Saarländisches Staatstheater landet mit "Lustige Witwe" Riesen-Erfolg

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarbrücker Theater : Schnipp, schnipp, diese Witwe ist der Hit

Das Saarbrücker Theater bringt die Operette „Die lustige Witwe“ mit beherzter Regie und viel Witz richtig schön in Schwung.

Ach, mal wieder Operette. Das kann ja heiter werden, denkt man sich so beim Weg ins Theater. Aber, kann das wirklich noch heiter werden? Das Gros der Operetten sind doch ziemlich alte Tantchen. Die ständig plappern statt zu singen. Deren eng geschnürte Reize von anno irgendwann nicht mal mehr die Erinnerung erregt. Und über ihre angestaubten Witzchen lacht man ja auch bloß noch, pardon, aus Höflichkeit. Ja, so ist Operette oft. Leider. Und noch dazu reanimieren deutsche Bühnen das greise Singspiel meist noch mit Ideenlosigkeit endgültig zu Tode. Sie ruhe in Frieden.

Es sei denn, ja es sei denn, es machen sich ein Regisseur wie Aron Stiehl, eine Dramaturgin wie Frederike Krüger und ein Dirigent wie Yoel Gamzou ans Werk. Die den akuten Notfall sehen und deshalb „Die lustige Witwe“ in Saarbrücken am offenen Herzen operieren. Kurzerhand legen sie ein paar Handlungs-Bypässe, setzen einen Parodie-Schrittmacher ein und injizieren ordentlich Tempo-Adrenalin. Schau an, plötzlich hat die alte Dame wieder richtig Puls.

Gut, ein paar Wiedererkennungsprobleme gibt’s hie und da. So frei wie da agiert wird, die Handlung stoppt, das Theater aus der Rolle fällt, das Publikum zum Mitakteur gemacht, und über den Brexit und sonstige Katastrophen palavert wird. Ist das noch Léhar? Oder hat das Theater endlich die Wirklichkeit eingeholt – und Boris Johnson wird, was er ja fraglos ist, eine Operettenfigur?

Der cleverste Streich jedenfalls von Regisseur und Dramaturgin: Njegus, eigentlich so eine Art Buchhalter in der „pontevedrinischen“ Botschaft zu Paris kurz nach der vorvorigen Jahrhundertwende, vom Handlager zur Hauptfigur zu befördern. Gregor Trakis, quasi vom Schauspiel ins Musiktheater ausgeliehen, ist fürwahr ein König in dieser Rolle. Er, die Nebenfigur, dieser Jedermann unter all den gelackten Baronen, Grafen und sonstigen degenerierten Blaublütern, der ständig zwischen devot und gernegroß pendelt, treibt und steuert eigentlich die Chose. Er schiebt den depperten Herrn Gesandten Baron Zeta (köstlich einfältig: Markus Jaursch) auf Position, macht per Fingerschnipp die Szenen mal klein, mal groß. Und landet Lacher ohne Ende. Wenn er etwa mit Baron Zeta beisammen hockt wie Loriots Dr. Klöpner und Herr Müller-Lüdenscheid in ihrem legendären Badewannen-Streit.

Regisseur Aron Stiehl trägt aber gerne noch dicker auf, lässt Valencienne (Marie Smolka) mit Unschulds-Sopran trällern: „Ich bin eine ehrbare Frau“. Dabei straft sie schon ihr sexy Vibrato Lügen. Und: Kaum Treue geheuchelt, landet sie mit Herrn von Rosillon (Sung Min Song) im erotischen Infight auf dem Beckenboden. Aus frivolen Spitzen, die vielleicht im Uraufführungsjahr 1905 Errötungspotenzial hatten, macht die Regie jetzt Fakten. Doch Stiehl setzt auch kleine, feine Stiche. Wenn Baron Zeta etwa mal wieder beim Stichwort „Staat“ der rechte Arm hochschnellen will zum jedenfalls nicht pontevedrinischen Gruß. Könnte einem „seltsam“ vorkommen. Jawohl! „Die lustige Witwe“ war auch Hitlers Lieblingsoperette. En passant hakt Stiehl mit diesem szenischen Zitat aus Kubricks Film souverän auch noch die ganze Rezeptionsdebatte zur „Witwe“ ab. Klasse! Die Bühne von Nicola Reichert ist allerdings kein gar so großer Wurf. Ein bisschen Gustav-Klimt-Nachfahren-Dekor, ein bisschen Babylon-Berlin: Vor goldsatter Kulisse und in Roben der Forty-, Fifty- oder Sixty-Somethings (Kostüme. Franziska Jacobsen) bekommt diese Witwe aber so doch etwas wahrhaft Zeitloses.

Fast wie bei Loriot: Baron Zeta (Markus Jaursch,l.) und Njegus (Gregor Trakis).|. Foto: Saarländisches Staatstheater/martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold

Klar, all das wäre nichts, käme die Musik nicht zu ihrem Recht. Léhars genial-zuckrigen Melodien, seine Walzerlust, die sich schließlich für einen k.u.k.-Kompositeur auch so gehört, der noch dazu in des Kaisers liebster Sommerresidenz Bad Ischl seine letzte Ruhe fand, aber auch die ungarische Würze seiner Herzensheimat, das ist schon ein Schatz, den es zu heben gilt. Yoel Gamzou greift da konsequent im Graben mit großer Pranke zur ganz großen Palette, macht Tempo, lässt in Klangfarben schwelgen, paart Sentiment mit Feuer. Großartig.

Valda Wilson schwebt in einem Geldscheinregen als rasch und reich verwitwete Hanna Glawari von oben auf die Bühne ein. Was für ein Auftritt! Eine Frau mit Klasse, umgockelt von allem, was halbwegs als Mann durchgeht. Und diese Hähnchen dirigiert sie mit ihrem betörenden Sopran mal rechts, mal links herum. Doch auch sie würde gerne ja mal richtig lieben. Ausgerechnet diesen Graf Danilo, der sich ständig im Maxim vergnügt. Singt sie ihn an, dann legt Wilson reines Gefühl in den Klang, selbst wenn sie am Premierenabend den ein oder anderen Spitzenton mit etwas zu viel Leidenschaft erkämpft.

Stefan Röttig ist kein Danilo, der mit dem weißem Seidenschal justament aus dem Maxim kommt. Röttig gibt diesem Homme à femmes auch eine Traurigkeit, die dem chronischen Schwerenöter durchaus gut tut. Das macht ihn vielschichtiger: mehr Mensch, nicht bloß Operettenfigur. Und so passt es auch, dass Röttig ihn nicht mit strahlendstem Bariton singt. Stimmlich aber heißt der Mann des Abend klar Sung Min Song. Was für ein leuchtender Tenor – mit Kraft, Volumen und einer solchen Leichtigkeit in der Höhe. Kein Wunder, dass Valencienne ihm ständig an den Lippen (und sonstwo) klebt.

Kurz und Schluss: Wann je hat eine Operette so viel Spaß in Saarbrücken gemacht? Lange her. Und, das muss man auch noch sagen: Den ganzen Abend lang kam einem nicht einmal Johannes Heesters in den Sinn. Das ist doch was. Darauf ein Gläschen Champagner: Witwe Klicko, klar.

Weitere Vorstellungen: 9. und 22. November. Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.

Mehr von Saarbrücker Zeitung