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Saarländische Mundart-Vereinigung „Bosener Gruppe“ um Mosel- und Rheinfranken feiert 20. Jahrestag

20 Jahre Mundart-Vereinigung : Wie man den Identitätsanker des Saarlandes hütet

18 Moselfranken, 22 Rheinfranken und ein Fast-Alemanne: Seit 20 Jahren will die „Bosener Gruppe“ anspruchsvolle Literatur und Mundart verbinden.

Die Wertschätzung von Mundart ist eine Frage des Selbstbewussteins einer Region. Und die Pflege von Mundartliteratur eine Aufgabe, die „Stetigkeit und Beharrlichkeit“ erfordert. Dass ihr Ansehen außerdem in Wellenbewegungen schwankt und Mundart-Wettbewerbe dabei als positive Katalysatoren wirken, ja einen beträchtlichen Anreiz darstellen, von all dem können Karin Klee (58) und Peter Eckert (74) erzählen. Die beiden sind seit 2005 Sprecher der „Bosener Gruppe“: vor 20 Jahren gegründet, ist sie die größte Vereinigung von MundartautorInnen in der rhein-/moselfränkischen Region. Während die Pfalz, erzählt Eckert, Mundartliteratur bereits seit 1953 mit dem Bockenheimer Mundartdichterwettstreit gefördert habe, sei die Saar erst 1979 nachgefolgt: Bis 1998 veranstalteten die Saar Bank (heute: Bank 1 Saar) und SR3-Saarlandwelle jährlich den Saarländischen Mundartwettbewerb, zuletzt als „Goldener Schnawwel“ bekannt. Dieser Wettbewerb, der auch Eckert und Klee zur Mundartliteratur brachte (Nachfolger ist der seit 2007 von SR3, der Stadt Völklingen und dem Landkreis St. Wendel im Zwei-Jahres-Rhythmus veranstaltete Saarländische Mundartpreis), habe „einen Schub ausgelöst für zehn Jahre und eine neue Generation in Mundart Schreibender in die Öffentlichkeit geführt“. Doch wie kam‘s zur Gründung der Bosener Gruppe, und warum ausgerechnet Bosen?

Geburtshelfer war das vom Landkreis St. Wendel und von SR3 Saarlandwelle 1993 erstmals ausgerichtete Mundartsymposion in der Bosener Mühle, das mit Teilnehmern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum „den Blick geweitet“ habe, erzählt Eckert. Nach einem „rein innersaarländischen Symposion“ gründeten er selbst, der mittlerweile verstorbene Heinrich Kraus, Georg Fox, Gisela Bell, Peter Eckert, Relinde Niederländer sowie der illustre Johannes Kühn (laut Eckert heute noch eins der regsten Mitglieder) die „Bosener Gruppe“: kein Verein, sondern eine auf konstruktive Zusammenarbeit setzende, zwanglose Vereinigung ohne Vorstand und Mitgliedsbeiträge. Die Grundsätze wurden im sogenannten „Bosener Manifest“ formuliert und von den Initiatoren am 26. November 2000 unterzeichnet. Zu den Zielen gehören die Pflege und Förderung von Mundart als „wichtigem Identitätsanker des Landes“, die Verdeutlichung von Bezügen und Besonderheiten rheinfränkischer und moselfränkischer Mundart und die Darstellung regionaler Dialekte in „ihrer herausragenden Wertigkeit und Schönheit“. Um, in diesem Sinne, Mundart „als Möglichkeit einer anspruchsvollen literarischen Gestaltungsform“ zu präsentieren, neue regionalsprachliche Strömungen zu diskutieren und „nachwachsende Mundartgenerationen zu ermutigen“. Letzteres ist schwierig.

Denn auch wenn die Gruppe offen für Neues ist, gebricht es der Mundartliteratur zwangsläufig an Nachwuchs. Weil deren Pflege möglicherweise eine Sache „von Alter und Muße“ sei, meint Klee. Vor allem aber, weil der Dialekt im Privaten und in der Schule zunehmend vom Hochdeutschen verdrängt werde, erklärt Eckert. Er betont den Anspruch der Gruppe, sich von volkstümlicher Brauchtumspflege und derber Komik abzuheben. Es gehe darum, mundartliterarisch „alle Facetten menschlichen Lebens und der umgebenden Wirklichkeit, also auch Ernstes und Todernstes“, abzubilden.

Denn auch wenn Mundartliteraten in erster Linie gern als Heimatdichter wahrgenommen würden: „Literarisches Schreiben, gleich in welcher Sprache, ist nicht ortsgebunden“, sagt Eckert. „Und da wir es längst verlernt hatten, nur im eigenen Saft zu schmoren, wollten wir weder unter uns bleiben noch uns auf das Saarland beschränken: Wir wollten eine Vereinigung von Mundartschreibenden aus den beiden großen Sprachregionen sein, an denen das Saarland Anteil hat.“ Das Einzugsgebiet reicht also über Rheinland-Pfalz und das Département Moselle, Luxemburg und Elsass bis nach Nordbaden, Hessen und ins Bayrisch-Fränkische bei Aschaffenburg. Nach aktuellem Stand hat die Bosener Gruppe 41 Mitglieder: 20 Saarländer, 14 Rheinland-Pfälzer, fünf Lothringer und je ein Mitglied aus dem Elsass und Baden. Oder, wie Eckert es formuliert: „18 Moselfranken, 22 Rheinfranken und einen Fast-Alemannen.“ Darunter auch sieben Liedermacher.

Zwei Mal jährlich findet eine Mitgliederversammlung statt, „Schaffschischd“ genannt, zu der die Mitglieder aus bis zu 170 Kilometer Entfernung anreisen, um auf sechs Monate im Voraus die „Texte des Monats“ (die nicht notwendigerweise von Mitgliedern stammen müssen) zu bestimmen. Diese Beiträge und die jeweiligen Besprechungen durch ein Gruppenmitglied werden in verschiedenen Printmedien und auf SR3 vorgestellt und dauerhaft auf der eigenen Homepage veröffentlicht, so dass hier ein repräsentativer Querschnitt des regionalen mundartliterarischen Schaffens abrufbar ist. Jeden Samstag wird außerdem ein Mundart-Beitrag im Regionalteil der SZ abgedruckt. Als besondere Auftritte in der Öffentlichkeit nennen Klee und Eckert Lesungen in der saarländischen Landesvertretung in Berlin; ein Großprojekt unter Federführung von Georg Fox und Karin Klee war 2008 die Doppel-CD „Sprachfarben“, auf der über vierzig Schreibende und Liedermacher der Region, auch gruppenexterne, zu hören sind. Um stete Präsenz in der Öffentlichkeit müht sich insbesondere Georg Fox, indem er seit 2019 Video-Mitschnitte von Lesungen von Gruppenmitgliedern auf YouTube veröffentlicht.

Fazit? „Zwanzig Jahre Bosener Gruppe, das heißt: Sie ist den Kinderschuhen entwachsen“, sagt Eckert. „Das soll nicht heißen, dass uns die Phantasie verloren geht. Wir sind guten Mutes, dass uns noch einiges einfallen wird.“ Beispielsweise sei ein gemeinsames Buch angedacht. Wer in der Bosener Gruppe mitmischen möchte, kann übrigens nicht einfach so beitreten: „Neue Mitglieder werden berufen“, sagt Klee; „selbstverständlich mit der Freiheit, nein zu sagen.“ Eckert: „Die Mitgliedschaft ist ein Gütesiegel. Möge es eines bleiben!“

Texte und Hörstücke sowie weitere Informationen unter www.bosenergruppe.saar.de