Saar-Zeichner Bernd Kissel neuer Band über einen kuriosen Freistaat

Neuer Comic : Aus dem Flaschenhals der Geschichte

Endlich ein neuer Kissel: Der Beruser Zeichner überrascht mit einem Comic über den historischen Kleinststaat „Flaschenhals“.

Was der Geschichte manchmal so einfällt: Man würde es keinem Dichter abkaufen. Januar 1919 war’s. Die Waffen schwiegen endlich, nach all dem Schlachten des Weltkriegs, als sich rund 17 000 Menschen in einem schmalen Streifen rechts des Rheins in Lorch, Kaub, Welterod und noch einer Handvoll Orte mehr plötzlich in einem Freistaat wiederfanden, für den niemand mehr zuständig sein wollte. Weder die Franzosen und Amerikaner, die nach dem Sieg über das Deutsche Heer das Rheinland besetzten, noch das geschlagene Deutsche Reich. Ein Gebiet, grob gesagt zwischen Rüdesheim und St. Goarshausen, das durch willkürliche Zirkelstriche auf Generalkarten entstand – und das eben ein bisschen wie ein Flaschenhals aussieht. „Nicht zu fassen, dass es darüber noch keinen Roman oder Film gibt“, wundert sich Bernd Kissel. Wobei das exakt sein Glücksfall ist. Füllt er doch jetzt mit seinem druckfrischen Band „Freistaat Flaschenhals“ eben diese Lücke, morgen Abend (20 Uhr) stellt er ihn in der Dillinger Buchhandlung „Drachenwinkel“ vor.

Ein neuer Kissel also. Endlich. Nach seinem fulminanten „Münchhausen“ 2016 hat der Beruser einen ganz schön warten lassen. Aber, gibt Kissel zu, auch ihm war diese Laune der Geschichte unbekannt, bevor ihm der Carlsen-Verlag das Angebot machte. Dabei liebt der 41-Jährige von jeher das Historische. Ja auch das Wegträumen in andere Zeiten. Schon seine Comic-Serien aus der Region wie die „Saarlegenden“ und das „Saarland-Album“ machten Geschichte zu Geschichten, mal aus der fernen, mal aus der jüngeren Vergangenheit des 20. Jahrhunderts.

Der Beruser Zeichner Bernd Kissel. Foto: Bernd Kissel

Mit dem „Flaschenhals“ blättern Kissel und Textautor Marco Wiersch nun aber ein besonderes Kapitelchen deutscher Geschichte auf. Klaus Schikowski, der Leiter des Comic-Segments bei Carlsen, berichtet Kissel, ist quasi der Vater des Ganzen. Dem spukte der gleichermaßen reale wie absurde Stoff länger schon im Kopf herum. Und Schikowski erzählte davon wiederum Wiersch, sonst als Drehbuchautor für ARD- wie ZDF-Fernsehreihen tätig. Fehlte bloß noch jemand, der eine schöne Idee und eine packende Story auch in Bilder verwandeln kann. Genau Kissels Kunst.

Mit „Münchhausen“, den Kissel zusammen mit Zeichner- und Autorenkollege Flix (Felix Görmann) schuf, lieferte der saarländische Zeichner schon eine prägnante Visitenkarte ab. Sein Entrée auf nationaler und – sogar – internationaler Comicbühne. Der Lügenbaron nach seinem Strich und Farben parliert mittlerweile nämlich auch niederländisch und russisch. Und Kissels historisch versierter Strich war nun genau richtig für das Freistaat-Vorhaben. Dabei wollte Kissel eigentlich nach dem Lügenbaron mit einem anderen Flunkerkönig weitermachen, aber die Indianer müssen noch warten. Zunächst war deutsche Geschichte dran.

Zweieinhalb Jahre intensives Tun stecken nun zwischen den Seiten. Wieder mal hat Kissel die Sieben-Tage-Woche zum Standard gemacht. Akribisch hat er recherchiert, war mit Autor Marco Wiersch auf Recherchetour im einstigen Flaschenhals-Gebiet. Sie trafen sich dort mit einer Historikerin, aber auch geschäftstüchtigen Winzern, die mit dem „Flaschenhals“-Etikett unterm Flaschenhals ihren Wein verkaufen. Und wieder mal hat Kissel sich reingekniet, in Museen und Büchern geforscht, wie etwa Alltagskleider, Uniformen und Waffen damals aussahen. Eigentlich ja nicht so sein Ding. Ist ihm an dem kurzzeitigen Mini-Staat doch gerade sympathisch, dass der – zwangsweise – waffenfrei war. Und selbst wenn diese Graphic Novel – als Reminiszens wohl an alte Fotografien – nun schwarz-weiß gezeichnet ist, entfaltet Kissel in den Grauschattierungen dazwischen doch eine Vielfalt, die Farbe vielleicht sogar zudecken würde.

Ihn hat diese Freistaat-Episode, die bloß vier Jahre währte, bis zum 25. Februar 1923, fasziniert. Auch weil der Flaschenhals wie ein Brennglas wirkte, Menschen auf kleinem Gebiet wie in einer Belagerungssituation leben mussten. Man überließ sie sich selbst. Alle Straßen, alle Verbindungen zum Deutschen Reich waren blockiert, die Versorgung oft dramatisch knapp. Sogar ein Kohlenzug wurde mal entführt, damit Flaschenhälsler was zum Heizen hatten. „Als Asterix-Fan hat mich das aber auch an das kleine gallische Dorf erinnert“, schmunzelt Kissel.

Für den Zeichner wurde der „Flaschenhals“ aber tatsächlich auch zum Flaschenhals. So ganz und gar hatte er sich dem Projekt verschrieben, dass anderes zurückstehen musste. Seine Hingabe aber, das verraten schon die ersten Blicke in den Band, hat sich ausgezahlt. Und bestätigen, was der „Münchhausen“ bereits versprach. Bernd Kissel hat eine neue Ebene erreicht, erzählt zeichnend mit dem großen Atem eines Romanciers. Für den „Münchhausen“ gab es übrigens nicht bloß einen Preis und eine zweite Auflage, die Berliner Off-Bühne Pfefferbergtheater hat daraus auch eine zauberhafte Melange aus echtem Spiel und Projektion der Kissel-Zeichnungen gemacht. Sein Comic lebt. Mal schauen, was jetzt aus dem „Flaschenhals“ noch so alles rauskommt.

„Freistaat Flaschenhals“: Marco Wiersch/Bernd Kissel, Carlsen, 208 Seiten, 20 Euro.
Buchvorstellung: 8. November, 20 Uhr, Buchhandlung „Drachenwinkel“, Dillingen.

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