"Saarbrücker Hefte" kritisieren Kramp-Karrenbauer heftig

Jubiläum der „Saarbrücker Hefte“ : Die Saarbrücker Debatten-Beleber

Vor 65 Jahren erschien die erste Ausgabe der „Saarbrücker Hefte“. Die aktuelle Redaktion lädt am Donnerstag zu einer Feier in die Stadtgalerie. Wir haben uns die aktuelle Ausgabe Nr. 120 angeschaut.

  Es ist ein hehres Ziel. „Die kulturelle und politische Debatte im Saarland mit guten Beiträgen beleben“ – das wollen die „Saarbrücker Hefte“, wie es im Vorwort der aktuellen Ausgabe 120 heißt, und tun dies mittlerweile seit 1955. Ehrenamtler schreiben und produzieren das politische, kulturpolitische, kulturelle und gerne streitbare (manchmal polemische) Magazin. Die Zeiten für die „Hefte“, finanziert mit der Unterstützung der Stadt Saarbrücken, Saartoto und privater Spender, waren schon mal ruhiger: Die langjährigen Redakteure Julian Bernstein und Herbert Temmes zogen aus Saarbrücken weg und konnten nicht mehr so intensiv mitarbeiten wie zuvor; aber es gibt auch Neu- oder Wieder-Redakteure  wie Josef Reindl, Iris Schumacher, Laura Weidig und – ab der aktuellen Ausgabe – der Autor und Filmemacher Klaus Gietinger („Wie starb Benno Ohnesorg?“) sowie der Journalist Wilfried Voigt. Der war lange bei der „Frankfurter Rundschau“, berichtete für den „Spiegel“ und brachte 2011 das vielbeachtete Buch „Die Jamaika-Clique – Machtspiele an der Saar“ heraus.

Voigt widmet sich in der Titelgeschichte  Annegret Kramp-Karrenbauers (CDU) politischer Arbeit im Saarland, bevor sie „vom kuscheligen Saarbrücken ins schroffe Berlin“ (Voigt) wechselte. Voigts Fazit, das treue AKK-Fans verschrecken könnte,  fällt schlecht aus.  Bei der Affäre um den Erweiterungsbau des Saarlandmuseums, einem „abschreckenden Beispiel für Inkompetenz, Schlamperei und Korruption“,  habe Kramp-Karrenbauer, damals Kulturministerin und Kuratorin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, „die Summe der Baukosten dreist um fünfeinhalb Millionen Euro nach unten manipuliert und damit die Öffentlichkeit getäuscht“.

Die aktuelle Ausgabe der „Saarbrücker Hefte“. Foto: SBH/Saarbrücker Hefte

Beim Bau der Meeresfischzuchtanlage in Völklingen schreibt Voigt Kramp-Karrenbauer eine „konkrete Mitverantwortung bei der Verschwendung  von rund 20 Millionen Euro Steuergeldern“ zu:  2008 habe die CDU-Landesregierung  mit Kramp-Karrenbauer als Innenministerin das Projekt durch eine Änderung des Kommunalselbstverwaltungsgesetzes (KSVG)  überhaupt erst möglich gemacht – denn zuvor hätte die Kommunalaufsicht im Innenministerium  moniert, dass die Züchtung und  Vermarktung von Meeresfisch gar keine kommunale Aufgabe sei. Doch die Gesetzesänderung habe „die abenteuerliche Investition in Völklingen nachträglich abgesegnet. Ein rechtlich äußerst fragwürdiger Vorgang, beispiellos selbst im affärenreichen Saarland.“ 

Voigt schließt mit einer Kritik an Kramp-Karrenbauers „ressentimentgeladenem Flachwitz“ über das „Dritte Geschlecht“ bei ihrem Faschingsauftritt als Reinemachefrau Gretel (wir berichteten) und mit einem Ausblick auf die Zukunft der Politikerin vor dem Hintergrund sinkender Umfragewerte: „Ade von der Spree?“

Kabarettist Detlev Schönauer. Foto: Robby Lorenz

Von der Spree geht es zurück an die Saar, wenn Klaus Gietinger (jüngster TV-Film „Lenchen Demuth und Karl Marx“) sich des Kabarettisten Detlev Schönauer annimmt. Dessen Klage gegen den Blogger Uwe Caspari, der ihn einen Rassisten nannte, wurde  im Juli 2019 abgewiesen; Schönauer hatte in einem Bühnenprogramm unter anderem seine Figur Jacques eine Muslima in einer Burka mit der Optik eines  Müllsacks verglichen. Gietinger sprach für seinen Text noch einmal mit Caspari und auch mit Schönauers Kollegin Alice Hoffmann, die sich wundert, wie aus einem „christlichen Kabarettisten, einem warmherzigen liebevollen Menschen“ ein „Gutmenschen“-Beschimpfer geworden sei. Schönauer scheint diese Frage nicht gestellt worden zu sein, eine Antwort wäre interessant gewesen. Vielleicht im nächsten „Saarbrücker Heft“? Gietinger sieht Schönauer ganz in der Linie von „Oskar Lafontaine, der ja immer noch als Linker gilt“ – in seinen Augen  zu Unrecht. Lafontaine, Schönauer und Sahra Wagenknecht hätten gemeinsam, so sieht es Gietiger, dass sie den „Internationalismus der Linken gegen den Nationalismus der Rechten austauschen“.

Gietinger, dessen aktuelles Buch „Vollbremsung. Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen“ viel Beachtung findet, hat für die aktuelle „Hefte“-Ausgabe auch mit Werner Ried vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) gesprochen. Der  Eisenbahner kritisiert die Elektrifizierungslücken im saarländischen Bahnnetz und die Landesregierung gleich mit: Die habe den Elektrifizierungsplan vor anderthalb Jahren gestoppt.  Ried sieht große Chancen in der Wiederinbetriebnahme stillgelegter Strecken; das Saarland habe zudem „durch die Montanindustrie ein fantastisch dichtes Eisenbahnnetz“, aber zurzeit fehle bei der Verkehrspolitik eine „klare Strategie und Zielsetzung“. Ried kann es nicht fassen, „dass das Land in der heutigen Zeit des Klimanotstands Eisenbahnstrecken vergammeln lässt“.

Was gibt es sonst noch auf den 108 Seiten? Unter anderem kritische Blicke auf die Gentrifizierung im Saarland, auf den jüngsten Saarbrücker „Marsch für das Leben“ im November 2019 und historische Texte über die Saarabstimmung 1935, darunter eine bisher in Deutschland nicht veröffentliche Reportage des tschechischen Journalisten Franta Kocourek. Die Saarbrücker Kneipenszene als möglicherweise sterbendes Kulturgut wird in einem Text behandelt, es gibt Würdigungen der Malerin Gisela Zimmermann sowie der Schriftsteller Christopher Ecker und Hans Gerhard. Am Donnerstag lädt die Redaktion zu einer öffentlichen Jubiläumsfeier mit Gesprächen ab 18 Uhr in die Saarbrücker Stadtgalerie. Thema soll auch, sagt Redakteurin Sadija Kavgic, die Zukunft der „Hefte“ sein. Deren Macher wollen bald die alten Ausgaben digitalisieren und langfristig lieber viertel- statt halbjährlich erscheinen.     

Heft 120 im Buchhandel (9,90 Euro) und unter www.saarbrücker-hefte.de.