Saar-Staatstheater und Musikhochschule Saar zeigen die Oper "Coraline".

Oper für die ganze Familie in der Alten Feuerwache : Pubertäre Nöte und skurriler Grusel

In Kooperation mit dem Staatstheater zeigen junge Künstler der Musikhochschule die gelungene Fantasy-Oper „Coraline“.

Ein dubioses neues Zuhause, Regen, Langeweile, irre Nachbarn, dazu Papas bescheidene Kochkunst – „Das ist der schlimmste Tag!“,  befindet Coraline. Mit ihren Eltern ist die Elfjährige in das unheimliche alte Herrenhaus gezogen, das die Familie von der Großmutter geerbt hat. Wie sich diese verheißungsvolle Atmosphäre auf die Bühne der Alten Feuerwache zaubert, macht Laune: Hinter Umzugskisten dräuen eine düstere Tapete, ein offener Kamin, ausgestopfte Tiere und ein olles Gemälde, das im Lauf des Abends zum Leben erwacht. Darüber thront, quasi auf dem Dachboden, das Orchester.

Dass den jungen Musikern Mäuseohren wachsen, passt, symbolisieren sie doch das „Mausorchester“ aus Mark-Anthony Turnages Familienoper „Coraline“: Am Samstag erlebte das 2018 uraufgeführte, zeitgenössische Musiktheater nach dem gleichnamigen Fantasy-Horror-Roman von Neil Gaiman (Libretto: Rory Mullarkey) eine verdient frenetisch gefeierte Premiere in der Reihe „Junge Stimmen“. Damit setzt die Hochschule für Musik Saar (HfM) ihre im vergangenen Jahr mit der Alte-Musik-Oper „Croesus“ begonnene, fabelhafte Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater (SST) fort: Alle Sänger und Musiker sind Studenten der HfM, Inszenierung und Ausstattung besorgt das SST.

„Coraline“ erzählt von pubertären Nöten, allzu beschäftigten Eltern und kindlicher Neugier, von Erfindergeist, Mut, Ur-Vertrauen und dem Überwinden von Ängsten – zeitlose Themen, eingebettet in wohlig antiquierten und skurrilen Grusel. Trotz der Warnung des Geisterkinder-Chores (Luise Melerski, Jaehyung Park, Peter Speth) öffnet Coraline (als sympathische Schmollbacke begeistert die ausdrucksstarke Lisa Bebelaar) geheimnisvolle Türen und landet in einer Parallelwelt. Hier sehen alle Menschen genauso aus wie in echt, haben aber Knöpfe statt Augen. Vor allem aber sind sie viel zugewandter, fitter und fideler, so die beiden exzentrischen Schauspielerinnen Miss Spink und Miss Forcible (ein herrlich burleskes Paar: Selina Schröer, Natalie Jurk) oder der seltsame Mäuseorchester-Chef Mr. Bobo (Geunhwan Kim).

Und die Eltern (Elisa Wehrle, Johannes Kruse) setzen ganz andere Prioritäten: Sie haben alle Zeit der Welt für ihre Tochter und wollen sie maßlos verwöhnen – vorausgesetzt, Coraline opfert ebenfalls ihre Augen. Angesichts dieser Bedingung erscheint Coraline die unperfekte Wirklichkeit plötzlich sehr heimelig. Als sich die „Andermutter“ (züngelnd und knochenklappernd ist Amadea Lässig in jeder Hinsicht eine Wucht) als grausame Hexe entpuppt, die Coralines Eltern hinter einem Spiegel gefangen hält, wächst Coraline über sich hinaus, um ihre Eltern zu retten.

Der fantastische Stoff, von Henry Selick („A Nightmare before Christmas“) 2009 als Stop-Motion verfilmt, lässt sich als moderne Version von „Alice im Wunderland“ lesen. Zugleich spielt er mit dem Doppelgänger-Motiv der Romantik sowie mit Märchenelementen. Und mittels eines abgetrennten eiskalten Händchens, das hier an unsichtbaren Fäden mordgierig umher geistert, integriert er gleich noch eine Hommage an den SW-Horrorklassiker „Die Bestie mit den fünf Fingern“ (USA 1946). Dass das alles mit viel Gespür für Darstellerführung, konsequentes Erzählen, stimmige Charaktere und Witz in Szene gesetzt wird, verdankt sich Musikdramaturgin Renate Liedtke, die bereits mit ihrer Regie der Kinderoper „Gold“ überzeugte. Die detailverliebte, farbenprächtige Ausstattung (Bühne und Kostüme: Franziska Harbort, Licht: Patrik Hein) arbeitet ihr zu: Mit morbidem Charme erinnert hier vieles an Tim Burton, den cineastischen Herrn der Finsternis.Christian Schüller (HfM), der 2017 mit der beachtlichen Hochschul-Produktion „The Rape of Lucretia“ (Benjamin Britten) sein Operndebüt gab, empfiehlt sich hier erneut als Spezialist für moderne Tonsprache: Unter seiner umsichtigen musikalischen Leitung zeigt sich das Orchester hervorragend instruiert, während die Sänger durchweg mit geschmeidiger Stimmführung, sauberer Intonation und hoher Sprachverständlichkeit begeistern. Bloß schade, dass diese rundum gelungene Kooperation nur noch zweimal zu sehen ist.

Wieder: Karsamstag, 20. April, 17 Uhr; Ostersonntag, 21. April, 16 Uhr. Karten Tel. (06 81) 30 92 486.

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