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Saarbrücker Theater Überzwerg zeigt Premiere „Shut up!“

Premiere „Shut up!“ im Theater Überzwerg : Freunde gegen den Rest der Welt

Seit langem die erste Überzwerg-Premiere mit Publikum: Im Saarbrücker Jugendtheater war das Stück „Shut up!“ zu sehen – mit Stärken und Schwächen.

Sollte man diesem Kindertheaterstück vielleicht eine Triggerwarnung für Lehrer, Eltern und Schulpsychologen voranstellen? Denn schließlich kommen sie alle in „Shut up!“, dem preisgekrönten Werk zweier Belgier, das das Theater Überzwerg am Samstag als Premiere erstmals mit Publikum (17 handverlesene Gäste, darunter zwei, drei Kinder) vorstellen konnte, nicht gut weg. Jan Sobrie und Raven Ruëll, so scheint es, erzählen ihre Geschichte radikal aus der Perspektive von Kindern und für Kinder (Jugendliche eingeschlossen); da können sich die „Großen“ durchaus schon mal ungerecht beschrieben fühlen.

Im Mittelpunkt stehen drei Siebtklässler, also 13-Jährige, die als beeinträchtigt gelten und damit von ihrer Umwelt als „Problemkinder“ angesehen werden. Damien weiß gar nicht wohin vor lauter überschüssiger Energie und Fantasie. Sabine Merziger gibt ihn kongenial, zappelig bis in die wunderbaren Gesichtsverrenkungen und super sympathisch. Doch Mutter und Ärzte, erfährt man, geben ihm Ritalin. Ob das vielleicht sogar der Grund ist, dass er bisweilen in die Hose macht? Becky wiederum erfährt eines Tages von der Schulärztin, sie sei wohl „lernbehindert“. Was man ihr, als sie den Neuzugang der Klasse mit großer Warmherzigkeit in ihre Freundschaft mit Damien einschließt, als Zuschauer natürlich nicht anmerkt. Der Neue namens François, was man nur aus dem Programm erfährt, soll autistische Züge haben. Nicolas Bertholet gibt ihn anfangs etwas verstockt, wortkarg. Die innige Freundschaft, die sich bildet und auf die das Stück ein Loblied singt, lässt ihn richtig aufblühen zu einem Mathe-Ass mit tollen PR-Ideen.

Was Ruëll (Jahrgang 1978) und Sobrie (Jahrgang 1979) mit ihrem Stück, das viele humorvolle Momente enthält, wohl vermitteln wollen: Glaubt es nicht unbedingt, wenn jemand anders ist und wenn Erwachsene sagen, er/sie sei nicht normal, behindert. Gastregisseur Matthias Mühlschlegel hat mit seinem Team „Shut up!“ sehr modern inszeniert. Das betrifft nicht nur seine flotte Musik (zusammen mit Andreas Braun) und das patente Bühnenbild (Jasmin Kaege, auch Kostüme), das aus einer händisch drehbaren besprüht-beklebten Schulhofwand mit Durchbrüchen besteht. Mühlschlegel arbeitet sehr originell mit filmischen Elementen: Er lässt die Figuren in Zeitlupe spielen oder einfrieren und auch Erlebnisse ins Smartphone sprechen, was dann als Echtzeit-Videoprojektion an der Schulwand gedoppelt wird.

Was aber in Ruëlls und Sobries Stück – zumindest für deutsche Verhältnisse – sehr altertümlich wirkt, ist das System Schule. Von Inklusion, Förderlehrern, Integrationshelfern hat man hier scheint‘s noch nie gehört. Lehrer oder Rektoren tauchen in „Shut up!“ nur als verzerrte Stimme aus dem Schullautsprecher auf, um die Kinder zur Schulärztin (nicht -psychologin) zu rufen. Hört man, wie sehr sich derzeit fast alle Kinder zurück zum Präsenzunterricht sehnen, wirkt das kurios.

Auch die Eltern der Figuren werden hier als völlig verständnislos dargestellt. Kunst darf selbstverständlich überspitzen. Also hingehen zu „Shut up!“, so lange es möglich ist, und ansehen. Hinterher gibt es dann um so mehr Diskussion.

Weitere Vorstellungen sind geplant für 24./25. April, 1./2. und 14./15. Mai.
Informationen, auch zu den Hygiene-
regeln, unter www.ueberzwerg.de