Saarländisches Staatstheater mit Ballett Prometheus

Kostenpflichtiger Inhalt: Ballett am Saarländischen Staatstheater : Ein kaltes Feuer für Prometheus

Der Saarbrücker Ballettchef Stijn Celis lässt bei „Prometheus“ sein Ensemble durch Beethovens Ballettmusik hoch leben. Das Thema vom leidenschaftlichen Helden hat er wunderschön, aber clean verpackt.

„Hier sitz‘ ich, forme Menschen/Nach meinem Bilde,/Ein Geschlecht, das mir gleich sei,/Zu leiden, weinen,/Genießen und zu freuen sich,/Und dein nicht zu achten,/Wie ich!“.  Es war der junge Johann Wolfgang von Goethe, der dem Titanen Prometheus, der sich gegen Zeus auflehnte, 1773/1774 diese auftrumpfenden Zeilen in den Mund legte. Prometheus war nun mal der idealtypische Held des Sturm und Drang: Rebell, Freigeist, ein Märtyrer schöpferischer menschlicher Freiheit. Ewig ungebrochen. Ganz großes Kino.

Doch als sich Ludwig van Beethoven rund ein Vierteljahrhundert später mit dem Mythos beschäftigte, rückte er nicht etwa das Schicksal des Titanen in den Mittelpunkt, sondern schrieb eine Ballettmusik mit dem Titel „Die Geschöpfe des Prometheus“: majestätisch-hymnisch, bukolisch-verspielt,  kraftvoll-kantig. Kurz: ein heterogenes  Puzzle unterschiedlicher Klangwelten, die sich in späteren Symphonien wiederfinden lassen.

Der erste Choreograf von Beethovens Stück, Salvatore Viganó, kümmerte sich denn auch kaum um Prometheus selbst, sondern um das, was er bei den Menschen bewirkte: die Ermutigung zur schöpferischen Eigen-Kraft.  Letzteren Aspekt betont auch das „Prometheus“-Stück von Saarbrückens Ballettdirektor Stijn Celis, das am Samstag im Großen Haus uraufgeführt wurde. Bei ihm werkeln die Tänzer an Statuen herum, tragen Masken, die sie als Schauspieler des antiken Theaters ausweisen.  Diese konkreten Verweise und Momente sind bezeichnenderweise die schwächsten in Celis‘ Arbeit, die er selbst als abstrahierend-atmosphärische Annäherung an das Sujet begreift.

Der Titelheld spielt bei ihm eine marginale Rolle. Mal liegt er regungslos auf einem Felsen, mal stürzt er, eine gefallene Engel/Luzifer-Figur, in mehreren Salti vom Bühnenhimmel. Hat Celis ihm überhaupt ein Solo gegönnt?  Nur im Schlussbild steht uns Prometheus für eine lange, eindringliche Weile allein und  frontal gegenüber: ein  geheimnisvoll umleuchtetes Ur-Wesen mit Riesengeweih. Fremd und fern bleibt er uns in dieser 90 minütigen Choreografie, womöglich die musikalischste, die Celis bisher lieferte. Sie schmiegt sich Beethovens Klängen an wie eine zweite Haut. Gesetzt und gemessen wählt Celis das Tanz-Tempo, verlangsamt bis zur Zeitlupe oder schafft still gestellte Szenen, ohne in Pantomime abzurutschen. Der Ballettchef arbeitet mit versteiften Beinen, Hampelmann-Haltungen, geometrischen Körperzeichen,  zitiert Posen antiker Statuen und schmiedet,  ein kleines Wunder, trotzdem eine Einheit aus Eleganz, Geschmeidigkeit und Purismus.

Valentina Pierini und Conner Bormann auf der Bühne des Großen Hauses. Foto: Bettina Stöß/Bettina Stoess

Die einzige narrative Kontinuitäts-Aufgabe überträgt Celis einem Menschenpaar, das für die zivilisatorische Entwicklung steht: Kennedy Kraeling und Nobel Lakaev dürfen neoklassisch auf Spitze tanzen, Kraeling ein neckisches Tellerröckchen des klassischen Balletts tragen. Doch selbst dieses tänzerisch ausgezeichnete Paar hebt sich kaum aus dem Ensemble-Geschehen hervor, in dem Gruppen-Szenen dominieren und die Pas de deux oder Trios zu schlucken scheinen. So malt Celis mit „Prometheus“ ein physisches Gesamttableau und lässt wie kaum je zuvor die technische Qualität und physische Ausdruckskraft des 19-köpfigen Saarbrücker Ensembles hoch leben. Zu Recht erhielten die Tänzer am Schluss den Hauptapplaus, er wollte kaum enden. Und auch das Staatsorchester (Leitung: Stefan Neubert), das Beethovens Musik mit der nötigen Verve versah, wurde gefeiert. Allerdings hat Celis Beethovens einstündige Komposition mit der dunklen Industrial-Klangwelt von Lorenzo Bianchi Hoesch gegengeschnitten. So vermittelt sich zwar Zeitgenossenschaft, freilich ergeben sich auch Längen.

Was aber passiert überhaupt auf der Bühne? Nichts, was man erzählen könnte. Celis liefert Fragmente des Mythos, gibt uns mehr Rätsel auf als uns lieb sind. Die Tänzer sind vermeintlich nackt (hautfarbene Ganzkörper-Anzüge) oder tragen als Sinnbilder des tätigen Menschen weiße Bürohemden und graue Handwerker-Kittel. Schwarze Krinolinen sperren sie später in Körpergefängnisse mit Gitter-Muster ein, knallrote Halskrausen erinnern an die Renaissance-Zeit. So zieht Kostümbildnerin Catherine Voeffray geschickt eine historische Ebene ein, Farblich schafft sie eine  subtil schmeichelnde, puderfarbene Gesamt-Komposition in Altrosa und Lichtblau, es ist ein ästhetisches Vergnügen.  Ihre Bewegungs-Welt tritt nicht in Konkurrenz, aber in Spannung mit dem minimalistischen Bühnenbild in Schwarz-Weiß. Sebastian Hannak liefert einfache, klare Zeichen statt Illusion: ein bühnenbreites Rechteck aus Neonlicht, mal Decke, mal Rahmen, eine Videoleinwand, die sich malerisch durch breite Strahlen aufhellt oder vedunkelt, hohe, graue Wände.

In dieser fast klinischen Kunstwelt brodelt nichts, spitzt sich nichts zu. Celis hat das Sujet, hat diesen leidenschaftlichen Helden und dessen dramatische Geschichte wunderschön, aber clean verpackt. Ohne Schmerz, Ekstase, Leidenschaft. Das darf, muss einem nicht fehlen an diesem starken Abend, der kaltes Feuer entfacht.

Termine: 13. und 27. Oktober;  8., 13., 17. und 23. November.
Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.

Mehr von Saarbrücker Zeitung