Tipps für einen Besuch Diese Künstler der SaarArt 2023 sollten Sie nicht verpassen

Saarbrücken/Neunkirchen · Tops und Flops und die Debatte darüber gehören zu jeder Gruppenausstellung, wie auch die SaarArt eine ist. Wir verschweigen die Enttäuschungen und stellen lieber fünf Künstler vor, die uns besonders beeindruckt haben.

Karin Magar macht aus Nylonstrümpfen Kunst. Ihre Werke sind im Kulturzentrum am Eurobahnhof (KuBA) zu sehen.

Karin Magar macht aus Nylonstrümpfen Kunst. Ihre Werke sind im Kulturzentrum am Eurobahnhof (KuBA) zu sehen.

Foto: Magar/ SaarArt 2023/Magar/SaarArt 2023

„Lohnt es sich?“ Das ist vermutlich die häufigste Frage, die Menschen hören, wenn sie von einem Besuch an den elf Standorten der SaarArt zurückkommen. Welchen Künstler, welche Künstlerin sollte man nicht verpassen? Wir wollen hier kein Ranking aufmachen, aber durchaus einmal „Fünf aus 60“ vorstellen, deren Werke uns besonders positiv aufgefallen sind.

Karin Magar im Kulturzentrum am Eurobahnhof in Saarbrücken

Die Arbeiten von Karin Magar (geb. 1962 in Blieskastel) sieht man im Kulturzentrum am Eurobahnhof (KuBa). Die Sigurd-Rompza-Meisterschülerin zählt nicht zu den Omnipräsenten der hiesigen Kunstszene, sie stellt nur selten aus. Magars Werk ist in der Konkreten Kunst verhaftet, die man oft mit formaler und farblicher Askese in Verbindung bringt. Weit gefehlt. Magars bersten vor Farbfreude und prunken mit psychedelischer Optik.

 Karin Magar stellt im KuBa in Saarbrücken aus.

Karin Magar stellt im KuBa in Saarbrücken aus.

Foto: Oliver Dietze

Letzteres rührt von ihrer Stofflichkeit her, denn die Künstlerin arbeitet mit Nylonstrümpfen unterschiedlicher Transparenz und Textur. Die Strümpfe werden auf einem Rahme fixiert, danach dehnt, zieht, schichtet die Künstlerin sie, bis es zu ungewöhnlichen Farb- und Form-Überlagerungen kommt. Hier finden Strenge, Einfachheit und Phantasie in einem äußerst vitalen Tanz zusammen.

Johanna Schlegel im Saarländischen Künstlerhaus in Saarbrücken

Johanna Schlegel (geb. 1988) wiederum entführt uns ins Narrative. Ihre Objekt-Installation nimmt einen gesamten Raum im Saarländischen Künstlerhaus ein, sie transportiert eine starke Geschichte, die wir uns wie ein Puzzle-Spiel aus literarischen und wissenschaftlichen Texten, Zeitungsschnipseln, Gemälde und Fotos zusammensetzen sollen. Es sind Dokumente von Schlegels Recherche. Die Künstlerin – zwischen 2016 und 2020 Studentin an der HBK Saar – nimmt uns mit in Archive, zu Zeitzeugen und in unbekannte Landschaften. Die Suchbewegung löste ein Gemälde aus, das Schlegel auf vielen alten Familienfotos entdeckte. Es stammt von Friedrich Karopka-Branntler, der 1922 in Schlesien geboren wurde. Dessen Biografie erforschte Schlegel, reiste selbst nach Schlesien, fand nur Fragmente, und irgendwann stand über all dem der Begriff Vertreibung.

Johanna Schlegel folgt in ihrer Installation „morgen kommen wir nicht wieder“ im Saarländsichen Künstlerhaus den Spuren eines Malers, dessen Bild auf alten Familienfotos auftauchte.

Johanna Schlegel folgt in ihrer Installation „morgen kommen wir nicht wieder“ im Saarländsichen Künstlerhaus den Spuren eines Malers, dessen Bild auf alten Familienfotos auftauchte.

Foto: Künstlerhaus/Bern Nixdorf

Ein Gemälde von Karopka lehnt im Künstlerhaus an der Wand, mit dem Rücken zu uns. Es behält und bewahrt sein Geheimnis. Wie der „Flüchtling“ den die Soziologin Elisabeth Pfeil schon 1948 als „Gestalt eines Jahrhunderts“ erforschte. Im Künstlerhaus lesen wir Texte von ihr – und werden durch Schlegels Gesamt-Komposition sehr, sehr nachdenklich.

Darja Linder in der Städtischen Galerie in Neunkirchen

Man dachte, Darja Linder (geb. 1992) kenne man schon, nach dem Motto: Ein Bild sagt genug. Denn die SaarArt hat Linders schrilles Selbstporträt-Gemälde „Kitsch und Klischee“ (1922) zum Plakatmotiv gemacht. Das selbstbewusste Sexy-Girlie inmitten einer rosaroten Konsum-Welt fräst sich fest im Kopf. Dehalb mutmaßt man, man werde in der Neunkircher Städtischen Galerie, wo Linders Position gezeigt wird, ziemlich schnell fertig sein mit dieser jungen Frechen. Weit gefehlt.

Darja Linder, hier vor ihrem typischen Selbstporträts, zeigt, wie russische und westliche weibliche Rollenbilder aufeinanderprallen.

Darja Linder, hier vor ihrem typischen Selbstporträts, zeigt, wie russische und westliche weibliche Rollenbilder aufeinanderprallen.

