Saarbrücker Veranstaltungsreihe „Maschinenräume“

Veranstaltungsreihe „Maschinenräume“ : „Was damals die Hütte war, ist heute Google“

Die Saarbrücker Veranstaltungsreihe „Maschinenräume“ blickt auf die Saar-Geschichte und in die Zukunft. Am Donnerstag (16.5.) ist der Auftakt – auf der Saar.

Ein zweites Maschinenzeitalter hatten Philosophen wie Ökonomen schon vor einigen Jahren ausgerufen. Insoweit ist der Ansatz des Saarbrücker Projekts „Maschinenräume: Technologie, Selbstbestimmung und Ordnungssehnsucht 2020/1920“, auch wenn dieses nicht Mitte des 18. Jahrhunderts bei der Dampfmaschine ansetzt, sondern vielmehr mit der zweiten industriellen Revolution, nicht eben neu. Dennoch begreift man, je länger man mit Soenke Zehle redet, was der große Bogen des Projekts sein soll, das er als Geschäftsführer des Saarbrücker K8-Instituts für strategische Ästhetik gemeinsam mit dem Historischen Museum Saar anstößt.

Je weiter Zehle in die 20er Jahre des vergangenenen Jahrhunderts ausholt, desto nachdrücklicher landet man zuletzt wieder in der eigenen Gegenwart. Auch weicht dabei ein Stück weit die Skepsis, dass die Saarbrücker „Maschinenräume“ das durchindustrialisierte Maschinenzeitalter des frühen 20. Jahrhunderts womöglich allzu akademisch (und plakativ im immer gut ankommenden Jahrhunderttakt) kurzschließen wollen mit dem durchdigitalisierten Algorithmuszeitalter des frühen 21. Jahrhunderts. Zehle beteuert jedenfalls, dass man es nicht bei Vordergründigkeiten belassen will. Vielmehr soll das eigene regionalhistorische Erbe für die Bewältigung essentieller Zukunftsaufgaben wie etwa der Rückgewinnung unserer Autonomie und Entscheidungsgewalt über unsere Daten nutzbar gemacht werden. Unser industriekulturell vermeintlich geschulter Blick auf die 20er Jahre an der Saar – und damit in ein pulsierendes Kohle- und Stahlrevier unter Völkerbundverwaltung, das zugleich gehörig unter französischem Einfluss stand und durchaus etwas von einer „Metropole des Westens“ hatte – soll dabei nochmal über historische Bande gespielt werden. Auf dass wir unsere eigene, ungleich technisiertere Zeit womöglich besser verstehen. Klingt ein bisschen nach Telekolleg für Geschichtsvergessene.

„Was damals die Hütte war, ist heute Google“, meint hingegen Soenke Zehle und schlägt im Handumdrehen eine Schneise durch ein Jahrhundert: Was früher als verheißungsvolles Technik-Equipment etwa für Hinz und Kunz der Radioempfänger, Kinoprojektor oder der elektrische Toaster gewesen sei, das seien heute selbstfahrende Autos, Haushaltsroboter oder Handy-Applikationen für den reibungslosen (und ebenso reibungslos überwachten) E-Commerce. Wie weit die Parallelen zwischen Damals und Heute reichen und vor welche Herausforderungen uns die durchdigitalisierte Gesellschaft von heute stellt, das soll unter anderem in einer Reihe von „Maschinenräume-Salons“ ausgelotet werden, deren erster Ende Mai unter dem Titel „Open Organisation: The Power of Communities“ im Saarbrücker Pingussonbau angesetzt ist. Dass der gewaltige Jahrhundertbogen des ambitionierten Projekts sich als Rohrkrepierer erweisen könnte, glaubt Zehle nicht. Das Digitalisierungszeitalter sei bislang immer nur bis in seine Anfänge in den 90ern durchdekliniert worden. Der Jahrhundertblick – konkret 1920/2020 – biete hingegen die Möglichkeit, mittels Analogien und Selbstvergewisserung damalige, auf ähnliche Weise einschneidende Erfahrungen mit einem umfassenden technischen Wandel wieder auf unsere Zeit zurückzuprojizieren.

