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,,Rose Royal“, der neue Kurzroman des lothringischen ,,Prix Goncourt“-Preisträgers Nicolas Mathieu

Eine unvergessliche Frau : Der Abgrund, nur eine ,,Neun-Millimeter“ entfernt

„Rose Royal“ heißt der neue Kurzroman des lothringischen „Prix Goncourt“-Preisträgers Nicolas Mathieu.

Rose ist fast Fünfzig, hat sich gut gehalten und immer noch schöne Beine. Ja, sie ist durchaus noch attraktiv, auch wenn ihre Haare an Fülle verloren haben, „jenen sinnlichen Überfluss, der ihren Erfolg begründet hatte“. Sekretärin ist sie und lebt in Nancy. Wie ihr Schöpfer Nicolas Mathieu, der 2018 für sein Romandebüt „Wie später ihre Kinder“ – ein unerhört gutes Zeitpanorama der abgehängten Arbeiterklasse und deren immer weiter vererbter Aussichtslosigkeit in Lothringen – zurecht den Prix Goncourt gewann.

Von Männern erwartet Rose sich nicht mehr viel, dazu ist sie einfach zu oft reingefallen. „Sie hatte jenes schwierige Alter erreicht, in dem sich die verbliebene Frische, das Funkeln im Alltag aufzulösen schien“, schreibt Mathieu zu Anfang seines Kurzromans, eigentlich eher eine Novelle, über seine Hauptfigur. Keine 100 Seiten lang, erweist sich „Rose Royal“ dank Mathieus sezierendem, von schonungsloser Genauigkeit getragenem Zugriff als literarisches Kabinettstück, als Psychogramm einer ebenso lebenslustigen wie toughen Provinzlerin. Schon auf den ersten Seiten sehen wir Rose nach Feierabend in einer Bar einkehren: „Das Bier war kalt, die Zeitung schon zerlesen, und unter ihrer rechten Sohle spürte sie das feste Metall der Fußstütze: Diese drei Empfindungen ergaben für sie schon eine Welt, ein annehmbares Zuhause.“ Der Nachsatz sagt alles: Rose hat sich im Mittelmaß dosierter Vergnügungen passabel eingerichtet. Hauptsache, ihr kommt keiner mehr doof. „Die Prüfungen des Lebens hatten sie hart gemacht. Das war ein Geschenk. Rose war jetzt stark.“

In der Bar wird es später zur ersten dramatischen Wende des Buchs kommen: Nachdem der Abend dort dank einer Abiturientenhorde in Feierlaune mächtig in Fahrt gekommen ist, platzt ein Mann mit seinem verblutenden Hund hinein. Rose wird ihn mit einem gezielten Schuss aus dem Revolver erlösen, den sie in der Handtasche hat. Eine „Neun-Millimeter“, die sie sich besorgte, nachdem ihr letzter Typ fast gewalttätig wurde. Danach beschloss sie: „Die Angst sollte die Seiten wechseln.“ Stets genügen Mathieu wenige pointierte Sätze, um Roses Psyche auszuleuchten.

Der Typ, dessen angefahrenen Hund sie erschießt, wird zu Roses neuem Lover. Luc ist in ihrem Alter, kauft Bruchbuden, die er aufmöbelt und weitervertickt, fährt einen chicen SUV, redet zwar nicht viel, hat aber einigen Charme und Stil. Bald sind Luc und Rose ein Paar, verbunden durch ein ähnliches Los (Scheidung, erwachsene Kinder, vom Leben zwar ernüchtert, aber nicht niedergestreckt) und die Hoffnung, dass es diesmal halten könnte. Mathieu wäre nicht Mathieu, wenn er dieses Projekt nicht genüsslich auf Grund laufen lassen würde. „So kam es, dass sich Rose, obwohl sie sich doch das Gegenteil geschworen hatte, in die Widersprüche des Pärchendaseins verwickeln ließ“, heißt es anfangs so, als könne die Beziehungswaage auch ins Behagliche kippen. Doch dazu wiegen die Widersprüche zu schwer. Von ihnen handelt der zweite Teil des Buchs. Ihre gemeinsam geleerten Flaschen helfen Rose & Luc eine Weile, sich eine gewisse Leichtigkeit vorzugaukeln. Lucs Verstocktheit und sexuelles Ungenügen aber werden alles zunichte machen. „Eine Frau und ein Mann, mit ihrem Alkoholproblem, ihren Geldsorgen, ihren Falten und unbefriedigenden Bettgeschichten, mit ihren Autoschlüsseln und den Medikamenten, die sie vorm Essen einnehmen mussten, ihren schlechten Angewohnheiten und endlosen Erinnerungen, den Rechnungen auf einer kleinen Kommode im Flur, der Fernbedienung auf dem Programmheft, verschiedenfarbigen Ordnern, in denen die Mühen aus dreißig Jahren in Papierform abgelegt waren.“

Die zweieinhalb Jahre, in denen Rose & Luc ein Paar sind, dem das Unglück von Anbeginn an unter der Haut sitzt, fängt Mathieu auf 40 Seiten als das ein, was sie seiner Intention nach sind: die prototypische Berg- und Talfahrt zweier Liebesbedürftiger, die „die Gleichung aus Ablehnung und Anziehung“ nicht lösen können. Wie heißt es einmal?: „Ein Tag hatte den nächsten ergeben, und Veränderungen waren durch stillschweigende Zustimmung, Müdigkeit oder Höflichkeit zustande gekommen. Bei genauerer Betrachtung erklärten die Gesetze der Trägheit und der Schwerkraft beinahe alles.“ Der 1978 in Épinal geborene Nicolas Mathieu ist ein Meister im Nachzeichnens des Abgleitens in den nicht trocken zu legenden Gewohnheitssumpf namens „unser Leben“. Manchmal schlägt Mathieu vielleicht einen Haken zu viel, auch wirkt nicht jede Wendung in diesem Zwei-Personen-Drama stringent. Unterm Strich jedoch gelingt ihm mit „Rose Royal“ ein sublimes literarisches Vexierbild, dessen in sich zerrissene Hauptfigur man so schnell nicht wieder vergessen kann.

 Autor Nicolas Mathieu, Gewinner des Prix Goncourt 2018.
Autor Nicolas Mathieu, Gewinner des Prix Goncourt 2018. Foto: Astrid Karger

Nicolas Mathieu: Rose Royal. A.d. Frz. von Lena Müller und André Hansen. Hanser Berlin, 95 Seiten, 18 Euro