Foto: Maria Boewen-Dörr

2012 kam Linder aus Russland nach Deutschland, studierte zunächst Deutsch und Bildende Kunst an der Universität des Saarlandes und dann zwischen 2017 und 2019 Freie Kunst an der HBK Saar. Linder ist Meisterschülerin von Gabriele Langendorf und malt grundsätzlich figürlich-gegenständlich. Ihre Themen: Identität, Sexualität, Rollen-Normen. Ihre Ästhetik ist von Pokémon-Comic-Figuren inspiriert, ihr Stil ist krass, ironisch, provokant: Sei(d) auf der Hut, unterschätz(t) mich nicht! Tatsächlich trägt Drja Linder auf einem dem Bild ein giftgrünes (Tabaluga)-Drachenkostüm. Und wenn bei ihr Kiwis auftauchen, sehen sie aus wie eine Vagina mit Zähnen.

Für Linder typisch ist die irritierende Kombination von folkloristisch-russischen Accessoires – Rosen, Rüschen, Schals – mit westlichen Artikeln: Sonnenbrillen in Herzform, Diddl-Mäuse, Badelatschen. Ein unerwarteter Clash der Kulturen, der in rosaroten Spielzeug-Welten statt findet. Und nein, man wird dieser Szenarien keineswegs schnell überdrüssig.

Klaudia Stoll in der Städtischen Galerie in Neunkirchen

Auch für Klaudia Stoll (geb. 1968) gilt: Man dachte, man kenne sie schon. Zu gut. Die Meisterschülerin der Video- und Performance-Kunst-Pionierin Ulrike Rosenbach, eine Rektorin der HBK Saar, war seit 1997 nahezu bei allen Landeskunstausstellungen vertreten. Zuletzt 2017, damals zeigte sie in der Städtischen Galerie Neunkirchen ihr zeichnerisches Tagebuch – man erinnert sich an ein ebenso leichthändiges wie souveränes Werk. Nun stellt Stoll am selben Ort wieder eine Werkgruppe vor, die auf ihren täglichen Aufzeichnungen beruht. Doch in der Mixed-Media-Arbeit „Ich finde mich heute so fremd in dieser Welt“ (2022) steigert Stoll noch einmal ihre künstlerischen Mittel, greift auf mehreren Wänden weit aus, kombiniert große und kleine Videoscreens, ballt Zeichnungen in einer Petersburger Hängung zusammen.

"Ich finde mich heute so fremd in dieser Welt" (2022) heißt die Mixed-Media-Installation von Klaudia Stoll bei der SaarArt 2023, die in Neunkirchen gezeigt wird.

"Ich finde mich heute so fremd in dieser Welt" (2022) heißt die Mixed-Media-Installation von Klaudia Stoll bei der SaarArt 2023, die in Neunkirchen gezeigt wird.

Foto: Klaudia Stoll

So entsteht eine vielschichtige, ästhetisch bestechende Komposition, die die eigenen Motive vielfach spiegelt und rhythmisiert. Wie immer begegnen wir extrem reduzierten Zeichnungen auf viel weißem Grund: merkwürdigen Kopffüßlern, quallenartigen Zellstrukturen, Schädel-Konturen – Selbstporträts? Stoll lässt bekanntlich ihr Unterbewusstsein sprechen, arbeitet meditativ, schnell und seriell. Und der Betrachter sieht sich hineingesogen in einen intimen, rätselhaften Kosmos. Dass diese Arbeit melancholisch-existentiell grundiert ist, erfährt man aus dem SaarArt-Katalog: Stoll musste 2020 ihre Wahlheimat Berlin verlassen, um im Nordschwarzwald ihre Eltern zu pflegen.

Francois Schwamborn in der Saarbrücker Stadtgalerie

„Pure“ Video-Kunst ohne weitere Mixed-Media-Elemente ist gar nicht so stark vertreten auf der SaarArt. Doch Francois Schwamborn (geb. 1986) liefert in der Saarbrücker Stadtgalerie mit „Cyclone“ (2023) eine äußerst überzeugende Arbeit auf diesem Feld. Schwamborn, an der HBK Saar ausgebildet und dann dort Dozent, ist einer der kreativsten Lichtkünstler der Region, stellte unter anderem das Saarbrücker Fassaden-Projekt „Rotationen“ mit auf die Beine. Für die SaarArt hat Schwamborn Wasserspiegelungen eingefangen und mit einer Klang-Collage glucksend-gurgelnder Geräusche unterlegt.

SaarArt 2023 Tipps: Klaudia Stoll, Francois Schwamborn, Johanna Schlegel,  Darja Linder, Karin Magar
Foto: Iris Maria Maurer

Alle Wasser-Bewegungen wurden extrem verlangsamt, so ist Wasser kaum mehr erkennbar. Man schaut amorphen Strudeln von grau-beiger Farbigkeit zu, dicke Blasen platzen und erzeugen Tropfen, als sei „Jack the Dripper“ (Jackson Pollock) am Werk gewesen, azurblaue Flecken zerbersten wie Leuchtkörper. Wobei Schwamborns Kompositionen nie ihre Transparenz und Fluidität verlieren, wie entstofflicht wirken. Das hat einen hohen ästhetischen Reiz. Zudem laufen die drei Videos in Endlos-Schleife, das Fließen und Fluten, das Wachsen und Absterben, kurz, die permanente Transformation der Formen und Farben, erzeugen eine tranceartige Wahrnehmungs-Situation. Schwamborn ist fraglos ein Meister optischer Illusionen. Man fühlt sich entrückt, entschleunigt – so geht Kunst-Genuss.

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