Saar-Staatstheater: "Die kleine Meerjungfrau" als Weihnachtsstück.

Kostenpflichtiger Inhalt: Weihnachtstück im Staatstheater Saarbrücken : Pubertieren geht auch unter Wasser

„Die kleine Meerjungfrau“ wurde diesen Winter am Saar-Staatstheater angespült und schlägt dort als pubertierende Jugendliche im Weihnachtsmärchen hohe Wellen. Am Sonntag war Premiere.

Sie spielt Tiefsee-Tennis und tanzt Robben-HipHop. Ihr Vater Aquarius (Fabian Gröver), alleinerziehender, gestresster Meerkönig von sieben anstrengenden Töchtern, bringt seine Jüngste morgens persönlich mit dem Manta zur Schule. Und trotzdem ist die verwöhnte, pubertierende Göre aufmüpfig und undankbar! „Alle schwimmen doch durch die Meere, Paps!“, zetert Mara, die kleine Meerjungfrau (Mirjam Kuchinke). „Nur ich darf nicht!“. Unter Wasser pubertiert es sich eben auch nicht anders als an Land, wo der Küchenjunge Pip (Silvio Kretschmer) wohnt, der zum geliebten „Seelenfreund“ der kleinen Meerjungfrau wird und sich gemeinsam mit seiner Freundin aus der Unterwasserwelt aufmacht, das Leben jenseits der Kombüse zu entdecken. Verhandelt wird hier der klassische Eltern-Kind-Konflikt, es geht um Abnabelung, Freiheitsdrang und Selbstbestimmung und eine eigentlich unmögliche Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Mädchen aus zwei sich fremden, ja feindlichen Welten.

Ein universelles, immer aktuelles Thema also, das Hans Christian Andersen 1837 moralisch-christlich verarbeitete. Bei ihm ist die Meerjungfrau ein zartes Wasserwesen, das sich schmachtend nach dem schönen Prinzen verzehrt, den sie vorm Ertrinken rettet, aber nicht haben kann. Sie lässt sich verzaubern, damit ihr Beine wachsen, sie eine Seele bekommt und vom Prinzen geliebt wird. Doch der entscheidet sich für eine andere. Damit ist das Schicksal der kleinen Meerjungfrau besiegelt, sie muss sterben, es sei denn, sie tötet den Prinzen. Aus Liebe entscheidet sie sich dagegen und wird zur Belohnung ein ewiger Luftgeist.

Die Saarbrücker Inszenierung von Michael Schachermaier – ursprünglich für das Theater Freiburg entstanden – bedient sich nur motivisch bei dem dänischen Schriftsteller. Statt einer Geschichte um unerfüllte Liebe, Aufopferung und Erlösung erzählt Schachermaier von den Herausforderungen pubertierender Jugendlicher, von Freiheitsdrang, Emanzipation und Selbstbestimmung. Nicht die Meerjungfrau muss sich hier ändern, um zu gefallen, sondern der Junge wird zum Fisch. Wie könnte es anders sein, als dass die Superheldin ihn rettet. In modernen Kinderbüchern ist diese Umkehrung traditioneller Geschlechterverhältnisse heute üblich. 

Und so ist in diesem Weihnachtsmärchen für Kinder ab sechs Jahren eine „Coming-of-Age“-Geschichte versteckt. Verstehen werden die Allerkleinsten den Subtext nicht, aber das ist angesichts der fantasievollen, witzigen Inszenierung mit mitreißender Musik von Parviz Mir-Ali auch nicht unbedingt nötig. Achim Schneider setzt sie an E-Piano und Cello souverän auf der Bühne um, die Darsteller singen viel und mehrheitlich gut. Vor allem Ali Berber als tuntige Meerhexe Tante Vica ist eine Wucht. Wie eine Drag Queen stöckelt er, einen grün funkelnden Drink in der Hand, durch die Tiefsee-Grotte seiner Figur. Als Meerhexe hält sie dort die Seelen verzauberter Menschen gefangen – in durchsichtigen Luftballons. Am Ende steigen sie damit nach oben und werden gerettet. Ein schönes Bild. Mara lässt sich auf die Meerhexe ein, um ihrem Freund Pip ihre Welt zu zeigen. Der wiederum beweist Mut, weil er sich traut, die Zauberalgen der Meerhexe zu essen, die ihn nach und nach in einen Fisch verwandeln. Doch hat der überhaupt eine Seele? Und was ist das eigentlich? Auch diese philosophische Frage klingt in dem Stück an.

Die Bühnenbildner Karl Fehringer und Judith Leiksich haben sich eine wunderbare Kulisse ausgedacht, mit stilisiertem Seegras und Algen und wunderbaren Videoinstallationen, in denen Fischschwärme auf der Bühnen-Leinwand vorüberziehen und sich das Sonnenlicht im Wasser bricht. Die paillettenbesetzten Fischschwanz-Roben des Meervolkes von Alexander Djurkov Hotter möchte man am Liebsten haben. Für Raimund Widra als eleganten Krebs Carlos mit Hang zur Theatralik gibt es riesige Scherenhandschuhe. Und auch Puff, der Kugelfisch mit Sprachfehler (Verena Bukal), ist entzückend. Ganz köstlich ist Christiane Motters Kurz-Auftritt: Mit rosa Pailletten-Fischschwanz gibt sie Maras hippe, stylische Schwester, die am liebsten ihre Schuppen pflegt und der neidischen Kleinen von den coolen Partys bei den Clown-Fischen vorschwärmt. Einige Darsteller des siebenköpfigen Ensemble sind in Doppelrollen zu sehen. Und für alle gilt: Immer schön wie Fische in Bewegung bleiben! Denn das Stück spielt hauptsächlich unter Wasser, und dort wird ohne Pause mit den Flossen/Armen gewedelt, was dem Ganzen eine beeindruckende Dynamik verleiht. Weil nicht gespart wird mit Zitaten, haben auch Erwachsene (ab einem bestimmten Alter) ihren Spaß: Man erkennt Western-Filmmusik wieder und lacht über deutsche Waterkant-Comedy-Versatzstücke à la Mike Krüger. Lustiges, robustes, bunt-fantasievolles Kinder-Musical-Theater zeigt das Staatstheater diesen Winter. Wer es romantisch-melancholisch liebt, sollte Andersens Märchen lesen.

Meerjungfrauen-Geschwister unter sich: Christiane Motter (l.) und Mirjam Kuchinke. Foto: karger/Astrid Karger

Viele Vorstellungen bis Januar. Karten unter Tel. (06 81) 30 92 486.

Mehr von Saarbrücker Zeitung