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Saarland: Musikfestival Resonanzen mit mehreren Konzerten

Musikfestival Resonanzen : Musik in Kneipen, Clubs und Baudenkmälern

Mit mehreren ganz unterschiedlichen Konzerten in kleinem Format in Saarbrücken und Berus trotzt das Festival „Resonanzen“ der Pandemie.

Freitagabend in der Saarbrücker Musikkneipe Jules Verne. Programmheft? Gibt‘s keins. Dafür war vermutlich keine Zeit mehr, angesichts der Zitterpartie, ob, wo und unter welchen Umständen das ebenso kritisch beäugte wie heiß herbei gefieberte Resonanzen-Festival in Corona-Zeiten überhaupt stattfinden kann. Andererseits passt‘s, dass man sich online orientieren muss, schließlich werden sämtliche Konzerte auf diversen Social Media-Kanälen live gestreamt: fast schon selbstverständlich für ein Festival, das „jung, urban, grenzüberschreitend“ sein will und experimentelle Formate von Klassik bis Jazz, von elektronischer Musik bis Pop durcheinander wirbelt – ein mehrfach grenzüberschreitendes Crossover.

Zum anderen dienen die Live-Streams aber auch als Sicherungsmedien, um die Konzerte definitiv an die Hörer bringen zu können: Man weiß ja nie, ob die Abstandsregeln vielleicht wieder verschärft werden müssen. Entsprechend rotieren im Jules Verne so viele Kameras umeinander, dass man Mühe hat, einen Blick auf die Band zu erhaschen. Es herrscht ungezwungene Club-Atmosphäre: Unter orientalischen Lampen und inmitten nautischen Dekors präsentiert der international gefragte Schlagzeuger und Percussionist Bodek Janke sein neues Quartett „Song“ – man kennt ihn vom Oktober vergangenen Jahres, als er nach der ersten Pressekonferenz des Festivals beim anschließenden Satelliten-Auftakt im Pingusson-Bau mitmischte. „Song“ firmiert als sein „bisher anspruchsvollstes Projekt“: Mit seinen kongenialen Mitstreitern, der Sängerin Shishani Vranckx (auch Gitarre), dem Pianisten Kristjan Randalu und dem Kontrabassisten Phil Donkin  bürstet Janke unter anderem Pop-Hits der 80er und 90er Jahre gegen den Strich, was den Titeln ausgezeichnet bekommt: Durch jazzige Improvisationen, gewagte Rhythmusmanöver und weltmusikalische Exkursionen umstrukturiert, werden die Lieder bis zur Unkenntlichkeit verfremdet und gewinnen dadurch neuen Tiefgang zwischen Jazz, Soul und rockigen Grooves – erstaunlich, wie sehr etwa das im Original eher dürftige „Live is live“ der Ösi-Kapelle Opus bei dieser Renovierungsarbeit gewinnt.

Weil das Konzert, wie die meisten übrigens, nur gut eine Stunde dauert, lässt sich problemlos der Auftritt von „Glass Museum“ im benachbarten Studio 30 dranhängen. Auch hier: ein freundliches und hilfsbereites junges Team am Empfang und ein (nach geltenden Hygienemaßstäben) reger Zuspruch – tatsächlich ist der Auftritt des belgischen Duos, das ebenfalls schon bei einem der vorgeschalteten Satelliten mitwirkte, der einzige ausverkaufte des Wochenendes. Im Vergleich zum lockeren Jules Verne geht’s hier rigide zu: Das mit seiner langen Theke und bunt schillernden Mobile-Leuchten visuell ansprechende Studio 30 präsentiert sich ungewohnt streng bestuhlt, was der guten Stimmung jedoch keinen Abbruch tut. Mit Hilfe von elektronischer Zuspielung entwickeln Schlagzeuger Martin Grégoire und Keyboarder Antoine Flipo einen Sound von erstaunlich orchestraler Fülle: Klare Pianoklänge verdichten sich mit treibenden Grooves zu einem wuchtig fließenden Sog, der im Spannungsfeld zwischen Klassik, Jazz und Elektropop auch minimalistische Elemente birgt. Das Ganze taugte wohl auch als Track für ein Roadmovie, zumal die beiden perfekt aufeinander eingespielten Jungs keine Angst vor Kitsch haben.

Im Pingussonbau herrscht im Anschluss eine im Kontrast zu den zwei Club-Konzerten direkt verstörende würdevolle Ruhe und kontemplative Andacht, in der das Publikum jedes Geräusch mit strafend hochgezogenen Augenbrauen ahndet. Hier begeben sich der Pianist und Trompeter Sebastian Studnitzky, zusammen mit Julien Quentin und Inéz Schaefer Teil des Leitungstrios des Festivals, und der Klarinettist Sebastian Manz nach der Devise „der Weg ist das Ziel“ auf „die Suche nach dem Unbekannten“. Konkret: danach, wie sich Igor Strawinskys drei Stücke für Klarinette solo dekonstruieren und mit Leonard Bernsteins Klarinettensonate neu verquicken lassen. Die raffiniert arrangierte Forschungsreise der beiden Sebastians begeistert als intensiver Dialog auf höchstem kammermusikalischem Niveau, der mal rein akustisch daher kommt, mal von einem zierlich wabernden elektronischen Soundflokati unterpolstert wird und Freiraum für improvisative Alleingänge bietet. Fabelhaft!

Dass das Festival nicht nur große Namen einlädt, sondern auch ein Herz für die regionale Szene hat, zeigt sich am Samstag, als die Resonanzen auch in die St. Arnualer Kettenfabrik und sogar bis an die deutsch-französische Grenze bei Berus schwappen. Während dort der Sender Europe 1 ganz im Zeichen der E-Musik steht und mit Víkingur Ólafsson und Francesco Tristano zwei internationale Piano-Shootingstars präsentiert, gibt sich im Saarbrücker Studio 30, diesmal auf der in maschinelle Nebelschwaden getränkten Kellerbühne, der Luxemburger Singer/Songwriter Georges Goerens alias Bartleby Delicate die Ehre. Seine psychedelisch klagenden Songs bettet Goerens, dessen Ansagen lange nicht so traurig anmuten wie sein düsterer musikalischer Kosmos, auf echotrunkene E-Gitarrenklänge und reichlich Elektronik, die er auch für vokale Verfremdungseffekte nutzt.

 Bartleby Delicate alias Georges Goerens aus Luxemburg trat im Studio 30 in Saarbrücken auf.
Bartleby Delicate alias Georges Goerens aus Luxemburg trat im Studio 30 in Saarbrücken auf. Foto: Kerstin Krämer/KERSTIN KRAEMER

Die Verlorenheit des Individuums in der modernen Welt scheint auch das Thema der Berliner Musikerin „Kid be Kid“, und diese Frau ist ein im wahrsten Sinne des Wortes unerhörtes Phänomen, ein einzigartiges One-woman-Wonder: Kid be Kid kombiniert ihre schier mühelos fliegende, ausdrucksvolle Gesangsstimme mit klassischem Piano, experimentellem Synthesizer und Beatboxing (Oralpercussion) und setzt mit vokalen Obertoneffekten, die ihrem Timbre eine unvermutete Kratzigkeit verleihen, noch eins drauf – und das alles live und gleichzeitig. Eine schier unglaubliche, virtuose und rhythmisch hochkomplexe Melange aus Neo Soul, Jazz und Hip Hop – schade, dass sich just der lässige Kneipencharakter des Jules Verne wegen beständigen Thekenlärms und einigen ungeniert telefonierenden Gästen dafür als ungünstig erwies.