"Rodin / Nauman" in der Modernen Galerie

"Rodin / Nauman" in der Modernen Galerie : Glücksfälle in Gips und Neon

Die Moderne Galerie in Saarbrücken stellt zwei Ausnahmekünstler einander gegenüber: Auguste Rodin und Bruce Nauman. Die Ausstellung beginnt am Freitagabend.

Verwegen klingt das Projekt: Kann man den französischen Bildhauer Auguste Rodin (1840–1917) und den US-amerikanischen Konzeptkünstler Bruce Nauman (77) in einer Ausstellung zeigen? Beide sind zwar innovative Künstler ihrer Zeit, aber es trennt sie ein Jahrhundert. Wagemutig ist das Unterfangen schon deshalb, weil vor drei Jahren eine ähnliche Ausstellung zu Alberto Giacometti und Bruce Nauman in der Frankfurter Schirn Kunsthalle kaum überzeugen konnte. Zu viel Nebeneinander, zu wenig Dialog der Werke und Theorien, welche die Ausstellung nicht belegen konnte.

Der Saarbrücker Museumsleiter und Kurator Roland Mönig hatte 2016 gerade mit den Planungen zur nun in der Modernen Galerie gezeigten Ausstellung begonnen, als er von der Frankfurter Schau überrascht wurde. Kurz überlegte er, ob er die Idee fallen lassen sollte und entschied sich nach dem Ausstellungsbesuch anders. Seine Devise: „Das muss besser gehen.“

Es ist erstaunlich wie wunderbar die Ausstellung in Saarbrücken tatsächlich funktioniert. „Rodin/Nauman“ erschließt neue Sichtweisen auf das Œuvre der beiden. „Die Ausstellung führt erstmals zwei wegweisende Künstler zusammen, die in ihrer Zeit das Denken über Kunst in radikaler Weise verändert haben“, erklärt Mönig, „und zugleich unseren Blick auf den Menschen und auf die menschliche Existenz geprägt haben.“ Dabei ist schon die üppige Bestückung der Ausstellung ein Glücksfall. Wichtige Hauptwerke beider Künstler sind vertreten; insgesamt präsentiert Mönig 86 Arbeiten von August Rodin und 48 Arbeiten von Bruce Nauman. Viele waren bisher nur selten öffentlich ausgestellt und schon lange nicht mehr zu sehen.

Bruce Naumans „Marching Man“ aus dem Jahr 1985. FOto: Walford /Hamburger Kunsthalle / VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: www.bridgemanart.com

Insbesondere Rodin erscheint in neuem Licht. Seine Arbeiten sind ein kontinuierliches Erforschen von Körper und Raum. Er tut das mit äußerster Vehemenz und ähnlich brachial wie Nauman. Post-Minimalist und Konzeptkünstler Bruce Nauman spielt mit Grenzen, lotet die Möglichkeiten von Kunst aus und hinterfragt dabei stets die Natur des Menschen. Er besticht durch seine ungeheure Vielfalt künstlerischer Ansätze und Methoden, nutzt Video, Performance, Installation, Fotografie und Bildhauerei.

In fünf Kapiteln kreist die Ausstellung um die Leitmotive Körper, Raum, Fragment und Psyche und beleuchtet das künstlerische Selbstbild der Protagonisten. Die Gegenüberstellung offenbart erstaunliche Parallelen. Für beide manifestiert sich in der Präsenz und in den Aktionen des Körpers eine Befindlichkeit des Menschen. Der Körper wird zum Ausdruck emotionaler Zustände. Konstruktion und Dekonstruktion des menschlichen Körpers sind dabei wesentliche Elemente in der künstlerischen Arbeit sowohl von Rodin als auch von Nauman.

Schönheit aus Gips: Auguste Rodins „Torse d‘Adèle“ aus dem Jahr 1882. Foto: Christian Baraja / Musée Rodin Paris. Foto: collections du musee Rodin, Paris/Christian BARAJA

Am auffälligsten werden die Gemeinsamkeiten im Kapitel „Fragmente“. Hier muss man fast schon raten, wer welche Arbeit geschaffen hat. Nauman bleibt näher am realen Objekt und lädt es künstlerisch auf. Rodin spielt geradezu revolutionär mit der Form. Wie Nauman lässt Rodin Spuren des Arbeitsprozesses sichtbar werden. Während der Amerikaner vor allem sich selbst und den eigenen Körper als Material nutzt, arbeitete Rodin vor allem mit Gips, modellierte Körper, nahm sie auseinander und kombinierte scheinbar wahllos Körperfragmente zu skulpturalen Ensembles.  Den Torso erhob er zum eigenständigen Kunstobjekt und trug so zur Überwindung des traditionellen Verständnisses von Schönheit, Vollendung und Harmonie bei. Auch Nauman fragmentiert den Körper und gruppiert Hände oder Köpfe zu skulpturalen Assemblagen der Wirklichkeit, die Emotionen offenlegen.

Mönig verzichtet auf eine chronologische Hängung. „Die Ausstellung ist keine Doppelretrospektive“, betont der Museumsleiter, „wir haben eine thematische Hängung gewählt, um die Künstler einander besser gegenüberstellen zu können.“ Die ausgeklügelte Ausstellungsarchitektur erlaubt immer wieder Querverweise, Durchblicke und Echos der Werke, spielt aber auch mit Brüchen im Erzählrhythmus und fordert so das Auge. Etwa wenn man von den zarten erotischen Zeichnungen Rodins auf Naumans „Marching man“ schaut. Die nacheinander aufleuchtenden Neonröhren suggerieren Bewegung. Geht man aufs Objekt zu, erscheint daneben Rodins „Der Schreitende“ und seitlich davon Naumans Videos mit stoisch sich wiederholenden rhythmisch-ritualisierten Bewegungen. In der Sichtachse taucht Rodins Plastik „Die drei Schatten“ auf, eine männliche Figur in drei Posen, die Bewegung suggeriert.

Immer wieder versuchen Museumsmacher mit großen Namen ein breites Publikum anzulocken. Kaum eine Fragestellung, die nicht schon mal mit Picasso, Cézanne oder van Gogh versucht wurde. Die Idee, nun einen solchen Heroen nicht etwa in einer erneuten Retrospektive zu zeigen, sondern ihn einem zeitgenössischen Künstler gegenüberzustellen, erweist sich als Volltreffer. Nie war Rodin so modern und so aktuell wie in der Saarbrücker Ausstellung. Sie zeigt uns den Bildhauer als radikalen Wegbereiter der Moderne und lässt uns Naumans figurative Exzesse verstehen. Ein seltener Glücksfall.

Bis 26. Januar 2020. Eröffnet wird die Ausstellung an diesem Freitag um 19 Uhr. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr; Mittwoch 10 bis 20 Uhr.

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