verpflanzt, aus der ihre Neonverheißungen nur umso schriller wirken. Hier wie auch in den Dio­ramen Kim Keevers oder den artifiziell aufgeladenen Naturkulissen des Franzosen Didier Massard geht es im Kern nicht mehr um Wirklichkeitssimulation. Vielmehr ist der zur Schau gestellte Hyperrealismus hier mehr oder weniger gezielten Verfremdungen ausgesetzt. Am Raffiniertesten funktioniert diese Surrealität in der sogenannten Vorsatzmalerei der britischen Künstlerin Suzanne Moxhay, die in der Tradition der Kulissenmaler beim Film Glasplatten bemalt, um mittels deren Ineinanderschieben auf irisierende Weise echt anmutende Raumwirkungen zu erzielen.

Von den surrealen schlendert man in der Ludwig Galerie weiter zu „urbanen und unheimlichen Landschaften“. Stehen für Ersteres etwa Oliver Bobergs Stadtkulissen ein, wird Letzteres auf sublime Weise von den inszenierten Fotografien Thomas Wredes eingelöst. Wredes großformatige Täuschungen basieren auf einem ausgeklügelten Spiel mit Proportionen. So stellt er etwa ein keine fünf Zentimeter großes Alpenhaus in eine bemooste, reale Steineformation und nennt das Ganze „Haus im Gebirge“. Alles daran ist echt, außer das kleine Modellbauhäuschen, dessen Vorhandensein sämtliche Relationen derart verschiebt, dass die Steine auf einmal gewaltigen Gebirgszügen gleichen.

Das Finale dieser splendiden Ausstellung fotografischer trompe l’oeils bestreiten „konstruierte und historische Landschaften“, wobei unter diesen die doppelbödigen Pastiches des schweizerischen Fotografen-Duos Cortis & Sonderegger herausstechen. Während in Saarlouis ansonsten alle übrigen Arbeiten ihre Konstruktionsmechanismen nicht offenbaren, führen uns Cortis & Sonderegger mittenhinein in ihre Modellbauwerkstatt. Ihre Arbeiten verknüpfen Illusion und Desillusion, indem sie das „Making-of“-Prinzip auf einem Bild ebenso witzig wie kunstvoll verdichten. In „Making of ,Tsunami’ (von einem unbekannten Touristen, 2004)“ etwa zeigen sie in Studioperspektive im Hintergrund fototapetenartig die Bugwelle eines Tsunamis, die einen Hotelpool erreicht und davor die für diese hyperreale Imagination benutzten Kulissen und Werkzeuge.

So raffiniert, wie in Saarlouis unser Wahrnehmungsmuster hinterfragt und mit Gefaktem gespielt wird, lässt man sich ganz gerne verschaukeln.

Thomas Wredes augenzwinkerndes Diorama „Früher Morgen bei den Korallenmoos-Inseln“ (2016, Fotografie). Foto: Thomas Wrede, VG Bild-Kunst, Bonn 2019/Thomas Wrede
David LaChapelles „Gas Shell“ (2012, C-Print auf Alu-Dibond), die er in eine üppige Urwaldlandschaft stellt. Foto: David LaChapelle/Courtesy Galerie Reiner Opoku/David LaChapelle
Oliver Bobergs „Alte Mauer“ (2010, Lambada Print) existiert nur im Modell, das Boberg baut und dann ablichtet. . Foto: Oliver Boberg/Courtesy L.A. Galerie/Oliver Boberg

Bis 25. August. Di bis Fr: 10-13 Uhr und 14-17 Uhr, Sa, So: 14-17 Uhr. Der empfehlenswerte Katalog kostet 19,95 Euro.

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