Saarbrücker Konzertveranstalter Jörg Mathieu und Indiera Promo

Der Saarbrücker Veranstalter Jörg Mathieu : Ein schöner Ort namens Nische

Große Pläne, kleines Budget: Was der Saarbrücker Veranstalter und Herausgeber Jörg Mathieu (Film-Magazin „35 Millimeter“) so vorhat.

Sicher, es hätte besser laufen können, finanziell. „Es war ein Zuschussgeschäft“, sagt Jörg Mathieu über sein erstes Jahr als Konzertveranstalter.  Gewinne habe er aber auch nicht wirklich erwartet, versichert er; seine Saarbrücker Konzertagentur „Indiera Promo“ ist noch jung,  ihm geht es zuerst darum, den Namen bekannt zu machen „und ein gewisses Image zu schaffen“. Nämlich, dass die Agentur Musiker jenseits des Mainstreams nach Saarbrücken holt, Ambitioniertes, Entdeckungen. Und die möglicherweise hierzulande nahezu  niemand kennt – weswegen das alles noch in kleinem Maßstab stattfindet, was Gagen, Kosten und  Eintrittspreise angeht. Mathieu bringt zum Beispiel seine Nachwuchskünstler, die noch nicht von Star-Behandlung verwöhnt sind, in der Saarbrücker Jugendherberge unter: „24,50 Euro für Übernachtung plus Frühstücksbüffet ist unschlagbar.“ So verschuldet man sich auch nicht gleich hoch, als junger, autodidaktischer  Veranstalter, auch wenn es langsam anläuft.

Die Agentur ist Familiensache: Mathieu (50) und sein Bruder Horst (59) sind Geldgeber und Organisatoren, die Gattinnen kümmern  sich um die Verpflegung der Künstler und machen die Kasse, zwei Mitarbeiter pflegen  die agentureigene Technik: Ton-Anlage, Beamer, Leinwand. Damit im Gepäck kann die Agentur sich passende Standorte  je nach Konzert suchen. Das Garelly-Haus, Blau, Studio 30, Devils Place und das Theaterschiff an der Saar (dort läuft am 19. Oktober ein Festival mit vier Bands) hat Mathieu schon bespielt, vor allem mit Musikern aus der Independent- und der düsteren Elektro-Ecke; zuletzt wurde das Café Pikant in der Eisenbahnstraße, das sich auch als Kulturcafé etablieren will, zu einer regelmäßigen Heimat für Konzerte am Sonntagmorgen. Nach der Sommerpause bespielt Indiera zum ersten Mal die Sparte 4 des  Staatstheaters: Der mexikanische, musikalisch britisch, vom Namen her deutsch klingende Künstler Stockhaussen eröffnet am 21. September die zweite Saison mit düsterer Synthie-Musik.

Indiera ist nicht das einzige Standbein des umtriebigen Mathieu: Seit 2014  bringt er die zweimonatige Filmzeitschrift „35 Millimeter“ heraus, die das klassische Film-Erbe pflegt und bewusst nur das Kino bis 1965 beleuchtet. Also wieder eher Nische denn Breitenkultur. „Aber es trägt sich“, sagt Mathieu, unterstützt dadurch, dass seine Autoren und er ohne Honorar schreiben – aus, so abgedroschen es klingen mag, Liebe zur Sache. Die Zahl von 140 Abonnenten sei ausbaufähig, aber stabil; und neulich sauste ein cineastischer Ritterschlag aufs Magazin nieder – Dominik Graf, einer der wichtigsten Filmemacher des Landes (und ein Ophüls-Ehrengast 2019)  kredenz­te zum Jubiläum ein langes Grußwort und attestierte dem Magazin, man bade beim Lesen „in einem warmen Pool der cineastischen Wollust“.

Stockhaussen, am 21. September in der Sparte 4. Foto: Indiera Promo

Diese Wollust fließt seit einiger Zeit in eine bisher jährliche Veranstaltungsreihe namens „Cinefonie“, in der Mathieu Kino mit Musik verbindet. Beim 1. Cinefonietag 2015 gab es Stummfilme, Livemusik und Vorträge im „Nauwieser 19“; 2016 holte er Victoria Price, die Tochter von Schauspieler  Vincent Price, ins Saarbrücker Filmhaus und zeigte Werke ihres Grusel-Papas. Der 3. Cinefonietag 2017, im Rahmen des Festivals „Colors of Pop“, bot  im Garelly-Haus  Stummfilme plus Begleitung, Lichtkunst von Volker Schütz und elektroniklastige Kurzkonzerte.

Eine der schönsten Veranstaltungen des Festivals war das – doch dann: Sand im Getriebe. Mathieu setzte darauf, mit Ausgabe vier Teil des zweiten „Colors of Pop“  zu sein – aber als das Festival begraben wurde, musste er sich nach einer neuen Heimat umsehen. Die glaubte er in der Stummschen Reithalle in Neunkirchen gefunden zu haben; doch das Klima dort, so sieht es jedenfalls Mathieu, sei gekippt, als klar war, wie sein Programm für den Februar 2018  aussah: tiefrote kommunistische Propagandawerke des Filmpioniers Dziga Vertov (1896-1954). Als die Stadt Neunkirchen laut Mathieu „ihr bereits zugesagtes Engagement zurückzog“, sagte er die Veranstaltung mit Kino und drei Bands ab.

Lillian Gish im Film „The Wind“ aus dem Jahr 1928. Foto: 35 Millimeter

Jetzt führt er die „Cinefonie“-Tage weiter – in kleinerem Rahmen, am jeweils ersten Freitagabend von August bis Dezember im Café Pikant. Zum Auftakt läuft an diesem Freitag der Stummfilm „The Wind“ (1928) des Schweden Victor Sjöström, dazu liest Autor Jens Dehn aus seinem Buch über den Filmemacher, das Mathieu 2016 herausgebracht hat. Live-Musik gibt es am 1. November: Da untermalt der Paderborner Elektronik-Musiker Run: In Silence die beiden halbstündigen Filme „Der Maschinenmensch“ (1921) und „Houdini: The Iron Terror“ (1919) mit einer eigens komponierten Musik. Die weiteren Termine sind Filmvorstellungen in Zusammenarbeit mit der Riegelsberger Heimkino-Firma Pidax, die drei Klassiker aus ihrem Programm zeigt. Einen Publikumsansturm erwartet Mathieu nun nicht, aber wenn diese Cinefonietage (Eintritt: fünf Euro) finanziell bei null herauskommen, ist er zufrieden. Die Konzertagentur sollte schon mal Gewinn machen, die Cinefonie aber ist für ihn „die reine Liebhaberei“.

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