Saarbrücker Theater startet mit einem Figaro voller Witz in neue Saison

Kostenpflichtiger Inhalt: Saisonstart am Saarbrücker Theater : Karussell der Leidenschaften

Dieser Saarbrücker „Figaro“ geht ans Herz und an die Wäsche. Klug inszeniert und verlockend gesungen liefern diese drei Stunden Oper jede Minute gute Gründe, der großen Verführung Theater zu erliegen.

Halten wir erstmal kurz inne. Und zeigen Ehrfurcht: Am 1. Mai 1786 erblickte „Le nozze di Figaro“ das Licht der Theaterwelt. Wobei die Wiener Uraufführung eher kühl ausfiel; dem versammelten Adel im Hoftheater behagte wohl nicht, dass da ein Diener auf offener Bühne wider seine Herrschaft aufmuckte. Dem „Figaro“ aber waren die indignierten Blaublüter egal. Denn seitdem spielte man Mozarts hochamouröses Opus zig hunderttausende Mal, dachte es immer wieder anders, schuf es mit jedem Abend quasi neu.

Doch was muss das für ein genialischer Coup sein, der seit 233 Jahren so durchweg fasziniert? Eine Zaubermusik muss das sein, eine, die zum Beispiel zum Tanzen verführt. Wie auch den Generalmusikdirektor des Staatsorchesters. Wer das Privileg hatte, am Sonntag nah genug am Orchestergraben zu sitzen, konnte Sébastien Rouland den gesamten Premierenabend tanzen sehen. Ein Dirigent eins mit der Musik. Beschwingt, beseelt von Mozarts Komponierkunst, und Roulands Glück war offenbar ansteckend, bei dem, was da aus dem Graben drang. Ein höchst finessenreicher Ton, leicht, transparent und doch mit Tiefe und kostbar oft, wenn etwa die famose Valda Wilson als Gräfin Almaviva der verlorenen und, so scheint es, unwiederbringlichen Liebe zu ihrem Gatten nachtrauert. Weil der jedem fremden Rock hinterherhechelt und sein eigentliches Glück vergisst. Da bettet Rouland Wilsons edlen Sopran wunderbar sanft, setzt aufmerksam kleinste dramaturgische Pausen, fasst diese innige Arie „Dove sono i bei momenti...“ einer Perle gleich in Klanggold.

Doch das ist ja bloß ein Moment. Mozart aber konnte dieses beglückende Spiel ja fast ins Unermessliche potenzieren, köstliche Duette, Terzette, Septette aufs Notenpapier werfen. Die dafür aber so elementare Durchhörbarkeit zu sichern, zu ordnen und dabei doch so viel Gefühl wie möglich zuzulassen, macht die hohe Dirigentenkunst aus, die Rouland hier vorführt.

Was ihm solches leicht macht, ist gewiss sein Orchester. Die Musikerinnen und Musiker spielen tatsächlich auf der Stuhlkante. Aber auch das Sänger-Ensemble beeindruckt in seiner Ausgewogenheit. Gewiss, nicht jede Stimme ist erste Wahl für die jeweilige Partie, aber sie harmonieren. Und dazu vitalisiert die Regie so charmant-klug wie unaufdringlich da Pontes Libretto. Schon zur Ouvertüre punktet Eva-Maria Höckmayr mit ihrem Inszenierungsteam (Bühne: Volke Thiele, Kostüme: Julia Rösler). Die mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten rotierenden Drehbühnenscheiben arrangieren immer wieder neue Paare. Die Zimmerwände verschieben sich, und das Karussell der Leidenschaften führt wieder ganz andere Menschen zusammen. Graf und Gräfin, Figaro und Susanna: ja klar, aber es könnten eben auch der dauerhormongepuschte Page Cherubino (mit kessem Spiel und Mezzo, zudem hinreißend burschikos Carmen Seibel) und die Gräfin sein… Den Trieben machen hier sogar die Zimmerwände Platz. Und die Liebe kennt erst Recht keine Grenzen, keine Standesschranken.

Höckmayr allerdings zeigt wenig Interesse an einem Klassenkampf-„Figaro“. Anno 2019 ist das vielleicht auch nicht das Aktuellste, was man aus dem „Figaro“ herauslesen mag. Die Frontlinie verläuft in #MeToo-Zeiten eher zwischen den Geschlechtern. Es geht um Sex, um Macht, um Herrschaft: Wer bestimmt, wie’s läuft?

Kein Wunder, dass es in diesem „Figaro“ dann auch so oft an die Wäsche geht. Konsequenterweise zeigt sich das halbe Ensemble meist leicht bekleidet, manchmal auch in einem Hauch von Rokoko. Die Damen dabei meist verführerisch, die Herren eher lächerlich wie der schmierige Graf Almaviva in Morgenrock und Strumpfhaltern. Dass Salomón Zulic del Canto trotzdem nach Anfangsmühen mit männlichem Furor dagegen ansingt, macht es bloß noch komischer. Auch sein Diener Figaro wirkt aber in Boxershorts nicht immer ganz wie der Herr der Lage, auch wenn Markus Jaursch stets mit feinen Bass überzeugt. Keiner aber trägt die Shorts zu weißen Seidenstrümpfen mit solcher Grandezza wie Tenor Algirdas Drevinkas (Basilio/Curzio), das komische Epizentrum der Produktion, der auch stimmlich souverän die Schattierungen seiner Partien auslotet.

Mag sein, dass Frauen in dieser Oper betrogen werden, sie wie Opfer aussehen könnten, aber Höckmayr macht sie, die Frauen, zu denen, die wirklich bestimmen, wo es langgeht. Zum Ende hin wird das auch optisch glasklar: Die Frauen finden sich in der Bühnenmitte zusammen. Um die dreht sich alles. Mit der grandiosen Marie Smolka als Susanna im Zentrum: gewitzt und mit einem Sopran, der nur so durch die Noten fegt, agil und doch klangschön. So tricksen, verführen, betören diese Damen – und lassen die Männer wie Marionetten springen. Allenfalls Figaro wird mal als Komplize gebraucht, wenn es gegen den Grafen geht. Aber selbst Figaro wird in seiner grundlosen Eifersucht auf Susanna kräftig vorgeführt. Zum Glück aber sind die Frauen am Ende gnädig - und versuchen es nochmal mit den Männern. Manchmal ist die Oper ja doch wie das wahre Leben.

Tückischer Schleier: Almaviva (Salomón Zulic del Canto) verwechselt beim Schäferstündchen Susanna mit seiner Frau (Valda Wilson). Foto: Saarländisches Staatstheater/martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold

Weitere Vorstellungen: 11., 15. und 21. September. Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.

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