Der Kulturbeauftragten der Bundesregierung Monika Grütters (CDU) ist das Saarbrücker Projekt „Maschinenräume“ immerhin eine Förderung in Höhe von 150 000 Euro wert, wobei die Landesregierung nochmal gut 20 000 drauflegt und noch diverse weitere Sponsoren mit an Bord sind (darunter pikanterweise auch Google). Dass man mit „Maschinenräume“ nicht unbedingt das breite Publikum ansprechen wird, ist Zehle auch klar. Einige „Projekt“-Bausteine dürften doch eher dezidiert technik­affinen Peergroups vorbehalten sein – darunter eine geplante Konferenz zum Thema „digitale Kulturerbe-Strategien“ oder ein mit dem Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) initiierter Workshop für Software-Entwickler (30.5. bis 2.6. im Pingussonbau), bei dem es maßgeblich um frei lizenzierte Software zur grafischen Gestaltung gehen wird.

Umso breitentauglicher dürfte dafür das eigentliche Herzstück der multiplen Saarbrücker „Maschinenräume“-Unternehmung ausfallen – eine für Oktober im Historischen Museum geplante Sonderausstellung zu den 20er Jahren an der Saar. Die Twenties seien bis heute dazu verdammt, gebetsmühlenhaft vorwiegend als Vorgeschichte der NS-Zeit abgehandelt zu werden, sagt K8-Stratege Soenke Zehle. In Wahrheit umfasse diese Dekade jedoch weit, weit mehr. In der Tat. Das weiß auch Museumsleiter Simon Mazerath und will für die große Sonderausstellung tief im Mentalitätshaushalt der damaligen Zeit schürfen, um deren Lebensgefühl wieder ans Licht zu holen. Und es ganz wörtlich genommen neu ablichten – weshalb das K8-Institut zusammen mit dem Historischen Museum Saar, dem DFKI, dem saarländischen Museumsverband und der „Saarbrücker Zeitung“ ein digitales Bild-Archiv aufbauen will. Wer noch Fotos aus der saarländischen Völkerbundzeit hat, kann diese K8 zur Verfügung stellen: Die Bildrechte fallen an K8, im Gegenzug bekommen Privatpersonen ihre gehüteten Bildschätze in digitalisierter Form.

Mazeraths im Oktober anstehende 20er-Jahre-Ausstellung war die Initialzündung zu dem gesamten „Maschinenräume“-Projekt. Ursprünglich hatte der Saarbrücker Museumsmann bei Zehle und dem K8-Institut nur nachgefragt, wie die üppige Berliner Förderkulisse für die Ende 2018 im Pingussonbau gezeigte „Resonanzen“-Ausstellung über die „Franzosenzeit“ an der Saar in den 50ern zustandegekommen war. So kamen Zehle und Mazerath ins Gespräch. Am Ende schrieb Zehle den neuen Förderantrag, der in Berlin auf offene Ohren stieß. Damit schließt sich der Kreis: Der Jahrhundertspagat 1920/2020 mag ehedem insoweit zwar auch finanziellen Förderverrenkungen geschuldet gewesen sein. Unterm Strich aber verspricht er nun nicht nur  reichlich Stoff für Industrieerbe-Diskussionen, sondern auch überfälligen Gesprächsstoff für eine Standortbestimmung über unsere unrühmliche gläserne Existenz heute. Letzteres dabei „aus der Warte einer neo-industriellen Gegenwart autonomer Systeme und künstlicher Intelligenzen“, wie es in einem von Soenke Zehles Handouts heißt.

Auftaktveranstaltung am Donnerstag (16.5.) um 17 Uhr auf dem Theaterschiff Maria-Helena (Anlegestelle Saarufer/Alte Brücke).
Wenn Sie Bilder für K8 haben, können Sie sich unter Tel. (06 81) 84 49 20 69 melden. Oder Mail an info@k8.design.

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