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Saarbrücker Sparte 4 zeigt Medeinsatire "1 Yottabyte Leben".

Neues in der Sparte4 in Saarbrücken : Pubertäre Lebenshilfe per Youtube

Die Mediensatire „1 Yottabyte Leben“ wurde in der Sparte4 uraufgeführt. HBK-Studierende steuern die Videos bei.

Eine Rokoko-Ballerina dreht sich als Schattenriss hinterm Vorhang. Urplötzlich lugt sie durch einen Spalt und landet als flippiges Girlie im Hier und Jetzt. Gestatten: Glamsquad Angel, 16-jährige Bloggerin und Influencerin, die mit Youtube-Videos pubertäre Lebenshilfe leistet.

Schon auf den ersten Metern reißt Regisseur Matthias Mühlschlegel mit diesem Zeit- und Identitätssprung einen ganzen tragikomischen Themenkomplex auf: Willkommen in der grenzenlosen Welt des Internets, in der nonstop Präsenz produziert und allgegenwärtig um Aufmerksamkeit gebuhlt wird.

Was und wer sind wir ohne Likes? Glamsquad (Sithembile Menck) ist die zentrale Reflexions-Figur in Olivia Wenzels greller Gesellschafts- und Mediensatire „1 Yottabyte Leben“, die am Freitag in Sparte4 uraufgeführt wurde. Für diese Kooperation mit der Hochschule der Bildenden Künste (HBK) Saar haben sechs HBK-Studenten unter Leitung von Grigory Shklyar die Videos beigesteuert: Den Bühnen-Hintergrund flutet ein Datenstrom aus Projektionen, Social Media-Pinnwänden und Live-Cam-Aktionen. Letztere sind ein logistischer Nebenjob für die vier Schauspieler: Neben Menck rotieren in Mehrfachrollen Barbara Krozska, Sébastien Jacobi und Thorsten Rodenberg, und das hübsch überspannt und mit auf Anschlag geschraubtem Tempo.

Die ständigen Identitätswechsel sind, eben wegen der suggerierten Simultanität, mindestens so schwer zu durchschauen wie die verschiedenen Zeit-, Orts- und Handlungsebenen. Sofern man von Handlung überhaupt sprechen kann: Vielmehr sehen wir einer älter gewordenen Glamsquad in einer nicht näher definierten nahen Zukunft dabei zu, wie sie mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit und den Dämonen der Gegenwart ringt. Einsam verschanzt in ihrem Hotelzimmer, wohin sie sich wegen eines Amokläufers geflüchtet hat, tummelt sie sich auf der Suche nach dem Wahren und Wesentlichen auf verschiedenen Plattformen, in diversen Chatrooms und Dating-Apps. Ihre früheren Posts haben sich verselbständigt, die Kommentarfunktion ist außer Kontrolle. Glamsquad wird konfrontiert mit Selbstentblößung, reflexhafter Hysterie, oberflächlicher Sensationsheischerei und rechter Hetze („Hashtag #racialprofiling“) – zunehmend reagiert sie ernüchtert und verzweifelt.

Zum beträchtlichen absurden Witz des Textes, zwischen monologisierenden Wortkaskaden und Twitter-tauglich verknappter Formelhaftigkeit, addiert Mühlschlegels flott überdrehte Inszenierung visuell Groteskes: In einer Szene steckt er (Bühnenbild und Kostüme: Rimma Starodubzeva) die Darsteller in adipöse Nacktheit simulierende Fatsuits, in denen sie aussehen wie eine Mischung aus Sexpuppe und Teletubby – deutlicher lässt sich kaum ausdrücken, mit welcher traurigen Infantilität die eigene Haut, auf abwärts kompatible Fuckability optimiert, online oft zu Markt getragen wird. Was zählt, ist der nächste geile Kick.

Aber wie viel echtes Leben hält das Internet aus? Wie viel digitale Anarchie kann dagegen das wahre Leben mit all seinen bürgerlichen Beschränkungen ertragen? Ob ein Dasein „tief unter der Erde, ohne Elektrizität, ohne WLan“, tatsächlich, wie Glamsquad überlegt, die einzige Möglichkeit ist, unbeschadet zu entkommen? Oder ob wir die Verantwortung an die freundliche „Google Translate Lady“ abgeben sollten? Die Antwort überlässt „1 Yottabyte Leben“ dem Zuschauer. Aber die Tatsache, dass im Stück das Amoklaufen zum Volkssport der mit diesen Fragen offenbar überforderten futuristischen Gesellschaft avanciert, verheißt nichts Gutes.

Weitere Termine im Januar am 23. und am 29. Karten gibt es unter
Tel. (06 81) 30 92 486.